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Der Steiger auf Nachtschicht

Thorsten Günther ist einer der letzten aktiven Bergleute

„Glück auf, Glück auf! Der Steiger kommt.“ Viele Menschen im Ruhrpott werden sentimental, wenn sie das traditionelle Bergmannslied hören. Bei Thorsten Günther ist das nicht anders. Der 48-Jährige ist Steiger, einer der letzten aus Herne, die noch in die Grube fahren. Die inherne-Redaktion hat ihn auf Prosper-Haniel besucht.

Abschied noch nicht vorstellbar

Die Gesichter verraten es, es war wieder eine lange Nachtschicht im Schacht 10: Die Kumpels verlassen um 6.50 Uhr den ratternden Förderkorb und wollen nach acht Stunden in rund 1300 Metern Tiefe nur noch ausstempeln und unter die Dusche. Kohlenstaub im Gesicht? Bald wird dieses Fotomotiv der Vergangenheit angehören. Das weiß auch Thorsten Günther. Der Steiger wird mit seiner Mannschaft dabei sein, wenn in Bottrop am Ende des Jahres die letzte Steinkohle im Ruhrgebiet gefördert wird. „Vor einem Jahr war das für mich noch nicht vorstellbar“, gesteht der gebürtige Wanne-Eickeler. Schnell wird klar, hier steht ein Mann, der den Bergbau lebt und der sich nur schwer damit anfreunden kann, dass dieses Kapitel bald Geschichte ist.

  • ©Frank Dieper, Stadt Herne

„Dunkelheit kennen wir über Tage gar nicht“

Dunkelheit, Staub, Hitze, Kälte – dabei sind die Arbeitsbedingungen nicht jedermanns Sache. Der zweifache Familienvater hat sich an diese lebensfeindliche Umgebung gewöhnt. „Genau diese Umstände machen Unter Tage zu arbeiten, ist einfach etwas ganz Besonderes. Wenn ich unten die Lampe ausmache, dann ist es dunkel, dann sehe ich meine Hand vor Augen nicht. Über Tage erlebt man das nicht, da gibt es immer irgendwo ein Licht, das leuchtet. Richtige Dunkelheit kennen wir gar nicht mehr“, sagt Günther bevor er in Richtung Lampenstube geht. Hier werden die Blei-Säure-Akkus für die nächste Schicht wieder aufgeladen. Den richtigen Durchblick zu behalten – ob mit oder ohne Grubenlampe – ist für den Röhlinghauser von großer Bedeutung.

Mehr als 1000 Tonnen pro Schicht

Er übernimmt gerne Verantwortung. Ab 1994 drückte er noch einmal für vier Jahre die Schulbank und kehrte aus der Abendschule als staatlich geprüfter Tiefbau-Techniker zurück. Die Hände bleiben dennoch nicht sauber. Im Gegenteil. Günther ist Steiger vor Kohle, malocht also direkt an der Kohlenwand, dort wo es dreckig und laut ist, dort wo sich die gewaltige Walze in das Flöz Zollverein 1/2 gräbt. Mehr als 1000 Tonnen pro Schicht verlassen so das Erdreich. Den Pickhammer sucht man bei diesen Mengen vergeblich. „Das ist hier alles hochmodern. Die Menschen sind immer überrascht, wenn sie sehen, was hier für eine Technik drinsteckt“, verrät Günther, der sich noch nicht genau vorstellen kann, wie es sein wird, wenn der Förderkorb an seinem letzten Arbeitstag innerhalb von 80 Sekunden von der siebten Sohle nach oben rauscht.

Schon zwei Zechenschließungen miterlebt

„Das Ende wird uns allen nicht leicht fallen, da schwingt viel Wehmut mit“, ist sich Günther sicher. Dabei hat er zwei Abschiede schon miterlebt. 1986 heuerte er als 16-Jähriger als Berglehrling auf General-Blumenthal an. Die Zeche in Recklinghausen schloss fünfzehn Jahre später. Dann ging es weiter nach Marl, wo er auf Auguste Viktoria von 2001 bis 2015 die Kohle förderte. Für den Wanne-Eickeler wird es ein Abschied auf Raten. Am Ende des Jahres geht es zum letzten Mal mit dem blauen Grubenhemd in die Abbaufront, „endgültig Schluss ist dann aber noch nicht“, erklärt der Kohlensteiger. Einige Bergleute müssen noch die Rückbauarbeiten vornehmen. Der 48-Jährige gehört dazu. „Am 1. April scheide ich aus, am 31. März fahre ich meine letzte Schicht.“

Mehr als 20 Jahre Nachtschicht

Könnte er es sich aussuchen, wäre es wahrscheinlich wieder eine Nachtschicht. So wie in dieser Woche, so wie in den vergangenen Monaten, so wie in den mehr als 20 Jahren zuvor. Nachtschicht, das ist genau sein Ding. Er mag die Atmosphäre. Dann ist alles etwas ruhiger und es sind nicht so viele Menschen unterwegs. „Vor allem sind aber immer die gleichen Menschen unterwegs. Bei den anderen Schichten trifft man ständig andere Kollegen, bei der Nachtschicht sind fast immer die gleichen im Einsatz. Das schweißt noch mehr zusammen, denn hier unten ist es wichtig, dass man sich aufeinander verlassen kann“, sagt Günther und verschwindet in die Kaue. Dem schwarzen Gold wird er aber auch in Zukunft die Treue halten. Als ehrenamtlicher Mitarbeiter im Bergbau-Museum Bochum führt er durch die Ausstellung. Dann können ihn die Besucher grüßen mit: „Glück auf, Glück auf! Der Steiger kommt.“