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Gisela, die Frau von der Tankstelle

Auf Umwegen zum Traumberuf

In den 60-er Jahren war Gisela Schlang (71) ein Unikum. Sie war Tankwartin an der Esso-Tankstelle an der Kirchstraße in Sodingen.

Eltern votierten für Männerberuf

Der Tankwart ist Geschichte – SB-Stationen prägen mittlerweile die Service-Landschaft. Aber in den 60-ern war alles anders: Eine Frau bekam man allerdings in der Tankwart-Kluft auch damals selten zu sehen. Dabei war Gisela Schlang nicht darauf aus, einen Männerberuf zu ergreifen. „Meine Eltern haben das einfach bestimmt“, erzählt sie. Die waren nämlich mit dem Betreiber befreundet und stielten den Deal ein. Ihr eigentlicher Traumberuf: „Ich wollte in den Krankenpflegedienst, um Krankenschwester zu werden.“

Bonbons und Fleischwurst

So absolvierte Gisela also von 1961 bis 1964 eine Lehre. In Bochum besuchte sie die Berufsschule. „Wir waren zwei Mädchen unter den Jungs.“ Bei den Jungs ging es dann darum: „Wer bringt die nach Hause?“ Und in der Tankstelle war vieles sehr persönlich. Man kannte die Besucher. „Die Kunden brachten Fleischwurst vorbei (einige waren Metzger) und schenkten uns Bonbons. Manchmal gab es auch einen Klaps auf den Po.“ In den heutigen „Me-Too-Zeiten“ ein „No go“, damals offenbar kein großes Thema.

  • Gisela Schlang war in den 60er Jahren Tankwartin in Sodingen. © Gisela Schlang

Die Jungs wurden besser bezahlt als die Mädchen. Bei der Arbeit wurden allerdings keine Unterschiede gemacht: „Vieles musste man mit der Hand machen: Reifen auswuchten, Ölwechsel, Batterie austauschen“, erzählt die Ex-Tankwartin. Wenn es allerdings hieß: „Fahr mal den Wagen in die Werkstatt“, war sie in der Bredouille. Sie hatte nämlich keinen Führerschein. Aber ansonsten kannte sie sich in ihrem Metier aus. Hatte unterwegs ein Fahrer eine Panne, fragte sie selbstverständlich nach: „Kann ich helfen?“ Die verdutzten Blicke der Fahrer sprachen Bände.
Ein Jahr war Gisela Schlang Gesellin. Dann starb der Besitzer, und die Tankstelle wurde aufgelöst. Sie stellte sich die Frage: „Was machst du jetzt?“ Und fand schnell eine Antwort: „Du heiratest.“ Ihren zukünftigen Mann hatte sie bei der Gewerkschaft kennen gelernt.

Der späte Traumberuf

Sie bekam zwei Söhne, 20 Jahre lang war Gisela Schlang Hausfrau. Und dann, wer hätte es für möglich gehalten, erfüllte sich für die damals 43-Jährige ihr Berufstraum doch noch. „Ja, ich bin Krankenschwester geworden.“ Zuerst war sie im Altenheim tätig. Später im Marienhospital. Ihre Karriere ist die Geschichte einer Frau, die nicht freiwillig einen für Frauen atypischen Beruf ergriff und sich später doch noch ihren liebsten Wunsch erfüllte.

Horst Martens