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Glücksbringer in luftiger Höhe

inszene

Über den Dächern von Herne. © Stadt Herne, Horst Martens

Goldene Knöpfe, Zylinder – Fabian Schmidt macht eine Ausbildung zum Schornsteinfeger. Dabei geht es nicht immer unbedingt schmutzig zur Sache.

Der 23-Jährige befindet sich im dritten und damit letzten Lehrjahr seiner Ausbildung zum Schornsteinfeger. Er ist abwechselnd auf den Dächern und Dachböden Hernes und am Cuno-Berufskolleg II in Hagen unterwegs. Und statt auf dem Dach findet unser Gespräch am Schreibtisch bei ihm Zuhause statt. Fabian ging nach der 12. Klasse von der Erich-Fried-Gesamtschule in Holsterhausen ab und war anfangs ein bisschen ratlos, welche Richtung er einschlagen sollte. Bis ihm jemand vorschlug, Schornsteinfeger zu werden. Gesagt, getan – nach der bestandenen Eignungsprüfung war auch schnell ein Ausbildungsbetrieb in Herne gefunden. „Ich fand die Idee gut, nicht die ganze Zeit im Büro zu sitzen sondern auch draußen zu sein“, sagt Fabian. Nur bei schlechtem Wetter, wenn er „bei Hagel auf dem Dach steht und die Sonne scheint, sobald man wieder unten ist“ sieht er das etwas anders. „Aber was soll man machen!“, lacht er.

Fabian schlägt eines seiner Lehrbücher auf und zeigt mir, was er alles draufhaben muss. Den Umgang mit Zahlen darf man in seiner Branche nicht scheuen – ellenlange Formeln, mit denen Energieverluste und Wärmeabgaben berechnet werden können. Aber auch mit Gesetzestexten und Verordnungen muss Fabian sich beschäftigen.

 Zwei Schornsteinfeger für 86 Straßen

Das Herner Stadtgebiet ist in zwölf Kehrbezirke unterteilt – der, in dem Fabian auf den Dächern herumklettert, umfasst rund 86 Straßenzüge. Neben den vier Kehrtouren pro Jahr, in denen er und sein Meister bei Kaminen für „freien Querschnitt“ sorgen, also mit der Kehrleine und Bürsten die Innenwände säubern, ist er auch für die Überprüfung der Emissionswerte von Heizungsanlagen zuständig. Fabian demonstriert mir bei sich zu Hause, wie das funktioniert und bringt einige interessante Instrumente zutage – zum Beispiel die Rußtestpumpe für Ölheizungen oder ein Gas-Detektor, der bei austretendem Abgas aufpiept. Direkt daneben im Koffer findet sich noch der „analoge“ Vorgänger – ein Tauspiegel aus Metall mit Kühlstoffkern. Beschlägt der, tritt Abgas aus.

Und obwohl Schornsteinfeger heute mit modernstem Gerät ausgestattet sind, Sonden und Endoskope zum Einsatz kommen – die traditionelle Arbeitstracht hat sich gehalten: Der schwarze, doppelreihige Kehranzug, „Koller“ genannt, mit seinen vergoldeten Knöpfen, ein schwarzes Halstuch für den Azubi, ein weißes für den Gesellen – und als Meister kommt noch der Zylinder hinzu.

Betrunkene wollen dem Glück ganz nah sein

Einen Schornsteinfeger anzufassen bringt ja bekanntlich Glück. Am besten noch mit rußigem Anzug. Das passiert Fabian auch hin und wieder: „Aber meistens sind das Betrunkene!“, gibt er wenig begeistert zu. Dass der Feger zum Glückssymbol geworden ist, hat auch einen sehr einfachen Grund: Zu Zeiten, in denen noch hauptsächlich mit Holz gebaut und geheizt wurde, waren Hausbrände eine ständige Gefahr. Doch der Feger sorgte mit seiner Arbeit für eine sichere Feuerstätte. „Der Schornsteinfeger bringt Glück, weil dank ihm die Bude nicht abgefackelt ist!“, so einfach erklärt Fabian mir das.

In Zeiten von rußfreien Gasanlagen ist so eine Gefahr natürlich geringer. Die Sorge um Sicherheit allerdings auch: „Was vielen Leuten gar nicht bewusst ist, dass von so einer Anlage, wenn sie nicht vernünftig funktioniert, auch eine richtige Gefahr ausgeht“, erklärt mir der angehende Geselle. Damit verbunden ist oftmals auch die Einstellung, dass der Besuch vom Schornsteinfeger unnötig sei. Dabei ist auf seine Arbeit nicht zu verzichten. Kohlenmonoxid, welches bei der Verbrennung in Feuerstätten entsteht, ist farb- und geruchlos – und ein gefährliches Atemgift.

  • Fabian Schmidt weiß, wie Herne von oben aussieht. © Stadt Herne, Horst Martens

Tod durch Kohlenmonoxid nach nur 30 Minuten

Ich habe mal bei mir zuhause nachgeguckt. Da hat der Schornsteinfeger bei der letzten Messung im April eine CO-Konzentration in der Atemluft von 36ppm (parts per million) festgestellt, das sind 0,003%. Ein optimaler Wert. Ab 500ppm (0,05%) spricht der Schornsteinfeger eine Wartungsempfehlung aus. Wer sich ab dieser CO-Konzentration für längere Zeit zum Beispiel im Raum mit der Verbrennungsanlage aufhält, leidet verstärkt unter Symptomen wie Kopfschmerzen, Schwindel und Übelkeit. Viele Haushalte haben ihre Heizungsanlagen im Bad installiert – das ist auch der Grund für die Belüftungsschlitze in den Türen: Dadurch steht der Anlage mehr Luft für den Betrieb zur Verfügung. Gerade im Bad wird es dann auch gefährlich: „Ich habe zum Teil schon sehr hohe Werte gemessen… 4000ppm zum Beispiel – da ist man nach 30 Minuten tot. Das entspricht einmal baden gehen.“

Alle sieben Jahre werden die Posten neu verteilt

Als Schornsteinfeger muss man nicht nur schwindelfrei, sondern auch gelenkig sein. Fabian zwängt sich andauernd durch kleine Dachluken, um an die Kamine zu gelangen. Geschicktes Klettern ist da teilweise schon nötig – ab einer Steigung von 20 Grad sind festinstallierte Vorrichtungen wie Leitern auf dem Dach allerdings Pflicht

In Deutschland gibt es seit Anfang letzten Jahres die freie Schornsteinfegerwahl. Bis dahin hatte ein Schornsteinfegermeister – umstrittenes – Monopolrecht auf den ihn zugewiesenem Kehrbezirk. Bis zur Rente. Das wurde nun aber geändert, um die Branche wettbewerbsfähiger zu gestalten: „Die Posten der Kehrbezirke werden alle sieben Jahre neu ausgeschrieben – und dann muss man sich wieder auf seine eigene Stelle bewerben“, erklärt Fabian. Nur die „hoheitlichen Tätigkeiten“, wie zum Beispiel die Abnahme neu installierter Anlagen bleiben in jedem Fall beim bevollmächtigten Bezirksschornsteinfeger. Er ist noch immer für die Verwaltung seines Kehrbezirks zuständig und führt das Kehrbuch, in dem alle Ergebnisse und Veränderungen eingetragen werden. Das bleibt in einer Hand, „damit niemand sagen kann ‚Sie nehmen mir das nicht ab? Dann hole ich mir halt ’nen anderen!'“, so Fabian.

Kluge Vögel, verstaubte Dachböden

Das Schöne am Job ist natürlich die Aussicht. Zwischen ein paar Vögeln hat man da oben auf den Dächern seine Ruhe. Die lungern gerne am Kaminrand rum, um mit den ausströmenden Abgasen ihr Gefieder von lästigen Parasiten zu befreien. Und auf die Frage, was man denn auf den Dachböden Hernes so Spannendes entdeckt, weiß er keine Antwort. Nach kurzem Nachdenken fällt ihm dann auch nur noch eines ein: „Staub.“

Text: Sascha Dominic Rutzen

Fotos: Sascha Rutzen, Rainer Sturm