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Damit der neue Alltag gelingt

Projekte helfen Geflüchteten in Herne anzukommen

Sylke Reimann-Perez und Katrin Marz mit Marcel, Fatmanur, Gudrun Thierhoff und Dr. Jochem Müller

Wie finden Kinder, die noch kein Deutsch können, Anschluss in der Schule? Wie finden Neuzugewanderte, die sich nicht auskennen, den richtigen Arzt? Und wer betreut die Kinder, während die Erwachsenen im Sprachkurs sind? Damit Integration im Alltag gelingt, unterstützt die Stadt Herne viele kleinere Projekte, die Geflüchteten helfen, in Herne anzukommen und sich im Alltag zurecht zu finden.

  • Annette Frenzke-Kulbach leitet das Teilprojekt soziale und gesellschaftliche Integration. ©Thomas Schmidt, Stadt Herne

Kinder lösen gemeinsam die Knoten

Für die Kinder der Gesamtschule Mont-Cenis bedeutete das unter anderem Knoten zu lösen, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. „Wir haben mit einer Hand ein Seil festgehalten und mit der anderen Hand die Knoten gelöst. Erst haben wir es drei Mal nicht geschafft, dann haben wir alle gewonnen“, erinnert sich Fatmanur aus der fünften Klasse. „Wir haben gelernt, dass wir zusammen arbeiten müssen. Wir haben Spiele gespielt und einen Vertrag geschlossen, dass wir zusammenarbeiten und keine Gewalt anwenden“, erzählt der elfjährige Marcel.

Zwei  Tage lang haben alle fünften Klassen der Schule im Lighthouse Herne ihre Sozialkompetenzen trainiert. Auch Kinder, die die deutsche Sprache nicht beherrschen, konnten dabei mitmachen. Verständigt haben sie sich mit Zeichen. Kinder, die noch Deutsch lernen müssen, werden zunächst in Integrationsklassen unterrichtet und nehmen dann immer häufiger am normalen Unterricht ihrer Klasse teil.

Beide Seiten müssen mithelfen

„Die Schülerinnen und Schüler der fünften Klassen kommen aus unterschiedlichen Grundschulen und aus unterschiedlichen Ländern. Uns war klar, dass wir das soziale Gefüge der Klasse fördern müssen, um allen ein gutes Ankommen zu ermöglichen“, erklärt Sylke Reimann-Perez, die Schulleiterin der Mont-Cenis-Gesamtschule. Dabei gehe es nicht nur darum, dass die neuen Schüler sich einfügen – die heimischen Schüler müssten auch bereit sein, die Neuen aufzunehmen. Damit das klappt, haben sie über den städtischen Verfügungsfonds das Training bezahlt und Kinder und Lehrer geschult.

Mit der Zeit soll die Schule dann in der Lage sein, die Sozialkompetenz ihrer Schüler selbst zu trainieren. „Wir wollen damit die Kultur der gesamten Schule prägen, weil auch die älteren Klassen immer wieder neue Mitschüler bekommen werden. Wichtig ist, die Wertschätzung füreinander zu verbessern“, so Reimann-Perez.

Schnelle, unbürokratische Hilfe

In dem sogenannten Verfügungsfonds stellt die Stadt Herne drei Jahre lang je 200.000 Euro bereit, mit denen kleine Projekte schnell und unbürokratisch finanziert werden können. Im ersten Jahr, 2017, konnten bereits eine ganze Reihe von Projekten ermöglicht werden. „Europäische Mittel sind oft langwierig zu beantragen. Dieser Fonds bedeutet schnelle, unbürokratische Hilfe. Damit können wir auch neue Wege ausprobieren“, sagt Dezernentin Gudrun Thierhoff. Vergeben werden die Mittel nach klaren Richtlinien, die die Stadt festgelegt hat. So müssen die Projekte nachhaltig sein und nach einer Weile ohne zusätzliche Finanzspritzen auskommen.

Ärzte helfen ehrenamtlich aus

Ein anderes Projekt, das über den Verfügungsfonds gefördert wurde, ist die medizinische Betreuung von Geflüchteten. Dr. Jochem Müller betreut seit 2015 ehrenamtlich Geflüchtete, zunächst diejenigen, die in Turnhallen untergebracht waren, inzwischen bietet er regelmäßig Sprechstunden im Barbaraheim an. Mit 5000 Euro aus dem Verfügungsfonds haben Dr. Müller und sein Kollege Dr. Gustav Haarmann Medikamente angeschafft, die die Krankenkassen nicht übernehmen. Hustensaft, Mittel gegen Übelkeit und leichte Schmerzmittel hätten die Geflüchteten selbst bezahlen müssen – „aber was sie nicht haben, ist Geld dafür“, hat Müller erlebt.

Syrischer Medizinstudent übersetzt

In seinen Sprechstunden hilft er ihnen, das richtige Krankenhaus oder den passenden Facharzt zu finden. Auch nach Schwerkranken, die besonders viel Betreuung brauchen, schauen die Ärzte regelmäßig. „Wir unterstützen vor allem die Sozialarbeiter und koordinieren die medizinische Versorgung“, so Müller. Viele Neuzugewanderte würden das System aus niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern nicht kennen und wüssten nicht, wo sie Hilfe bekämen.

Die Verständigung mit den Patienten ist allerdings manchmal schwierig. „Wenn die Patienten Englisch oder Französisch sprechen, kommen wir zurecht. Besonders stolz bin ich auf den syrischen Medizinstudenten, der mir hilft. Er spricht vier Sprachen und übersetzt für mich“, sagt Müller.

Fachbereiche arbeiten zusammen

Die Koordination solcher Projekte übernimmt in der Stadtverwaltung das Projekt Integration, Teilprojekt soziale und gesellschaftliche Integration. Hinter diesem Titel verbergen sich alle Themen rund um das Ankommen und den Alltag von Geflüchteten in Herne. Das kann bedeuten, für genügend Deutschkurse zu sorgen, aber auch für die Kinderbetreuung während des Unterrichts. Damit das alles klappt, arbeiten verschiedene städtische Fachbereiche mit Ehrenamtlichen und freien Trägern zusammen. Geleitet wird das Teilprojekt von Jugendamtsleiterin Annette Frenzke-Kulbach und Dr. Katrin Linthorst, Abteilungsleiterin Gesundheitsförderung.

„Wir sind mittendrin, wir haben schon eine ganze Menge organisieren können“, zieht Franzke-Kulbach Bilanz des ersten Jahres. „Zuerst mussten wir klären, wer was zu welchem Zeitpunkt tut, um alle Schritte sinnvoll hintereinander zu bringen.“ Die Strukturen stehen nun, jetzt geht es darum, Lücken zu schließen – damit die Neuzugewanderten gut in Herne ankommen können.

Nina-Maria Haupt