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Ein anderer Blick auf die Reformation

Jan Zweyer setzt mit "Ein Königreich von kurzer Dauer" Familiensaga fort

Jan Zweyers Ruhrgebietssaga geht weiter. Der Dortmunder grafit-Verlag veröffentlicht jetzt den vierten Historienband des Herner Autors mit dem Titel „Ein Königreich von kurzer Dauer“. Darin wird die Geschichte der angesehenen Hattinger Handelsfamilie von Linden weiter geführt. Es geht um die Lebenswege dreier Brüder der zweiten Generation.

Der radikale Zweig der Reformation

  • Jan Zweyer und sein neuestes Produkt. © Ein Königreich von kurzer Dauer. © Thomas Schmidt, Stadt Herne

Mit der Mittelaltertrilogie „Das Haus der grauen Mönche“ feierte Jan Zweyer einen großen Erfolg. Nun macht er einen kleinen Zeit-Sprung von gut 20 Jahren. Die neue Story startet im Jahre 1531 in Hattingen – die Reformation war in voller Entfaltung. „Im Grunde geht es bei der Geschichte um den Kinder-Eltern-Konflikt“, sagt Zweyer. Der Patriarch Jorge hat Probleme mit seinen Söhnen: Linhardt bekommt die Probleme der Niederlassung in Lübeck nicht in den Griff, Hinrich hat keine kaufmännischen Ambitionen. Lukas soll das Familienerbe antreten, aber er zieht es vor, Instrumentenbauer in Münster zu werden. Und dort im Westfälischen errichten die Wiedertäufer ihr Königreich. Zweyer setzt zwar, wie viele anderen Autoren in diesem Jahr, auf das verkaufsfördernde Thema „Luther“, dabei ist es sein Verdienst, auf den wenig beachteten radikalen Flügel der Reformation hinzuweisen. Die Wiedertäufer, so genannt, weil sie die Erwachsenentaufe als richtig ansahen, wollten in Münster das neue Jerusalem errichten. Dabei kam es zur kriegerischen Auseinandersetzung mit dem katholischen Establishment. Tatsächlich erinnern die an den Türmen der Lamberti-Kirche hochgezogenen Körbe noch heute daran, wie die katholische Kirche mit den Rädelsführern der Wiedertäufer umging. Sie wurden grausam gefoltert, ihre Leichen wurden tagelang in den Körben zur Schau gestellt. Beim Reich der Wiedertäufer sieht Zweyer frappante Parallelen zum islamischen Staat. Nun gut – aus dem Wiedertäufer-Reich ging die historische Friedenskirche der Mennoniten hervor.

Montag, 6. November, 19 Uhr, Lesung. Jan Zweyer. Ein Königreich von kurzer Dauer. Literaturhaus Herne

Historie ist nur Vehikel für die Geschichte

Der Autor eines solchen Werkes muss viel historisches Wissen verarbeiten. „Die Recherche beginnt, indem man ins Internet schaut“, sagt Zweyer.  Aber das ist längst noch nicht alles: „Ich gehe in die Archive. Sehr dankbar bin ich dem Stadtarchivar in Hattingen für seine Unterstützung.“ Außerdem liest der Autor Fachliteratur (sämtlicher Schriftwechsel der Münsteraner Wiedertäufer liegt vor) sowie Sekundärliteratur, bei der es um Sprache und Bräuche der betreffenden Zeit  geht. Es geht bei Zweyers Bücher aber nicht darum, die Entwicklungen der Reformation zu analysieren. „Die Geschichte steht im Vordergrund. Die Historie dient als Vehikel. Durch die Handlung wird Geschichte lebendig“, sagt Zweyer.

Familiengeschichte bis heute

Während das „Königreich“ der Presse vorgestellt wird, sind Zweyers Gedanken schon bei seinem nächsten, dem fünften, Roman. Da geht es um den Klevischen Erbfolgestreit zum Ende des 16. Jahrhunderts und seine Folgen. „Kaum einer weiß heute, dass das Ruhrgebiet 1599 von den Spanieren besetzt wurde. Daran erinnern heute noch Bräuche wie die Gänsereiter in Wattenscheid“, sagt Zweyer. Bis ins 21. Jahrhundert, also bis heute, will Zweyer seine Familiensage fortführen. Inspirieren lässt er sich dabei von der Familiengeschichte der Haniels und anderer Ruhrgebiets-Dynastien. „Allerdings“, gesteht er ein, „müsste ich da größere Zeitsprünge machen, sonst komme ich noch lange nicht in die Gegenwart.“ Den Segen des Verlags hat er. „Wie Herr Zweyer das anpackt, das ist imponierend“, sagt Verlegerin Ulrike Rodi. Immerhin sind von der Trilogie 30.000 Exemplare verkauft worden. „Die Zahl der Leser nimmt ein wenig ab, das ist ganz normal“, sagt Rodi, „aber sehr viele Leser bleiben dran und warten gespannt auf die nächste Ausgabe.“

Horst Martens