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Die letzte Demütigung ihres Lebens

Gedenkstunde: Vom Leben und vom Tod des jüdischen Bürgers Gustav Wertheim

Gustav Wertheim ist auch in einem der Okulare verewigt. ©Frank Dieper, Stadt Herne. Gustav Wertheim ist auch in einem der Okulare verewigt. ©Frank Dieper, Stadt Herne.

Gustav und Martha Wertheim, Ärzteehepaar aus Herne, hatten beschlossen, gemeinsam aus dem Leben zu scheiden, weil die Demütigungen unter den Nationalsozialisten unerträglich waren. Aber dann, als Gustav von zwei Castroper Brüder grob schikaniert wurde, ging er ins Nebenzimmer und schluckte todbringendes Zyankali.

Oberbürgermeister Dr. Frank Dudda begrüßte mehrere hundert Zuschauer im großen Saal des Kulturzentrums. Der Unter- und Mittelstufenchor des Gymnasiums Eickel unter der Leitung von Mechthild Jaskusky sang „Von guten Mächten“ und „Nehmt Abschied Brüder“, Brigitte Wilms (Flöte)  und Mechthild Jaskulsky (Klavier) intonierten eine Sonate von Carl Philipp Emanuel Bach.

Was jüdische Mitbürger in Deutschland und in Herne während des Dritten Reichs erdulden mussten, schilderten Schüler eines Geschichtskurses der Q2 des Gymnasiums Eickel in Form einer szenischen Darbietung, bei der das Leben der Herner Familie Wertheim beleuchtet wurde. Der Anlass: die Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus aus Herne und Wanne-Eickel im Herner Kulturzentrum. Die Mädchen und Jungen hatten im Stadtarchiv Originaldokumente eingesehen und weiteres Material gesichtet, verglichen und neue Verbindungen gesucht und gefunden. Daraus hatten sie einen Text verfasst, in dem Gustav und Martha Wertheim von ihren tragischen Erlebnissen berichten. Am Anfang der Darbietung saßen die Schüler nebeneinander in einer Stuhlreihe, wie die zwölf Geschworenen, die gleich das Urteil der Geschichte verkünden. Nacheinander kam jeder nach vorne, zündete eine Kerze an oder löschte sie wieder und las als Gustav oder als Martha eine Passage aus ihrer Biographie.

  • Die Schüler des Gymnasiums Eickel schildern das verzweifelte Leben des Ehepaares Wertheim. © Frank Dieper, Stadt Herne

Schüler erzählen „eine Geschichte aus Herne und Wanne-Eickel“

„Eine Geschichte aus Herne und Wanne-Eickel“ – sie fängt hoffnungsvoll und optimistisch an und endet doch so fatal. Der junge Arzt Wertheim lässt sich zuerst in der Bahnhof- und dann in der Heinrichstraße nieder und blickt zuversichtlich in die Zukunft. Als 1911 die Synagoge eingeweiht wird, gehört er dem Vorstand des Gotteshauses an. Er ist „ein stolzer Bürger dieser Stadt“, ist Sanitätsoffizier im ersten Weltkrieg und ist am Ende im des Krieges im Lazarett des Schlosses Strünkede tätig. Als die Nazis 1933 an die Macht kommen, glauben die Juden noch an den Satz „Das deutsche Volk wird sich nicht blenden lassen.“ 1938 wird die Synagoge nieder gebrannt. Alle jüdischen Männer in Herne kommen in Haft und werden ins Lager Sachsenhausen verfrachtet, wo sie zahlreiche Demütigungen ertragen müssen. Wertheim kommt wieder frei. Aber ab 1941 darf er nicht mehr als Arzt praktizieren. Alte Freunde wechseln die Straßenseite, wenn sie die Wertheims begegnen. Sie fassen also den Entschluss, freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Aber dann kommt es zu der Begegnung mit den Männern aus Castrop, die Wertheims Möbel kaufen wollten, aber dann den vereinbarten Preis nicht zahlen wollen – und den Arzt auf vielfältige Art schikanieren. Am 18.11.1941 schluckt Wertheim Zyankali, sein Tod ist auf 15:40 Uhr datiert. Martha Wertheim wurde am 27.4.1942 deportiert. Sie ist in einem Vernichtungslager in Polen getötet worden.

Toleranz – wichtiger als die Angehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft

Oberbürgermeister Dr. Frank Dudda warb in seiner Rede für Toleranz: „Jeder Einzelne von uns täglich sollte dafür einstehen, in einer Gesellschaft zu leben, in der Toleranz unser Miteinander bestimmt und nicht die Angehörigkeit einer bestimmten Glaubensgemeinschaft. Wir dürfen nicht zulassen, dass Menschen unter anderem aufgrund ihrer Religion, ihrer Herkunft oder ihrer sexuellen Orientierung ausgeschlossen werden. Wir dürfen nicht wegsehen, wenn Unrecht geschieht.“

Gebete und Schweigeminuten vor dem Shoah-Mahnmal

Am Ende versammelte sich das Publikum vor dem Shoah-Mahnmal. Der Bauzaun und die Einhausung waren vor der Veranstaltung vorübergehend entfernt worden. Das Memorial war mehrmals geschändet worden, deshalb wird jetzt eine Absicherung durch verschiebbare Bronzeplatten konstruiert, die Nach dem Sommer eingebaut werden soll. Also: Vor dem Mahnmal sprachen Henryk Banski, Mitglied der jüdischen Gemeinde, Superintendent Reiner Rimkus und Dechant Norbert-Johannes Walter Gebete. Nach seinen Abschlussworten bat Oberbürgermeister Dr. Frank Dudda um eine gemeinsame Schweigeminute.

Horst Martens