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Heilige Amulette verschließen das Tor zur Unterwelt

Ausstellung „Irrtümer und Fälschungen in der Archäologie“ im LWL-Museum hat eröffnet

Im Jahr 4022 entdeckt: Der formschöne Anhänger wurde aus gummi geschnitzt und ist über einen silbernen Ring mit einer wunderschön gearbeiteten silbernen Kette verbunden. Das Amulett wurde am Boden eines weiß poliertenn Sarkophags gefunden. ©Thomas Schmidt, Stadt Herne Im Jahr 4022 entdeckt: Der formschöne Anhänger wurde aus Gummi geschnitzt und ist über einen silbernen Ring mit einer wunderschön gearbeiteten silbernen Kette verbunden. Das Amulett wurde am Boden eines weiß polierten Sarkophags gefunden. ©Thomas Schmidt, Stadt Herne

Ein Einhorn im Harz? Ein heiliger Schrein im Hotelzimmer? Das LWL-Museum für Archäologie am Europaplatz 1 schickt seine Besucher auf Entdeckungstour mit Archäologen der Vergangenheit und der Zukunft und zeigt, wie schmal der Grat zwischen Wahrheit, Irrtum und Fälschung ist.

Was würden Archäologen der Zukunft über uns denken?

Am Anfang steht die Zukunft: Wir schreiben das Jahr 4022. Der Archäologe Howard Carson macht Ausgrabungen auf dem früheren gebiet der USA und findet dabei zufällig ein verschüttetes Motel, das er für die Grabkammer eines Fürsten hält. Wer sonst sollte umgeben von Plastik, einem im fünften Jahrtausend seltenen und wertvollen Material, dort bestattet liegen? Ohne Zweifel ist die Plastikhaube, die der Tote in der Badewanne trägt, eine besondere Kostbarkeit. Das Selbe gilt auch für die Skulptur aus Glas und einem Metalldraht, die der Lichtgöttin Watt gewidmet ist. Und an der Tür hängt eine Fluch-Tafel mit der Inschrift „Bitte nicht stören!“ Auch die Getränke-Flaschen im Motel der Mysterien regen den Archäologen Carson zu Spekulationen an. Die große Cola-Flasche muss für einen Erwachsenen gewesen sein. Dann waren die kleinen Fläschchen mit dem Obstbrand vielleicht für Kinder? So tappt der Archäologe des Jahres 4022 von Irrtum zu Irrtum und bringt die Besucher immer wieder zum Lachen.

  • Großes Interesse bei den Pressevertretern zur neuen Ausstellung des LWL Museums für Archäologie. © Thomas Schmidt, Stadt Herne

Was ist wahr und was ist falsch?

Sofort sind die Besucher drin im Spiel von wahr und falsch. An verschiedenen Stationen können sie selbst rätseln, was richtig und was falsch ist und erfahren, wie schnell man sich vertut. Mehr als 200 Ausstellungsstücke von der Steinzeit bis zur Gegenwart zeigen bekannte und weniger bekannte Fehldeutungen, zeigen die Arbeit von gewieften Fälschern und die Arbeitsmethoden der Archäologen damals und heute.

Vor allem: Spaß haben

Vor allem die Zeichnungen und Geschichten von David Macaulay bringen die Besucher immer wieder zum Lachen. Der US-amerikanische Autor und Zeichner hat die Geschichte des Archäologen aus der Zukunft erfunden und in seinem Buch „Motel der Mysterien“ beschrieben. „Ich wollte ein wenig Spaß haben, ich wollte spielen“, erklärte der Autor und Zeichner David Macaulay kurz vor der Eröffnung in Herne. „Ich habe Dinge genommen, die jeder von uns kennt, und sie in die Zukunft versetzt. Was würden die Menschen in der Zukunft über unser Zeitalter denken?“ So wird die Toilettenschüssel zum Tor zur Unterwelt umgedeutet. Ihm gefällt das Spiel mit Wahrheit und Irrtum. „Toiletten sind uns allen vertraut, deswegen nehmen wir sie nicht mehr richtig wahr. Ich wollte, dass wie vertraute Dinge wieder wahrnehmen“, so Macaulay.

  • Sind keine Bildnisse vorhanden, so werden sie erdacht. Hier eine Büste Homers. ©Thomas Schmidt, Stadt Herne

Aus der Werkstatt der Meisterfälscher

Aber nicht nur Irrtümer bringen einen von der Wahrheit ab. Auch Stücke aus der Werkstatt von Meisterfälschern zeigt die Ausstellung. So haben im Laufe der Geschichte immer wieder mehr oder wenige begabte Fälscher ihre Produkte an Museen verkauft. Zum Beispiel die Tiara des Saitaphernes, die aus dem Pariser Louvre nach Herne gekommen ist. Zwar ist sie aus echtem Gold, aber keinesfalls antik. Skarabäus-Käfer, die doch nicht aus dem alten Ägypten stammen sind zu sehen und Schmuckstücke, die nur vermeintlich in der legendären Stadt Troja gefertigt wurden.

Das Skelett des magischen Einhorns

Einer der Höhepunkte der Ausstellung ist das Einhorn-Skelett. Forscher hatten in der Nähe von Quedlinburg Knochen in einer Höhle entdeckt, Beine, Wirbel und ein Horn. Da den Menschen im 17. Jahrhundert die Existenz von Einhörnern durchaus plausibel erschien, wurden die Knochen kurzerhand zu einem solchen zusammen gebaut – leider reichten die Fundstücke nur aus, um dem Tier zwei statt vier Beine zu verpassen. Selbst der berühmte Gelehrte des 17. Jahrhunderts, Gottfried Wilhelm von Leibnitz, war seinerzeit vom Einhorn überzeugt und fertigte die erste Zeichnung an, auf der ein Wirbeltier rekonstruiert wurde – das Einhorn auf zwei Beinen bekam wissenschaftliche Bedeutung. Später entpuppten sich die Beine des Fabelwesens als Mammut-Knochen, der Schädel gehörte zu einem Wollhaarnashorn und der eine oder andere findige Skandinavier hatte die Stoßzähne von Narwalen als Einhorn-Hörner verkauft.

Das Verwirrspiel um Fälschungen und Irrtümer gipfelt in dem vermeintlichen Becher aus Einhorn, der alle Gifte neutralisieren sollte. War die magische Wirkung ein schlichter Irrtum, war der Becher eine glatte Fälschung, denn das Material ist Elfenbein und damit ganz und gar ohne magische Wirkung. Wie es dem Menschen ergangen ist, der versucht hatte, mit dem Einhorn-Becher gesund zu bleiben, ist allerdings nicht überliefert.

Irrtümer gehören dazu

Dass es jeden treffen kann, haben Archäologen zur Eröffnung der Ausstellung erklärt: 2003 wollte das Herner Museum selbst den Schädel des vermeintlich ältesten Westfalen in seiner Dauerausstellung präsentieren. Auf 27.400 Jahre schätzte ein Experte das Alter der Knochen aus Paderborn. Irgendwann bekamen die Museumsmitarbeiter Zweifel und fanden heraus, dass der Schädel deutlich jünger war und der vermeintliche Experte an vielen Stellen geschummelt hatte. „Wenn man selbst in der Situation ist, ist das äußerst unangenehm“, gab Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger zu. „Was ist Fakt, was ist Fake? Wir sind mit diesem Thema am Puls der Zeit“, so die Kulturdezernentin des LWL. Das sieht auch David Macaulay so: „Ich lebe in einem Land, in dem die Wahrheit im Moment sehr knapp ist“, urteilte der US-Amerikaner kritisch.

Ein echtes Original ist dabei

Ein echtes Original hat die Ausstellung allerdings auch zu bieten: An eine Wand hat David Macaulay mit Filzstiften ein großformatiges Bild gezeichnet – vor den Augen der Museums-Mitarbeiter. Begonnen hat die Ausstellung am Freitag, 23. März. Am Gründonnerstag, 29.März 2018, feiert das LWL-Museum von 20 bis 24 Uhr seinen 15. Geburtstag mit der Nacht der Irrtümer und Fälschungen mit besonderen Aktionen. Der Eintritt ist an diesem Abend frei. Bis Sonntag, 9.September 2018, ist die Ausstellung in Herne zu sehen, dann geht sie ins Roemer- und Pelizaeus-Museum Hildesheim.

Mehr Informationen unter:
http://www.irrtuemer-ausstellung.lwl.org oder http://www.lwl-landesmuseum-herne.de

Nina-Maria Haupt