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Hartes Bergmanns-Leben auf der Bühne

"Weg vom Fenster" - Premiere von und mit Ralf Piorr, Till Beckmann und Christian Donovan

Im letzten Jahr der Kohle wird viel Bergbau-Romantik die Bühnen des Ruhrgebiets erobern. So authentisch und staubtrocken und fern jeder Nostalgie wie die szenische Lesung „Weg vom Fenster“ am Dienstag, 20. Februar, im Literaturhaus Herne wird allerdings wohl kaum eine Produktion daherkommen.

Premiere: Weg vom Fenster: Dienstag, 20. Februar, 19 Uhr. Literaturhaus, Bebelstraße 18, Herne. www.literaturhaus-herne-ruhr.de

Auf der Bühne: Till Beckmann und Christian Donovan

Der Historiker, Autor und Heimatmuseum-Leiter Ralf Piorr hat mal wieder sein goldenes Händchen im Umgang mit besonderen Texten bewiesen. Zuerst entdeckt er im Herner Stadtarchiv ein Manuskript eines unbekannten Autors und Bergmanns, das er im Klartext-Verlag unter dem Titel „Die Männer von Luise“ publizierte. Dann erkannte er den literarischen Mehrwert und  den derzeitigen Marktwert – in einem Jahr, in dem zahlreiche Kulturbetriebe den endgültigen Abgesang auf die Bergbauära betreiben. Er arbeitete „Die Männer von Luise“ für die Bühne zu einer szenischen Lesung mit musikalischer Begleitung um. Neuer Titel „Weg vom Fenster“. Piorr selbst führt Regie, als Mitstreiter gewann er den in Herne bekannten Schauspieler Till Beckmann und den Gelsenkircher Musiker Christian Donovan, der Stammgästen der ehemaligen Kulturgaststätte „Sonne“ ein Begriff sein dürfte, weil er dort häufig mit irisch-schottischen Songs auf der Bühne stand.

  • Ein Vorgeschmack zu „Weg vom Fenster“ im Literaturhaus Herne. ©Thomas Schmidt, Stadt Herne

Die letzten mühsamen Tage

Auf der kleinen Bühne im „Literaturcafé“ stehen ein Tisch und zwei Stühle. Donovan schlägt einige Töne auf seiner Gitarre an, Till Beckmann erscheint in schwarzer Bergmannskluft, stellt eine Grubenlampe ab und rezitiert aus „Weg vom Fenster“: Der Bergmann Bernhard Holler wird zu Grabe getragen, gestorben an Silikose, der Staublunge und der Gewerbekrankheit der Bergleute. Er ist jetzt „weg vom Fenster“ – so erlangt der Titel der Premiere Sinn. Beckmann hat den Text vorliegen, liest ihn manchmal ab, manchmal spricht er frei. Wenn er von den letzten mühsamen Tagen Hollers spricht und von seinen Schwierigkeiten beim Treppensteigen oder zuletzt sogar schon beim Rasieren, dann geht auch beim Schauspieler der Atem schwer. Allerdings steht nicht das Schauspielerische, sondern eher das Dokumentarische im Fokus: „Ich stelle mich ganz in den Dienst des Textes“, sagt Beckmann.

Irisch-schottische Bergmannssongs

Das harte Leben Hollers wird im Rückblick geschildert. Es geht um die harte Arbeit und um die Opfer. Der Zeitrahmen in dem das Stück spielt, liegt zwischen 1933 und 1958. Musikalische Akzente setzt Christian Donovan mit irisch-schottischen Liedern über den Bergbau oder Songs, die nach dem Krieg aus der Juke-Box erklangen. Deutsche Bergmannslieder kommen nicht vor – geschuldet auch der nationalsozialistischen Ära. „Aber die Schotten und Iren hatten auch die besseren Songs“, sagt Piorr. Außerdem entspricht das Genre dem Repertoire von Donovan.

Potenzial für eine Tour

„Der Bergbau gehört zu unserer Identität“, betont Piorr. „Die Resonanz auf die Veranstaltung ‚Schachtzeichen‘ hat mich überzeugt, wie wichtig das Thema für die Menschen ist.“ Das Interesse an der eineinhalbstündigen Veranstaltung ist groß – bis auf wenige Restkarten ist sie ausverkauft. Von einem „extremen überregionalen Zuspruch“ spricht Ralf Piorr. Nicht nur die Veranstalter gehen davon aus, dass „Weg vom Fenster“ das Potenzial für eine Tour hat.

Horst Martens