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Gegenseitige Befruchtung

Ausstellung: Tandemgeflüster IV - künstlerischer Austausch von Künstler*innen mit und ohne Behinderung

Aus dem Zeichenheft von Rita Grzesiak und Gudrun Kattke. © Frank Dieper, Stadt Herne. Aus dem Zeichenheft von Rita Grzesiak und Gudrun Kattke. © Frank Dieper, Stadt Herne.

In den Flottmann-Hallen ist eine Ausstellung zu bestaunen, in der behinderte und nicht behinderte Künstler, zu Paaren formiert, eindrucksvolle künstlerische Arbeiten abliefern. Obwohl: Hinter den Attributen „behindert“ und „nicht behindert“ sollte ein Fragezeichen stehen – so unterschiedlich sind die Einschränkungen und so unklar ist, was einen wirklich bei der Arbeit behindert.

Titel der Ausstellung „Tandemgeflüster IV – ein künstlerischer Austausch von Künstler*innen mit und ohne Behinderung.“ Organisiert hat das Projekt Renate Frerich, die Gruppenleiterin des Ateliers „Werkstattarbeit“ der AWO-Werkstätten Dortmund ist, in dem Künstler mit unterschiedlichen Behinderungen seit 2009 arbeiten. „Sie kommen jeden Tag und malen. Ihre Hauptbeschäftigung ist die künstlerische Auseinandersetzung“, sagt Frerich.

Flottmann-Hallen: Tandemgeflüster IV – ein künstlerischer Austausch von Künstler*innen mit und ohne Behinderung / mit Renate Frerich und 13 Tandempaaren. Ausstellungsdauer: 20.1.-25.2.2018. Eröffnung: 20. Januar, 17 Uhr. Öffnungszeiten: Di-So 14-18 Uhr.

  • Renate Frerich organisierte die Ausstellung. ©Frank Dieper, Stadt Herne

Frerich setzte die Idee um, dass Künstler von außen sich mit den „Werkstattarbeitern“ zusammentun – und zwar in Form von Paaren. Sie bilden Tandems, daher der Titel, aber nicht zufällig, sondern nach inhaltlichen und gestalterischen Übereinstimmungen. Bei der Gestaltung ihrer Arbeiten kamen sie nicht notwendigerweise zueinander, sondern tauschten sich aus – sozusagen in Wort und Bild. Das Kommunikations- und Arbeitsmittel waren Zeichenhefte im DIN-A-4-Format, die hin- und hergeschickt wurden und langsam Blatt für Blatt gestaltet wurden. Meist so: auf einer Seite malte, klebte gestaltete ein Künstler ein Bild, auf der gegenüberliegenden Seite konterte der andere Partner mit einem Gegenentwurf. Wobei auch gemeinsam gestaltete Seiten dabei heraus kommen. Neben den dreidimensionalen Bildern werden auch die Originalhefte ausgestellt. Daneben gibt es eine Box mit 15 Heften im Mini-Format, die für wenig Geld zu erwerben ist.

Insgesamt zwölf Tandempaare sind an diesem Projekt beteiligt, die an vier Ausstellungsorten präsentiert werden. Start war schon 2014 im RWE-Tower in Dortmund. Wie an den anderen Orten kommt auch in Herne ein Künstlerpaar hinzu: Es handelt sich um Rita Grzesiak aus Herne und Gudrun Kattke aus Lünen. „Wir sehen uns heute zum ersten Mal“, verratten sie bei der Pressekonferenz. „Aber unsere gemeinsame Arbeit dauerte etwa drei Monate.“ Gudrun Kattke hat eine „Porta Pouches“ geschaffen, ein Portal aus durchsichtigen Folien, die in Form von Kuben montiert sind, die zahlreiche Fundstücke enthalten (Servietten, Karten, Gemälde – aus einem Fundus von 50.000 Exponaten ausgewählt). Durch dieses über zwei Meter hohe Tor schaut man direkt auf die farbigen vielbevölkerten Bildern von Rita Grzesiak.

Nicht die Eloquenz, sondern die Ausdruckskraft

Ausstellungsleiterin Jutta Laurinat war von der Ausstellung von Anfang an überzeugt: „Ich finde das Projekt sehr spannend. Nicht immer ist eindeutig, von welchem Tandempartner eine Arbeit stammt“, schmunzelt sie. „Passiert ist eine Menge“, sagt die Organisatorin Renate Frerich, „die Einzelnen haben ihre Sichtweise geändert.“ Gudrun Kattke bestätigt dieses: „Es war ein wenig so, wie wenn sich fremde Kulturen begegnen.“ Willi Otremba, Dortmund: „Mir gefällt, dass wir uns mit den Werkstatt-Künstlern nicht über ihre Behinderung, sondern in erster Linie auf einer künstlerischen Ebene auseinander setzen. Mit meinem Tandem, ein toller Typ, konnte ich mich nicht verbal mitteilen, sondern nur über die Bilder. Aber da stellt sich die Frage, was wir mit unseren Bildern tatsächlich sagen.“ Es kommt also nicht auf die Eloquenz an, sondern auf die Ausdruckskraft der Arbeiten.

Andere Sichtweisen

  • Sybille Hassinger und Gudrun Kattke bei der Pressekonferenz. ©Frank Dieper, Stadt Herne

Merve Sedit vom Atelier Werkstattarbeit behauptet sogar: „Durch mich hat meine Tandenkünstlerin Yvonne Kendall eine andere Sicht bekommen. Und ich habe gelernt, wie man mit Stoffen arbeitet.“ Der eine profitiert philosophisch, der andere handwerklich. Marion Weirauch von der Werkstatt malt farbige, ausdrucksstarke und phantasievolle Bilder, die an Pop-Art erinnern. Interessant vor allem ihr „U-Boot-Zug“. Ihr Kollege Thomas Schmitz, ebenfalls von der Werkstatt, zaubert vielfältige Tattoos auf farbigen Hintergründen. Interessant auch die Frage der Cartoonisten Oli Hilbring und Yvonne Keidies: „Darf man über Behinderte Witze machen.“ Antwort eines Beinamputierten: „Nur bei Leuten, die sich nicht auf den Fuß getreten fühlen.“

Mit Schaffenskraft und Herzblut

Sybille Hassinger, Dortmund, berichtet: „Mein Partnerkünstler Erwin Lattemann hat eine ungeheure Schaffenskraft entwickelt. Wenn ich nach dem Frühstück zu ihm kam, hatte er schon 30 Bilder gemalt.  Er ist ein richtiger Herzblutmaler. Das fand ich sehr befruchtend. Diese Werkstattkünstler sind viel freier, sie lassen sich in kein Korsett zwängen.“ Befruchtend fanden das auch andere Künstler, weshalb sie zur Ausstellungseröffnung am Samstag, 20. Januar, auch aus Berlin, Leipzig oder Reutlingen anreisen.

Horst Martens

Die 12 Tandempaare sind: Elke Friedrich (Atelier Werkstattarbeit) – Magdalena Drebber, Rackwitz || Katja Griebel, (A. W.) – Manfred Gliedt, Düsseldorf || Yvonne Keidies, (A. W.) – Oli Hilbring, Bochum || Erwin Lattemann, (A. W.) -Sybille Hassinger, Dortmund || Isabelle Maciolek (A. W.) – Ruth Habermehl, Leipzig || Thomas Schmitz (A. W.) – Ulrich Möckel, Beckum || Nadine Schulz (A. W.) – Matthias Beckmann, Berlin || Merve Sedit (A. W.) – Yvonne Kendall, Reutlingen || Marion Weirauch (A. W.) – Peatc Vossmann, Dortmund. Tobias Jessberger – Willi Otremba.||- Gastpaar in den Flottmann-Hallen: Rita Grzesiak, Herne – Gudrun Kattke, Lünen.