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Buchempfehlung: Die Männer von Luise

Zeitdokument der Kohlenära aus Stadtarchiv-Tiefen geborgen

Gesicht eines Bergarbeiters. ©Anna-Lina Mattar. Gesicht eines Bergarbeiters. ©Anna-Lina Mattar.

Festivitäten, Ausstellungen, Buchveröffentlichungen und anderes „Gedöns“ werden das letzte Jahr der Kohle im Jahre 2018 einläuten. Ende Dezember schließt mit Prosper-Haniel die letzte Zeche im Ruhrgebiet. Der Autor und Historiker Ralf Piorr kommt vielen zuvor und legt schon Ende 2017 eine Publikation vor.

„Die Männer von Luise“ heißt das 126-seitige Buch, das jüngst im Klartext-Verlag erschienen ist und 13,95 Euro kostet. Zur Veröffentlichung kam es durch einen reinen Zufall. Bei seinen gelegentlichen bis häufigen Besuchen im Stadtarchiv entdeckte Ralf Piorr „zwei unscheinbare graue Ösenhefter mit Schreibmaschinenseiten auf dünnen Papier. Nur der verblasste Stempelaufdruck ‚Stadtarchiv Herne 4690 Herne 2‘ auf dem Pappkarton verwies auf eine archivarische Entgegennahme in den 1980-er Jahren. Ansonsten keine Registratur, kein Vermerk, kein Autor, kein Titel, keine Ortsangabe.“ Piorr schildert das Erlebnis seiner Entdeckung unter „Spurensuche“ im gleichen Büchlein. Nun war die Neugierde geweckt, Piorr nahm sich das Manuskript vor und las es in einem Zug durch. „Es geht um die Arbeit im Bergbau, um eine ungeschönte Beschreibung des Lebens in der Kolonie“, erkannte Piorr.

Luise_15.11.2017.inddRalf Piorr (Hg.): Die Männer von Luise.

Mit Illustrationen von Anna-Lina Mattar.

Klartext-Verlag, 2017.

13,95 Euro.

Der Stil der Erzählung ist absolut authentisch – nur ein Bergmann kann den Text geschrieben haben, so kohlenstaubtrocken wie er klingt. Eine kleine Kostprobe: „Reiner Zufall war es, als sie feststellen mussten, dass die Silikose die Tuberkulose gebiert: Steiger Dolte, der das Revier und damit auch den Abbau von Luise übernommen hatte, brauchte nur fünf Jahre, bis auch ihm die Zechenkapelle das ‚Lied vom guten Kameraden‘ gedämpft intonierte.“ Der Herausgeber sieht darin „das ungeschönte Resümee eines Kumpellebens, ein fast deprimierender sozialer Realismus fern von den nostalgischen Verklärungen.“ Der anonyme Autor lässt die Geschichte im fiktiven Bergwerk „Vereinigte Höhen und Tiefen“ mit seinem unsicheren Flöz Luise spielen. Dabei könnte es sich, mutmaßt Piorr, um die Krupp-Zechen Hannover und Hannibal handeln.

  • Eine Bergarbeiter-Beerdigung. ©Anna-Lina Mattar, Klartext-Verlag.

Dem unbekannten Autor

Der Autor bleibt im Dunkeln. Piorr schildert spannend, wie er auf die Suche nach Namen ging und wie seine Gesprächspartner spekulierten und vermuteten. Aber alle Recherchen, die den Stil und die sonstigen Gegebenheiten mit real existierenden Personen verglichen, verliefen im Sand. Auch die Befragung von Experten führte nicht weiter. Vielleicht führt am Ende die Veröffentlichung selbst dazu, dass der Autor sich zu erkennen gibt. Piorr und der Klartext-Verlag haben den Original-Text etwas gekürzt und teilweise sprachlich bearbeitet. Aus der Erkenntnis heraus, dass viele das „Püttpouri“ nur aus den Schilderungen ihrer Großväter kennen, hat Piorr ein ausführliches Glossar beigefügt, das von der „Pannschüppe“ über die „Marie“ bis zum „Sargdeckel“ reicht. Bewusst hat Piorr auf die konventionelle „fotografische Ikonografie“ verzichtet: Eindrucksvoll hat die junge Illustratorin Anna-Lina Mattar sehr dunkel wirkende Bergbau-Bilder, an denen der Kohlenstaub zu haften scheint, in Kaltnadelradierungen gestaltet. Als Maluntergrund nutzte sie Tetrapaks – die Falzkanten der Kartonverpackungen sind noch zu erkennen.  Ein Nachwort hat Arnold Maxwill zum Thema „Arbeitslandschaft mit Invaldien“ geliefert.

Aus den Tiefen des Archivs geborgen

Ralf Piorr gebührt der Verdienst, dieses Kleinod eines vergessenen Zeitdokumentes aus den Tiefen des Archivs geborgen und an die Öffentlichkeit gebracht zu haben – und das zu einem Zeitpunkt, an dem eine Ära mit der Schließung der letzten Zeche nicht nur historisch als abgeschlossen gilt.

Horst Martens