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Als am Rathaus die rote Fahne wehte

Ende des Ersten Weltkrieges in Herne, Eickel und Wanne

„Wer will, dass es zum Frieden kommt, der zeichne Kriegsanleihe. Und wer will, dass der Frieden möglichst gut wird, der zeichne erst recht Kriegsanleihe. Darum zeichne!“ So warb der Herner Anzeiger noch am 2. November 1918 für die Finanzierung des Ersten Weltkrieges.

Revolte erreicht das Revier

Einen Tag später begann in Kiel der Aufstand der Matrosen, die nicht noch einmal in einen aussichtslosen Krieg ziehen wollten. Am 8. November  erreichten die revoltierenden Matrosen die Waffenschmiede der Nation, das Ruhrgebiet.

Die Menschen im Deutschen Reich, so auch in Herne, Eickel und Wanne, die bedingungslos in den Dienst des Kampfes an der Front gestellt und so zur „Heimatfront“ gemacht wurden, wollten und konnten nicht mehr. Die sogenannte „Augustbegeisterung“ 1914 war längst verblasst. Die Versorgungslage zeigte sich katastrophal, überall im jetzigen Herner Stadtgebiet wurden „Kriegsküchen“ eingerichtet. Der zum Symbol für Hungersnöte gewordene Steckrübenwinter 1916/17 verursacht durch die britische See blockade, Missernten und chaotisches Verwaltungshandeln, Hungerkrawalle, Streiks und die wachsenden Zahlen an gefallenen Soldaten setzten den Menschen immer mehr zu.

1600 Gefallene in Alt-Herne

„Und das Schlimmste ist der Hunger. Hunger, Hunger, im Lande und im Felde. Keine Kartoffeln sind mehr da, größtenteils nur Steckrüben. Morgens, mittags, nachmittags und abends Steckrüben, in aller Form. Kein Wunder, wenn das Volk aufmuckt und große Aufstände hervorruft, in den größeren Städten.“ So beschrieb die Schülerin Lisa Beuge in ihrem Tagebuch die immer stärker werdende Antikriegsstimmung.

Am 9. November 1918 schließlich dankte Kaiser Wilhelm II. ab und der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann rief in Berlin die Demokratie aus. Nach einer Kundgebung wurde an diesem Tag in Herne auf dem Rathaus die rote Fahne gehisst. Am 11. November unterschrieben deutsche Vertreter den Waffenstillstand. Die Bilanz des Krieges allein auf Alt-Herner Gebiet: 1596 gefallene oder gestorbene Soldaten und eine ungenannte Zahl von an Leib und Seele versehrten Kriegsheimkehrern.

Den spontan gebildeten Arbeiter- und Soldatenräten gelang es in der unruhigen Nachkriegssituation, die Lage der Menschen zu erleichtern sowie sozialpolitische und demokratische Verbesserungen zu erreichen.

Die erste deutsche Demokratie

So schrieb man ein bedeutendes Kapitel in der deutschen Geschichte: Mit der Einführung der ersten deutschen Demokratie wurde am 12. November 1918 die volle Beteiligung von Frauen am politischen Leben gesetzlich verankert. Das Dreiklassenwahlrecht war nicht mehr, nun konnten alle Frauen und Männer gleich, geheim und direkt ihre Politikerinnen und Politiker wählen. Am 19. Januar 1919 gab es die Premiere, Frauen nahmen als Kandidatin oder Wählerin an den Wahlen zur Weimarer Nationalversammlung teil. Entsprechend wurde nun auch um deren Stimmen gebuhlt.

Frauen unter den „neuen Männern“

Am 2. März 1919 war es dann in Herne soweit. Nach den Kommunalwahlen vertraten erstmalig Frauen die Bürgerinnen und Bürger im Herner Stadtrat, namentlich Anna Weil (Zentrum), Berta Seidel und Sophie Wenzel (beide SPD). Der Herner Anzeiger zeigte sich mit der politischen Gleichstellung von Frauen und Männern noch nicht auf der Höhe der Zeit, titelte er am 03. März bei der Bekanntgabe des Wahlergebnisses doch: „Die neuen Männer“.

Siehe auch unter: herne-damals-heute.de/weltgeschehen-trifft-lokale-geschichte/die-novemberrevolution-von-1918-in-herne-und-wanne-eickel/

Jürgen Hagen