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Ein Mann mit vielen Talenten

inszene

Serbest begrüßt mich bei sich Zuhause in Herne-Süd. Seit einem Jahr wohnt er in unserer Stadt. „Tapeziert und gestrichen habe ich selbst. So etwas lasse ich niemand anderen machen“, sagt er. In der Spüle steht Geschirr zum Abtropfen, es gibt Platzdeckchen und einen Korb mit frischem Obst. Es ist gemütlich, ja fast schon ein bisschen spießig.

Warum sich der 31-Jährige auf den weiten Weg vom Norden Syriens bis hierher gemacht hat? Für Serbest war die Sache klar: „Ich habe meine Zukunft als Künstler da nicht gesehen. Du stehst wie vor einer geschlossenen Tür. Wenn du nicht frei denken darfst, Farben so teuer sind, wo sollen die Ideen herkommen?“ Serbest ist ein kurdischer Name – das allein ist bereits Grund genug, in Syrien diskriminiert zu werden.

  • © Sascha Rutzen

Ein Garten voller Bäume

Serbest kann mit so einigen Talenten aufwarten, mit denen er in der Vergangenheit zum Teil sehr erfolgreich war: „Ich bin ein Mann, der zuviel auf einmal macht – ich zeichne, ich mache Musik, ich singe. Aber man kann nicht alles gleich gut machen. Nur einen Weg kann man mit Qualität beschreiten. Ich warte noch, was hier in Deutschland für mich Sinn macht – und dann bin ich bereit“, sagt er. „In Syrien haben wir einen Garten gehabt. Und mein Vater hat viele verschiedene Bäume gepflanzt. Aber das waren zu viele, und sie hatten nicht genug Platz so eng zusammen. Also hat er einen Winter gewartet und sich um das gekümmert, was übrig blieb. So lebt mein Vater und so lebe ich.“

Die Polizei hörte genau hin

In Dêrik hatte er einen kleinen Laden, in dem er u.a. Kunsthandwerk verkaufte. Hier konnte er viele Ideen umsetzen und an den Mann bringen – auch, wenn es nicht immer einfach war: „Wenn jemand kam und tausend Armbänder wollte, dann habe ich die besorgt.“  Seine Familie hat ihm dabei geholfen. 2004 war er für zwei Tage im Gefängnis, weil er unter der Ladentheke auch Anhänger in der Form Kurdistans verkauft hat. Als Künstler musste er immer vorsichtig sein: „Bei uns sind wir nicht so frei in den Gedanken“, sagt er. Die Politik und die Religion zensierten ihn. „Wenn ich zuhause so etwas zeichnen würde“, sagt er und skizziert schnell einen nackten Frauenkörper, „und jemand anderes kommt rein, muss ich das verstecken!“, lacht er und sagt, das sei nämlich haram, also im religiösen Sinne tabu. Ein syrischer Soldat warnte seinen Vater einmal: „Dein Sohn ist ein guter Sänger, aber wenn er etwas Politisches sagt, hören wir das sehr genau!“ Serbest zeichnet die ganze Zeit das, was er gerade erzählt. Das Gespräch wird illustriert, er denkt in Bildern, und er zeichnet Dinge, deren Namen er auf Deutsch nicht kennt. Er besucht einen VHS-Kurs und lernt ständig Deutsch: „Ich schreibe manchmal falsch – zum Beispiel mit u statt mit ü. Die Umlaute machen mich verrückt!“

Serbest malt mit Kindern in Flüchtlingsheimen

„Bei meiner Arbeit mit den Kindern ist alles einfach für mich.“ Seit einigen Wochen arbeitet Serbest nämlich für das DRK und besucht freitags die Flüchtlingsheime, um für ein paar Stunden mit den Kindern vor Ort zu zeichnen und zu malen. In den Herbstferien durfte er auch einen VHS-Kurs für Kinder von 10 bis 15 Jahren leiten. Er freut sich sehr, seinen Beitrag in unserer Stadt leisten zu können und denen zu helfen, die das gleiche durchgemacht haben wie er. Serbest hat hier nun viel Zeit zum Zeichnen und Malen, aber trotzdem braucht es die richtige Stimmung dafür: „Wenn ich zeichne, höre ich zwischendurch ein paar Geschichten, denn so lerne ich Deutsch. Und ich träume ein bisschen vor mich hin – ich mache es mir fantastisch bequem! Manchmal trinke ich ein Bier dabei!“, verrät er. „Das Biertrinken habe ich in Bayern gelernt. Wenn meine Eltern das wüssten…“ In Sulzbach-Rosenberg hat er einige Monate verbracht, bevor er nach Herne gekommen ist. Ich darf ja nicht vergessen, zu scheiben, wie dankbar er den Menschen dort ist, sagt Serbest mir oft.

Auf der Suche nach Gleichgesinnten

„Wer will fleißige Handwerker sehen…“ singt Serbest leise vor sich hin, während er sein Notebook aus dem Schrank holt, um mir Fotos aus Syrien zu zeigen. Er zeigt mir Fotos von zuhause, von Auftritten und von vielen, vielen seiner Zeichnungen. Sein Stil ist sehr naturalistisch. Fast immer sind es Menschen, die er zeichnet. Er sieht ein Bild, das auf 2005 datiert ist und etwas traurig bemerkt er: „Wenn ich seitdem jeden Tag geübt hätte, wäre ich ein sehr guter Künstler. Nicht nur Träumer.“

Für die Zukunft erhofft sich der motivierte Künstler, Gleichgesinnte hier in Herne zu finden, mit denen er sich austauschen und von denen er lernen kann. Über eine Mail würde er sich sehr freuen: serbestjajan@gmail.com.

 

Sascha Rutzen