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Ein Klassiker wird entstaubt

Premierenpublikum feiert "zerdepperten Krug" im Mondpalast

Der Pott - ist am Schluss wieder heil. Foto: Arne Pöhnert.

Mit stehenden Ovationen feierte das Publikum im Mondpalast die Premiere der Komödie „Der zerdepperte Pott“. Und das, obwohl Prinzipal Christian Stratmann zu Beginn eine schlechte Nachricht überbringen musste: Der Schauspieler Ekkehard Eumann musste wegen einer Lebensmittelvergiftung passen.

Regisseur Thomas Rech sprang ein und übernahm die Rolle des Fußball-Opas Veit Ruprecht. Und man muss sagen: Rech und sein Ensemble nutzten die Situation bewundernswert cool und machten sich einen Jux draus, an einigen Stellen herrlich zu improvisieren. Einige kurze Dialogpassagen beherrschte Rech aus dem Effeff, bei anderen las er ganz offen aus dem Rollenbuch, was das Publikum nicht krummnahm, sondern im Gegenteil mit Lachern und Applaus honorierte.

Der Klassiker wird zur Fußballkomödie

Wie bei „Ronaldo und Julia“ oder „Othello – der Schwatte von Datteln“ griffen die Theatermacher auf einen Klassiker zurück und schrieben ihn komplett für den Mondpalast um. In „Der zerbrochene Krug“ ist es der Richter Otto Adam, der eine junge Frau bedrängt, dann durchs Fenster flieht, weil der Geliebte den Raum betritt, und dabei einen wertvollen Krug zerbricht. Anschließend muss er in seine Robe schlüpfen und den Fall vor Gericht klären. Die Autoren (Sigi Domke, Idee: Thomas Rech) entstauben den Klassiker und verlegen die Szenerie ins Fußball-Milieu des Ruhrgebiets. Otto Adam ist hier der „Präsi“ des Fußballvereins 1. FC Hinter Marl, der sich im VIP-Raum ungeniert an die junge Eve Rull ranmacht, dann aber das Hasenpanier ergreifen muss, weil Eves Freund, der hoffnungsvolle Fußballer Till „Ruppi“ Ruprecht, die Tür gewaltsam öffnet. Dabei stößt er den wertvollen, die erfolgreiche Vereinsgeschichte repräsentierenden Pokal um, der auf dem Boden zerschellt. Am Ende wird Adam gezwungen, den Fall in einer Art Prozess zu lösen, wobei er alles dransetzt, um von seiner Tat abzulenken.

Magische Kulissen

Bühnenbildner Arke Zeiß hatte ein faszinierendes Bühnenbild konstruiert. Wie von Zauberhand bewegt, verschieben sich die Kulissen, begleitet von rockiger Musik und Lichteffekten, auf der Bühne und lassen im Nu unterschiedliche Raum-Impressionen vom Duschraum bis hin zum ViP-Raum, erscheinen. Die schnellen Dialoge, rasanten Szenenwechsel, Zeitlupen-Momente, Spotlight-Darbietungen, runing gags und Musik-Einspieler lassen an eine Screwball-Film-Komödie der 50-er denken.

Pole-Dance am Garderobenständer

Die zehn Schauspieler agierten alle charakterstark, jeder setzte seine Akzente. Mit großer Präsenz spielt Martin Zaik einen korrupten Bauunternehmer und Fußballpräsidenten, der in seiner präpotenten und dennoch unwiderstehlichen Art in einer Männerwelt der Trumps und Weinsteins zu Hause sein könnte. Seine Frau (Astrid Breidbach) schickt er zum Shoppen, um sich mit seiner immer bereiten Sekretärin zu vergnügen (Der gestresste Otto Adam legt sich hin: „Ich muss mal in die Waagrechte.“ Sekretärin: „Ach, brauchst du mich also doch noch.“) Als unverhofft der hohe DFB-Funktionär Heiko Büscher auftaucht, überlegt Adam, mit dem Fußballmanager auf den „Eierberg“ zu gehen, woraufhin ihn sein Kassierer ermahnt: „Du bist hier nicht auf den Bau.“ Die Sekretärin Birgit „Biggi“ Matuschik spiel Susi Fernkorn: Sie bekommt den heftigsten Szenenapplaus nach einem phantastischen, mit rotem Spot begleiteten Solo an einem Garderobenständer, der als Pole-Dance-Stange fungiert.

Spannendes Finale

Eine Rolle, die im Urstück von Kleist nicht vorkommt, ist die des Amerikaners Thorben Meier-Lansing (Andreas Wunnenberg), der aus Marl stammt und gerne im Scheich-Modus in den Verein investieren möchte. Otto Adam zeigt großes Interesse, möchte dieses aber vor dem DFB-Boss verbergen, wodurch die Verwicklung noch komplizierter wird. Eine jugendliche Note bringen Melanie Linka als Eve Rull und Dominik Brünnig als Till „Ruppi“ Ruprecht ins Spiel: Der „Ruppi“ glaubt an einen Seitensprung, trotz aller gegenteiligen Versicherungen von Eve. Eves Mutter, Marthe Rull, gespielt von Silke Volkner, sorgt für die richtigen Anschlüsse. Sie schwelgt in alten Fußballzeiten, obwohl ihre Dönekes schon niemand hören kann – und mitten in ihre Darbietung hinein schieben sich die Kulissen in die nächsten Szene. Axel Schönnenberg spielt den Kassierer und Ex-Torwart des Vereins, auch „Krake“ genannt. Am Schluss, als er bemerkt, dass der Vorsitzende die Kasse beklaut hat, distanziert er sich von Adam … und wirft seinen eigenen Hut in den Ring. In einem spannenden Finale wird der Fall trotz der Gegenwehr des einst allmächtigen Adam gelöst. „Präsi“ wird unerwartet jemand anders. Das ist Fußball. Und im Publikumsjubel des Schlussakkords ertönt das Lied „54, 74, 90, 2006“, ein Song der Sportfreunde Stiller, im Mondpalast vorgetragen von Dominik Brünnig, im Schunkeltakt vom Rest des Ensembles unterstützt.

www.mondpalast.com

Horst Martens