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Erstes Gastatelier in der Künstlerzeche

Kader Ünlü aus Antalya wird zwei Wochen lang in Herne künstlerisch tätig sein

Kader Ünlü hat ihr Gastatelier schon bezogen. ©Horst Martens, Stadt Herne. Kader Ünlü hat ihr Gastatelier schon bezogen. ©Horst Martens, Stadt Herne.

Zwei Wochen lang arbeitet die türkische Künstlerin Kader Ünlü in der Künstlerzeche Unser Fritz. Sie ist damit Teil einer Premiere: Zum ersten Mal überhaupt bietet die Stadt Herne ein sogenanntes „Gastatelier“ an.

Stadt und Künstlerzeche kooperieren

Dabei handelt es sich um eine Zusammenarbeit: das Emschertal-Museum bezahlt die Kosten des Aufenthaltes, die Künstlerzeche stellt die Räume zur Verfügung. Die 23-jährige Türkin stammt aus Antalya und hat dort vor Kurzem ihr Kunststudium an der Universität Akdeniz in Antalya beendet. Sie ist vor ein paar Tagen in NRW angekommen und lernt gerade die ersten Sätze Deutsch („Ich habe mich sehr gefreut, Sie kennen zu lernen.“) . Vermittelt hat die Künstlerin der Kurator Ingo Nitzsche, der zahlreiche Ausstellungen organisiert – und dabei geht es ihm vor allem darum, „die junge und zeitgenössische Kunst der Türkei“ vorzustellen. Nitzsche, der fließend Türkisch spricht, hat Kader Ünlü in Istanbul im Atelier eines Künstlers kennen gelernt.

  • Kader Ünlü in ihrem Atelier in der Künstlerzeche. ©Horst Martens, Stadt Herne

Ein langfristiges Projekt

Dr. Oliver Doetzer-Berweger ist begeistert von dieser Form des „Artist in residence“ – und denkt auch daran, diese Aktion zu wiederholen: „Es ist ein langfristiges Projekt.“ Für die Zukunft sind weitere unterschiedliche  Kooperationen mit türkischen Künstlern geplant. „Was Kader Ünlü hier in den zwei Wochen erarbeiten will, geht nicht sang- und klanglos unter“, verspricht Erika Porsch, stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins Künstlerzeche. Die Bilder des Gastes werden in einer Ausstellung zu sehen sein, aber wahrscheinlich erst 2019 – dafür war die Zeit der Planung zu kurz. „Wir haben uns allerdings schon vor einiger Zeit überlegt, wie wir Künstler von auswärts hier für eine kurze Zeit die Möglichkeit geben, hier zu wohnen und zu arbeiten. Jetzt klappt es zum ersten Mal. Möglich wurde es unter anderem, weil ein Atelier frei wurde.“

Die Künstlerin und das Türkeibild

Ünlü möchte gerne ein Beispiel sein, sagt sie. „Viele glauben, man kommt aus der Türkei nicht raus, weil man eingeschlossen ist. Ich zeige: Es ist möglich.“ In den wenigen Tagen, in denen sie sich in Herne aufhält, hat sie sich schon einen guten Eindruck von ihren Landsleuten verschafft: „Ich bin traurig und denke: Könnt Ihr euer Leben nicht ein wenig kreativer gestalten?“ In der Türkei selbst wird Ünlü nicht nur positiv gesehen: „Schon ihre äußere Erscheinung findet nicht den Beifall des Systems, und sie erhält daher auch keine Förderung.“ Ihren Lebensunterhalt verdient sie durch Unterricht an einer Privatschule. Wichtig ist für sie, das Türkeibild der Kunstszene zu korrigieren: Sie möchte zeigen, dass es in der Türkei eine junge moderne Kunstszene gibt – und dort nicht nur in der Hauptstadt. „Alle schauen nach Istanbul, aber auch Antalya und Anatolien zeichnen sich durch Kunstreichtum aus.“ Insgesamt gelte für die Türkei: „Die Gesellschaft ist im Umbruch, aber das macht die Kunst spannend.“ Viele ihrer Künstlerfreunde verspürten gerade gegenüber Deutschland viel Sympathie.

Porträts mit verschiedenen Ebenen

Kader Ünlü zeichnet irritierende Bilder, die in verschiedenen Ebenen übereinander liegen. Um diesen Effekt zu erzeugen, benutzt sie feinen Tüll, den sie auf die Maloberfläche legt. Diese Technik, die sie als einzige praktiziert, ist ihr Markenzeichen. „Bei Ünlüs Porträts kommt es darauf an, hinter die Oberfläche zu schauen“, sagt Nitzsche. Je abstrakter das Werk, umso näher kommt man dem wahren Charakter der Objekte. Bei ihrem Gastkünstleraufenthalt stehen Identitätsfragen im Vordergrund: „Was denken wir international und national von uns selbst und was von den jeweils anderen?“ ist die Frage, die sie sich und anderen beantworten will.

Horst Martens