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Ein Geben und Nehmen

Ehrenamtliches Engagement

Ohne ehrenamtliches Engagement wäre unsere Gesellschaft nicht das, was sie heute ist. Hilfe für andere, Hilfe für Schwache, ist in vielen Bereichen des Lebens leider unverzichtbar.

Umso lobenswerter ist es da, dass es auch in Herne überall Menschen gibt, die mit anpacken und sich engagieren. Sie helfen da, wo es nötig ist – auch bei der aktuell so drängenden Integration von  Flüchtlingen. Was treibt diese Menschen an, warum investieren sie einen großen Teil ihrer Zeit? Wir haben konkret nachgefragt und mit zwei Ehrenamtlern über ihre Motivation gesprochen.

„Wir können die Welt nicht verändern, aber mit kleinen Schritten so gut es geht besser machen.“ So beschreibt Dieter Berndt seine Motivation, sich in der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit zu engagieren. Der ehemalige Leiter der Schule am Schwalbenweg in Holsterhausen macht sich seit letztem Jahr für Zuwanderer stark, ist überdies schon seit Jahrzehnten ehrenamtlich tätig, unter anderem als Mitglied des Presbyteriums der evangelischen Stephanus-Gemeinde in Holsterhausen und war in den Vorständen der Lernhilfe für geistig Behinderte, der WfB und des Paritätischen aktiv. Da die Zeit im Presbyterium für Dieter Berndt im März endet, hat er bereits im letzten Jahr  entschieden, sich eine neue Aufgabe zu suchen.

  • Dieter Berndt spricht mit uns über sein ehrenamtliches Engagement © Frank Dieper, Stadt Herne

Seit Juni zweimal wöchentlich
Über das Ehrenamtsbüro der Stadt Herne, wo er sich zunächst für eine Mitarbeit beim Mittagstisch der Caritas interessiert hatte, ist er schließlich bei der Unterstützung für unbegleitete jugendliche Flüchtlinge gelandet. In einer Wohngruppe des evangelischen Kinder- und Jugendheims unterrichtet er seit Juni 2015 zweimal wöchentlich ein bis zwei Kids und bringt ihnen die deutsche Sprache bei. „Es macht großen Spaß zu sehen, wie motiviert die Kinder bei der Sache sind und wie schnell sie lernen“, erklärt Berndt seine Motivation.

Darüber hinaus koordiniert er auch die Integrationsarbeit seiner Kirchengemeinde. „In unserem Gemeindebezirk wohnen zirka 60 Asylbewerber aus Syrien, aber auch aus Afghanistan, dem Kosovo und Albanien, die in verschiedenen Kursen Deutsch lernen können. Außerdem bieten wir Spielenachmittage an und helfen mit Sachspenden, bei Behördengängen und Arztbesuchen.“

Erfolg macht glücklich
Für einen ausgebildeten Altenpfleger und Rettungssanitäter aus Syrien konnte die Gemeinde sogar einen Praktikumsplatz ergattern. Dieter Berndt, der selbst in Holsterhausen lebt, freut sich über diesen Erfolg und über die große Bereitschaft zu helfen. „Die Begeisterung ist spürbar, vor allem wenn man sieht, wie schnell gerade die Kinder Fortschritte machen.“

Keine schlechten Erfahrungen mit Flüchtlingen
Berndt erinnert sich immer wieder gerne an den Moment zurück, als einige der Kinder zum ersten Mal jenen Berg Spielzeug gesehen haben, den die Gemeinde für sie gesammelt hatte. Schlechte Erfahrungen mit Flüchtlingen hat er noch keine gemacht. Der Pensionär bleibt gleichwohl realistisch und glaubt, dass die schiere Zahl der Menschen, die zu uns kommen, langfristig schwierig zu beherrschen sei. Helfen möchte er dennoch, denn im Kleinen könne man einiges bewirken und bekäme dafür viel zurück. „Natürlich gibt es Vorbehalte und Stammtischparolen, aber ich weise dann immer darauf hin, dass wir vor Gott alle gleich sind, die gleichen Rechte und die gleiche Würde haben. Man stelle sich vor, das eigene Kind würde mitten im syrischen Kriegsgebiet groß, wie würde man sich da entscheiden?“

Von Hagen über Münster nach Herne
Marylin Goncalves Gomes würde bei dieser Frage sicher nicht ins Grübeln kommen: „Ich spüre seit  meinem 15. Lebensjahr das Bedürfnis, Menschen zu helfen, denen es nicht so gut geht wie einem selbst“, erzählt die junge Lehrerin. In Hagen aufgewachsen, zog es sie nach Münster, wo sie schon während ihres Studiums ehrenamtlich tätig war. In Herne, ihrem aktuellen Lebensmittelpunkt, suchte sie umgehend den Kontakt zum Eine-Welt-Zentrum und engagierte sich wenig später bereits in der  Betreuung der Zuwanderer am Zechenring. Inzwischen ist sie Mitglied im Herner Flüchtlingsrat, außerdem koordiniert sie die Arbeit der Ehrenamtlichen am Zechenring.

Dort leben aktuell zirka 260 Personen, inklusive 60 Kinder, aus den verschiedensten Regionen. „Mit 15 Ehrenamtlern bieten wir diesen Menschen hier Sprachkurse, Hilfe bei Behördengängen und Arztterminen an und setzen überdies auf Familienpatenschaften. Ich betreue aktuell selbst zwei Familien aus dem Kosovo, von denen eine bleiben darf, die andere jedoch bald wieder zurück muss“, berichtet die Grundschullehrerin.

„Das berührt mich natürlich schon, schließlich will die Familie mit ihren drei Kindern in Deutschland leben und kämpft mit allen Mitteln gegen die Rückführung. In ihrer Heimat erwartet sie eine ungewisse Zukunft. Sie haben kein Haus, keine Wohnung, keine Jobs und keine Perspektive. Wenn man dann noch weiß, dass sie geflohen sind, weil ein Familienmitglied vor ihren Augen erschossen wurde, dann kann man nachvollziehen, wie schwer die Situation für sie sein muss. Es tut weh, so etwas zu sehen, zumal die Familie alles tut, um sich zu integrieren.“

Viele tun es ihr gleich
Trotz derartiger Schicksale investiert Marylin Goncalves Gomes bis zu 20 Stunden in der Woche in die ehrenamtliche Arbeit und freut sich darüber, dass es enorm viele Menschen gibt, die es ihr gleich  tun. Während ihrer Zeit in Münster hat sich der Kontakt zu einer syrischen Familie sogar so gut  entwickelt, dass daraus eine echte Freundschaft entstanden ist.

Text: Philipp Stark