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Die Gesichter der 100

Sebastian Luty zeigt verbundene Gesichter im Alten Wartesaal

Ganz spezielle Portraits hat der Bochumer Fotograf Sebastian Luty geschossen. Junge und alte Frauen und Männer hat er abgebildet, die meisten mit verbundenen Augen, alle haben weiße Farbe auf Gesicht und Oberkörper und schauen in verschiedene Richtungen.

Extrem geöffneter Mund

„Menschen im Raum: Die Gesichter der 100“ nennt Luty seine Ausstellung, die ab Mittwoch, 14. November, um 18 Uhr im Alten Wartesaal am Herner Bahnhof eröffnet wird. Die Serie der 100 ist noch nicht komplett, die Wartesaal-Besucher bekommen allerdings über 80 Bilder zu sehen. Zunächst hatte Luty für seine Arbeit Models vorgesehen, aber dann entschied er sich für „ganz normale Menschen von der Straße“. Auf einen Facebook-Ausdruck hin meldeten sich zahlreiche Interessenten. „Tob dich aus!“ sagte er seinen Motiven und deshalb zeichnen sich alle durch einen individuellen Gesichtsausdruck aus: Die einen halten sich die Ohren zu, die anderen reißen den Mund extrem weit auf, wieder andere schauen verschämt zur Seite. Luty hat vor neutralem Hintergrund mit Ringlicht gearbeitet, das sich bei näherem Hinsehen in den Augen der Porträtierten spiegelt. Einige tragen keinen Verband und schauen direkt in die Kamera. „Die Augen wirkten so schön, deshalb habe ich auf das Gaze verzichtet“, sagt Luty. Etwa 6.000-mal habe er für sein Projekt auf den Auslöser gedrückt.

  • Sebastian Luty, Menschen im Raum: Die Gesichter der 100. ©Thomas Schmidt, Stadt Herne

Sebastian Luty. Ausstellung „Menschen im Raum: Die Gesichter der 100“ (14.11.-21.12.2018). Alter Wartesaal, Bahnhof Herne. Vernissage: Mittwoch, 14. November, 18 Uhr.

Archaisches oder eher Medienkritik?

Die „Gesichter der 100“ lösen gegensätzliche Assoziationen aus. Zum einem erinnern sie an archaische Rituale von Aborigines oder abgeschotteten Völkern am Amazonas. Dazu befragt, nickt Luty und sagt: „Ja, ich bin Doku-Fan“, womit er meint, er habe sich von solchen Filmaufnahmen beeindrucken lassen. Thematisch passend: Luty arbeitet auch gerne mit Masken, die er aus Heilerde fertigt. Andererseits könnten die Gesichter ebenfalls als Kritik gegen die Gesichtserkennung von Facebook und anderen sozialen Medien verstanden werden. Auch drängen sich Vergleiche zu den Fotos des österreichischen Künstlers Georg Helnwein auf, der bandagierte Kinder abbildete. Die Verwendung von Mull stellt die direkte Verbindung von Schmerz, Verletzung und Gewalt her. Luty selbst wollte noch keine Deutung zu seinen Bildern liefern: „Erst wenn ich mein Projekt mit einer riesigen Collage maskierter Personen abgeschlossen habe, will ich mein Vorhaben erklären.“

Sonderbarer Kontrast

Als „ganz was Neues“ bewertet Dr. Oliver Doetzer-Berweger, Direktor des Emschertal-Museums, die Ausstellung. Das Museum hat sich für den Alten Wartesaal mit seinem morbiden Charme entschieden, „um ein neues Publikum zu erreichen“. Kuratorin Katrin Lieske findet vor allem „das Spiel mit dem Raum“ als besonders faszinierend. Der Wartesaal mit seinem bröckelnden Putz und die verletzlich wirkenden Gesichter bilden einen sonderbaren Kontrast.

Sebastian Sylwester Luty ist ein aus Polen stammender Fotokünstler. Mit 12 Jahren entdeckte er seine Passion für die Fotografie, 1999 schloss er seine Ausbildung zum Fotografen ab, die allerdings in Deutschland nicht anerkannt wurde. 2015 nahm er an der Hochschule der bildenden Künste in Essen ein Studium der Fotografie und Medien auf. Zuletzt hat er im Stadtmuseum Münster bei der Ausstellung „Verortung“ mitausgestellt.

Horst Martens