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Das große Kaffeetrinken vorm Altar

"Herr Pastor und Frau Teufel" hat im Mondpalast Premiere

"Standing Ovations" für die das Mondpalast-Ensemble. © Frank Dieper, Stadt Herne.

Im ausverkauften Mondpalast feierte „Herr Pastor und Frau Teufel“ Premiere. Am Schluss ließ sich das Publikum keine Sekunde bitten: Die „Standing Ovations“ erfolgten, sobald sich der Vorhang schloss.

Ein knappes Jahr nach der vorigen Erstaufführung („Die Wanne-Kopps“) im April 2016 wartet der „Mondpalast“ mit einer neuen Komödie auf – im gewohnten zeitlichen Abstand. Das Volkstheater bleibt erfolgreich, Prinzipal Christian Stratmann kündigte an, dass der einmillionste Besucher in Reichweite sei.

  • Der Prinzipal bittet um „kräftigen Applaus“ und kündigt den einmillionsten Besucher an. © Frank Dieper, Stadt Herne

Der Pastor und die Teufelin

Der Plot greift zum einen auf bekannte Muster zurück: auf die im Pfarrei-Milieu häufig kolportierte Menage zwischen dem Pastor, der dem Zölibat verpflichtet ist, und die lockende Versuchung in Form der Haushälterin. Hier in eindrucksvoller Weise verkörpert durch Pastor Willy Roggensemmel (Martin Zaik) und seine Angestellte Apolonia Teufel (Silke Volkner). Nomen ist bekanntlich omen, in Bezug auf Frau Teufel stellt sich die Redewendung aber als falsche Fährte heraus, soviel sei verraten.

Schäfchen ohne Glauben

Zum anderen greift die Handlung aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen auf: Sie erzählt in humoristischer Weise von Menschen, die der Kirche den Rücken gekehrt haben und jetzt aus opportunistischen Gründen auf die kirchlichen Dienstleistungen zurück greifen wie zum Beispiel dem Service „Bestattung“. Hier dargestellt durch die beiden Familien Zibula und Trautmann, die dem verstorbenen Onkel die letzte Ehre erweisen. Der Pastor ist von seinen kirchenfernen Schäfchen tief enttäuscht und greift zur Flasche. Was wissen die Gläubigen noch von der Bibel: „Die ‚Hochzeit zu Kana‘ halten einige wohl gar für eine Castingshow auf RTL 2“, meint er niedergeschlagen.

Kirche auf der Bühne – eher selten

Nachdem in den unterhaltenden TV-Formaten wie der „Soap“ zwar Kapitalverbrechen, Sex, Ehebruch, Verrat und Hinterhältigkeit an der Tagesordnung sind, aber Religion komplett ausgeklammert wird, ja sogar ein Tabu ist, wagt sich Christian Stratmann, das Thema per Komödie auf die Bühne zu bringen. Literarische Vorbilder gibt es jede Menge, eines wird auch genannt: „Don Camillo und Peppone“, bei dem der Pastor mit dem kommunistischen, also gottlosen, Bürgermeister im Clinch liegt.

Beeindruckendes Bühnenbild

Die einzelnen Akte werden durch passende Songs und Musikstücke eingeläutet oder eröffnet, angefangen mit „Dein ist mein ganzes Herz“ über „Wunder gibt es immer wieder“ und „Hallelujah“ bis hin zu „Highway to Hell“. Kompliment für das Bühnenbild: ein beeindruckender Altar, gesäumt von Marmorsäulen mit einem enormen Christus am Kreuz. Ein sehr gnädiger Jesus übrigens, der mit dem Pastor Zwiesprache hält und Ratschläge eher augenzwinkernd gibt („Ich könnte den Steinhäger in Kuchen verwandeln“).

Unverwechselbare Charakteristika

Das Drehbuch ist nach Auskunft des Mondpalastes ein Gemeinschaftswerk, in dem Hausautor Sigi Domke zwar die Feder führte, Intendant Thomas Rech, Geschäftsführer Marvin Boettcher und nicht zuletzt Prinzipal Christian Stratmann die Ideen beisteuerten. Ihnen ist nicht nur eine spannende Handlung gelungen, sondern auch das Kunststück, jeden der zehn Darsteller mit unverwechselbaren Charakteristika und markanten Persönlichkeiten auszustatten. Allen voran Martin Zaik mit seiner auffälligen Reibeisenstimme, der zwischen den hohen Ansprüchen des Christus am Kreuz und seinen sehr profanen und kirchenfernen Schäfchen aufgerieben wird – aber dennoch nicht aufgibt. Silke Volkner spielt die Apolonia resolut und frech, aber dann doch – in Widerspruch zu ihrem Namen – nicht wirklich diabolisch. Küster Martin Behrend (Heiko Büscher) ist der emsige Küster, der sich nicht nur vom Pastor vernachlässigt fühlt und dafür Trost an der breiten Brust der Frau Teufel findet.

Die Trautmanns und die Zibulas

Und dann gibt es da die beiden Familien, Angehörige des Toten, die sich am Grab treffen, um die Bedingungen des Testaments zu erfüllen. Margot (Susanne Fernkorn) ist das Oberhaupt der Trautmanns. Sie behauptet, die einzige zu sein, die echte Trauer fühlt, aber zum Schluss wird klar, dass ihre Empathie eher materialistische Züge trägt. Den Trautmanns gegenüber sitzen die Zibulas, angeführt von einem erdverbundenen Karl Zibula (Axel Schönnenberg), der durch trockenem Humor a la Ruhrpott besticht. Er wird begleitet von seinem neurotischen Sohn Friedbert (Luis Volkner, im wirklichen Leben der Sohn des langjährigen Ensembledarstellerin Silke Volkner) und von Opa Höttges (Ekkehard Neumann) auf seinem Rollator. Bei den Trautmanns ist Tochter Gundula Trautmann (Melanie Linka) das Smartphone-bewehrte bloggende Mädchen, das sich wundert, dass sie immer noch nicht schwanger ist. Wobei das sich am Ende wohl ändert, als sie dem jungen Zibula in der Sakristei näher kommt, einem jungen Mann, der ein wandelndes Wikipedia ist und an einer Berührungsphobie leidet, eine krankhafte Angst, von der ihn die stets zur Liebe bereite Gundula in eben der Sakristei befreit. Diesen beiden Familien soll Notar Werner Schulz (Dominik Brünnig) das Testament eröffnen eine Herausforderung, die ihm sichtlich schwer fällt. Weil seine Kunden vermuten, es gäbe da mehr, als nur ein schimmeliges Häuschen und ein Schrebergarten.

Kaffeetrinken und deutsche Leitkultur

Und dann ist da dieser Mann, der aus dem Beichtstuhl fällt (Andreas Wunnenberg). Er heißt Kadir, hat einen glattrasierten Schädel und einen dunklen Bart. Klar, dass da Mutmaßungen angestellt werden und Vorurteile überhand nehmen. Bis schließlich Kadir in den Sarkasmus fällt, was allerdings niemand erkennt, und sich den Erwartungen entsprechend als Flüchtling ausgibt („Ich bin mit dem kaputten Schlauchboot von Gelsenkirchen über den offenen Rhein-Herne-Kanal nach Wanne-Eickel gekommen.“). Der Schlagabtausch der Stereotype scheint dann genauso ein Bestandteil der „deutschen Leitkultur“ zur sein, wie geunkt wird, wie das per Testament verfügte Kaffeetrinken mit Plätzchen aus dem Aldi und der herzhafte Abschluss des Leichenschmauses mit einem kräftigen Steinhäger. Und dabei – Prost! – kommen sie sich näher, die beiden Familien. Näher kommen sich auch der Herr Pastor und Frau Teufel („Heute ist der Tag. Heute ist er fällig, heute kralle ich ihn mir.“) – aber wohl doch anders als vermutet.

Horst Martens

weitere Infos: www.mondpalast.com

Weitere Termine: Freitag, 7. April, 20 Uhr, Samstag, 8. April, 20 Uhr, Sonntag, 9. April, 17 Uhr. Samstag, 15. April, 20 Uhr, Sonntag, 16. April, 17 Uhr, Montag, 17. April, 17 Uhr.