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„Die Verhüllung erweitert das Bild des Schlosses“

Ibrahim Mahama im inherne-Gespräch

Ibrahim Mahama stellt sein Projekt Coal Market vor. ©Thomas Schmidt, Stadt Herne

Der ghanaische Konzept- und Aktionskünstler Ibrahim Mahama (*1987) steigerte seine Bekanntheit durch seine Jutesack-Arbeiten bei der documenta 2017 in Kassel und Athen. Heute ist der in Berlin lebende Mahama weltweit gefragt.

  • Oberbürgermeister Dr. Dudda unterhält sich mit Ibrahim Mahama. ©Thomas Schmidt, Stadt Herne

inherne: Welche Gedanken gingen durch Ihren Kopf, als Sie das Schloss Strünkede in Herne besichtigten?

Mahama: Ich dachte, es ist ein wunderschöner Ort, vor allem mit dem Gewässer, das das Schloss umgibt und in dem es sich spiegelt. Meine Vorstellung war: Die Verhüllung wird das Bild des Schlosses um eine Dimension erweitern, in der die Architektur fließend wirkt. Auch das Pflanzen- und Tierleben wird in das reflektierte Bild einbezogen.

inherne: Welche Aussage beabsichtigen Sie, wenn Sie das Schloss Strünkede mit Jutesäcken verhüllen?

Mahama: Es geht nicht nur um das Schloss, sondern vielmehr um die Geschichte der Materialien. Es gibt eine interessante Beziehung zwischen verschiedenen Architekturen, deren Form die Materialien annehmen und von denen ich glaube, dass sie von einer Form zur anderen übertragen werden und sich im Laufe der Zeit ansammeln. Viele der verwendeten Materialien in dieser Ausstellung kamen aus Athen und Kassel, wurden aber vorher schon in Projekten in Ghana wie beim EXCHANGE EXCHANGER 1957-2057 und anderen internationalen Projekten verwendet.

inherne: Das verhüllte Schloss wird viel Aufmerksamkeit erzeugen – ganz im Sinne der Stadt, die gerne mit einer Kunstaktion im Zentrum des Interesses stehen möchte. Wie beurteilen Sie das?

Mahama: Ich denke, es sollte ein Moment des kritischen Nachdenkens über die historischen Bedingungen der Stadt und der Welt im Allgemeinen sein − besonders angesichts der inhärenten Krisen im 21. Jahrhundert.

inherne: Einige Menschen könnten der Aktion auch ablehnend gegenüberstehen. Wie gehen Sie mit Kritik um?

Mahama: Ich glaube nicht, dass alle für die Verhüllung sind, aber ich denke, es ist wichtig, eine Diskussion zu beginnen, die auch eine kritische Reflektion möglich macht.

inherne: Wie sind Sie eigentlich auf das Material Jute gekommen? Spielt Jute auch in Ihrem persönlichen Leben eine Rolle?

Mahama: Ich fühlte mich von den Jutesäcken wegen ihrer Materialität angezogen. Die Güter, die sie während ihrer Nutzung transportiert haben und die daraus resultierende Materialveränderung haben ihnen neues Leben eingehaucht. Beim Kontakt mit menschlichen Körpern findet eine offenkundige Veränderung des Materials statt. Das Handhaben der Säcke durch Arbeiter hinterlässt im Produktionslebenzyklus beginnend beim Weben des Stoffes, beim Verpacken, beim Beladen und beim Transportieren individuelle Spuren, wie Schweiß, Verunreinigungen und Transportbezeichnungen.

inherne: In welchem Kontext wuchsen Sie in Ghana auf?

Mahama: Ich bin sowohl im nördlichen als auch im südlichen Teil aufgewachsen, aber den größten Teil meiner Kindheit habe ich in Accra verbracht. Bildung war die wichtigste Priorität in unserer Familie, und meine Familie hat mich in all meinen künstlerischen Aktivitäten sehr unterstützt.

inherne: Sie haben an einer Kunsthochschule in Ghana studiert. Wird Kunst in Afrika anders gelehrt als zum Beispiel in Westeuropa oder in den Vereinigten Staaten?

Mahama: Ich habe Kunst (Malerei und Bildhauerei) an der Kwame Nkrumah Universität für Wissenschaft und Technologie in Kumasi studiert. Das Curriculum basierte viele Jahre auf einem alten britischen Modell, wurde aber in den letzten zehn Jahren von einer Gruppe von Lehrern verändert. Sie haben auch den Non-Profit-Raum blaxSTARLIES in Kumasi eingerichtet, der darauf abzielt, den Schülern die Voraussetzungen der Kunst im 21. Jahrhundert nahe zu bringen, in der Krise und Versagen zum Ausgangspunkt der Produktion werden. Die Ausbildung ist ähnlich der in Europa und dem Westen, unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Geschichte.

inherne: Waren Sie überrascht von der großen Resonanz Ihres Kunstprojektes in Kassel?

Mahama: Nein, ich war nicht überrascht. Die Arbeit in Kassel war eine Entwicklung. Sie wurde schon in Athen, Griechenland, vorbereitet. Also war es eher eine gewisse Vorfreude darauf.

inherne: Welche Pläne haben Sie nach der Veranstaltung in Strünkede?

Mahama: Nach Strünkede werde ich nach Ghana reisen. Mein Jahr des Aufenthalts mit dem Stipendium in Berlin endet Anfang Mai 2018. Ich werde an meinen Projekten weiter arbeiten und neue Ideen entwickeln. Wichtig ist, dass ich an dieser Stelle meine Doktorarbeit fertigstelle.

Das Gespräch führte Horst Martens.