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Kunstliebhaberinnen nähen Jutesäcke für Mahama

Erste Bahnen für die Verhüllung des Schlosses fertig

Auf dem Gelände der Zeche „Schlägel und Eisen“ liegen zahlreiche Jutesäcke auf einer 40 x 30 Meter großen Fläche nebeneinander. Und auf den Jutesäcken knien gut zehn fleißige Helfer, die mit langen Packnadeln die Ränder der Jutetextilien miteinander vernähen. Und mittendrin ist der Künstler Ibrahim Mahama, gerade aus Berlin angereist, der auch selbst Hand anlegt.

  • Als Volunteer teil der Kunst werden; Katrin Lieske beim Nähen der Jutesäcke in Herten. ©Thomas Schmidt

Damit ist das spektakuläre Projekt „Verhüllung des Schlosses Strünkede“ einen wichtigen Schritt weiter gekommen. Die ersten Bahnen wurden fertig gestellt, sie sind für die Bedeckung des Schlossdaches vorgesehen. In den nächsten Tagen sind noch weitere Arbeiten notwendig, schließlich sollen gut 1.000 Quadratmeter Schlossfassade bedeckt werden. Wobei größere Teilstücke schon fertig geliefert wurden, sie stammen aus vorherigen Kunstaktionen. „Die hellgraue Bahn ist Kassel“, sagt Kurator Thomas Hensold. Sie kommt also von der Documenta. Die Organisatoren hatten per Zeitungsaufruf nach Helfern gesucht, gut 50 Frauen und Männer sagten schließlich zu – wobei an den einzelnen Tagen dann jeweils rund ein Dutzend Supporter im Einsatz sind. „Wir liegen total gut in der Planung“, sagt Thomas Hensold, „gut, dass wir diese Fläche nutzen können. Die Zeche als ehemaliger Ort der Kohlenproduktion ist auch für den Künstler eine optimale Location. Und das Wetter ist ein Traum.“

„Wir nähen für Mahama“

„Bei so einem wunderbaren blauen Himmel lässt sich gut arbeiten“, sagt Dana Bulic, die aus Dinslaken angereist ist. Und hinzu kommt die Wirkung der kulturindustriellen Kulisse. Ursprünglich sollte die Nähaktion in den überdachten Hallen der Zeche Westerholt über die Bühne gehen, doch das gute Wetter inspirierte die Organisatorien dazu, die Pläne zu ändern. Offener Platz satt überdachte Halle. Die Volunteers sind zum großen Teil Kunstliebhaber. Jasmin Schönrock studiert Kunst in Köln: „Ich habe in einem Kunstmagazin darüber gelesen. Ich finde es gut, dass ich junge, zeitgenössische Künstler auf diese Art zu unterstützen kann.“  Andrea Prislan, Chiara Cremon und Katrin Lieske haben beruflich mit Kunst zu tun, sie sind für das Emschertal-Museum tätig. „Wir sind nicht dienstlich hier“, sagt Andrea Prislan. „Um an der Entstehung des großen Kunstwerks mitzuwirken, das bei uns am Schloss hängen soll, haben wir sogar einen freien Tag geopfert.“ Andrea Prislan und Chiara Cremon nähen sonst gemeinsam Art-Bags aus Werbetransparenten. „Jetzt nähen wir auch für Mahama“, sagen sie. Sie wollen diesen Augenblick verewigen und lassen sich zusammen mit Ibrahim Mahama und seinem Assistenten ablichten. Mahama gehört zu den Künstlern, die aktuell hip sind, morgen ist er vielleicht schon berühmt. Christa Busch-Pinkal interessiert sich für Kunst, sie hat auch in ihrer Kirchengemeinde Ausstellungen organisiert: „Für mich ist es eine Gelegenheit, an einem Kunstwerk mitzuwirken. Man näht in dem Gefühl, dass ein Kunstwerk entsteht.“ Auch Museumsdirektor Dr. Oliver Doetzer-Berweger ist begeistert: „Ich sehe eine große Chance für dieses Projekt, wir produzieren Kunst auf Documenta-Niveau.“

Aufdrucke, Markierungen, Stempel

Bei einer kleinen Fotosession unterhält Mahama sich mit Stadtfotograf Thomas Schmidt. Er erklärt ihm die Bedeutung der verschiedenen Aufdrucke, Markierungen und Stempel auf den Jutesäcken. Die Säcke haben im Laufe ihres Lebens unterschiedliche Waren transportiert – Kakao, Baumwolle, Kaffee und zum Schluss, alt und abgenutzt, waren sie noch gut genug für den Kohlentransport. Die Wege der Säcke bilden die aktuellen Handelswege ab und sind damit auch ein Abbild des kapitalistischen Warenstroms. Der Künstler wischt sich den Schweiß von der Stirn. „Ist es zu heiß?“ frage ich. Er lächelt und sagt: „Da wo ich herkomme, wäre dieses Wetter Winter.“

Horst Martens