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Im Einsatz für die Grubenwehr

Dietmar Illmann erinnert an die Katastrophe von Borken

51 Tote, viele Verletzte und trauernde Angehörige ließen die Welt für einen Moment stillstehen, als sich am 1. Juni 1988 im hessischen Borken eines der schlimmsten Bergwerksunglücke Deutschlands ereignete. Auch aus Herne waren viele Mitglieder der Grubenwehr vor Ort – einer von ihnen war Dietmar Illmann.

Katastrophe bei der ersten Grubenfahrt

„Ein 18-Jähriger fuhr zum ersten Mal in die Grube und kam nicht mehr nach oben, so etwas kann man nicht verstehen“, sagt der heute 74-Jährige. Obwohl das tragische Unglück fast auf den Tag genau 30 Jahre zurückliegt, hat der ehemalige Elektrohauer die Bilder von damals immer noch vor Augen. „Ausgerechnet Stolzenbach“, sagt Illmann an seinem Küchentisch sitzend  und schüttelt den Kopf. Denn „Stolzenbach“ war eine der ganz wenigen Gruben in Deutschland, in denen noch Braunkohle unter Tage abgebaut wurde und nicht, wie sonst üblich, über Tage wie heute zum Beispiel in Garzweiler. Am 1. Juni 1988 spielte das allerdings keine Rolle, als die Bergmänner im Revier von der Katastrophe erfuhren.

  • Zu Besuch bei Dietmar Illmann. ©Thomas Schmidt, Stadt Herne

Sechs Kumpel werden gerettet

Mitglieder der Grubenwehr Hugo/Consolidation befanden sich ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt auf dem Weg zu einem Ausflug nach Lübeck. „In Gedanken waren wir natürlich die ganze Zeit bei unseren Kumpels. Und kaum waren wir zurück in Herne, ging es am nächsten Morgen gleich weiter nach Borken.“ Aus ganz Deutschland waren dort bereits Grubenwehren im Einsatz, um noch für das Wunder zu sorgen. Ein Wunder, das tatsächlich in Erfüllung gehen sollte. Obwohl es kaum Hoffnung auf Überlebende gab, wurden sechs Kumpel gerettet. Sie hatten in einer Luftblase die durch eine Sprengung ausgelöste Kohlenstaubexplosion überlebt und wurden mit einem Förderkorb ans Tageslicht gebracht. Das „Wunder von Borken“ war geboren. Die Freude im Lager der vielen Helfer war natürlich groß.

Mit 13 Jahren die erste Lohntüte in der Hand

Der Einsatz vor Ort war damit aber längst nicht beendet. „Wir sind immer wieder eingefahren, um den Weg freizuräumen. Die Zerstörung durch die Explosion war enorm“, betont Illmann, der mit 13 Jahren als Berglehrling auf der Zeche Pluto seine erste Lohntüte bekam und mit 16 Jahren seine erste Grubenfahrt erlebte. „Da ging es gleich runter bis zur achten Sohle. Da war mir schon ein bisschen flau im Magen“, erinnert sich der gebürtige Breslauer, der 1946 nach der Flucht Schlesien mit seiner Mutter in einer Unterkunft gegenüber der ehemaligen Königin-Luisen-Schule landete. Dem Ortsteil Bickern blieb er treu, der dreifache Familienvater wohnt mit seiner Frau seit fast 49 Jahren im gleichen Haus an der Knappenstraße. Am 1. Juni 1993 fuhr er zum letzten Mal ein. Nach so vielen Jahren unter Tage weiß er nur zu gut, dass es besonders für die Angehörigen wichtig ist, nach einem Unfall die Toten zu bergen. „Es ist schlimm, wenn einer in der Grube bleibt.“ Das ist zum Glück in Hessen nicht passiert.

Medaille und Urkunde als Anerkennung

Am 10. Juni 1988 wurden die letzten  vermissten Bergleute tot geborgen. Und damit waren auch die täglichen Fahrten zur Grube Stolzenbach, die 40 Kilometer südlich von Kassel  liegt, beendet. Für die Helfer aus Herne waren es lange und anstrengende Tage mit wenig Schlaf. Denn am Abend fuhren die Kumpel die mehr als 200 Kilometer wieder zurück ins Ruhrgebiet, am Morgen rückten die Trupps mit ihren schweren Atemschutzgeräten wieder an. „Vier oder fünf Tage haben wir so die Bergungsarbeiten unterstützt“, sagt Illmann, der gemeinsam mit mehreren hundert weiteren Wehrmännern für seinen Einsatz eine Medaille und eine Urkunde erhielt. Gerne hätte er auf diese Auszeichnung verzichtet. Lieber wäre es ihm gewesen, wenn Stolzenbach keine traurige Berühmtheit erlangt hätte.

Unfall kostet fast das Augenlicht

Umso wichtiger ist es aus Sicht von Illmann, dass es die Grubenwehr gibt, die im Notfall, gut vorbereitet, Schlimmeres verhindern kann. Ein Einsatz – nur wenige Monate nach Stolzenbach – wäre allerdings beinahe ins Auge gegangen. Beim Ersticken eines Feuers platzte ein C-Rohr. Der Bergmann bekam das unter Druck stehende Dämm-Material ins Gesicht. „Es ist vergleichbar mit Zement mit dem Unterschied,  dass es blitzartig hart wird. Das hätte beinahe mein Augenlicht gekostet“. Doch die Kollegen reagierten sofort richtig und reinigten alles schnell mit Wasser. „Das war mein Glück.“ Mehrere Tage sah das Unfallopfer gar nichts mehr. Erst nach Wochen war klar, dass es keine bleibenden Schäden gibt. Die Wunden von damals sind verheilt. Geblieben ist die Verbundenheit zur Grubenwehr. 1968 ist er eingetreten, 1993 als Gerätewart ausgeschieden. „Fast 25 Jahre war ich dabei, drei Monate fehlten zum Jubiläum“, sagt Illmann fast etwas traurig.