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Leider Deutsch: Nicht Ali sondern „nur“ Albert

Szene aus dem Stück Szene aus dem Stück "Leider Deutsch" mit den Schauspielern Ewert, Topal, Ihjeij, Küskü, Soni, Appelbaum und Moser. © Stadt Herne, Horst Martens

„Leider Deutsch“ stellt Anna lapidar fest, als sie merkt, dass Ali kein süßer Türke ist, sondern „nur“ Albert heißt und ein netter Deutscher ist. So heißt in diesem Verwechslungspiel das neue Stück des theaterkohlenpotts. Premiere ist Freitag, 14. November, 19 Uhr, in den Flottmann-Hallen.

  • Tischszene bei der Pressekonferenz in den Flottmann-Hallen, bei der das neue Stück des theaterkohlenpott vorgestellt wurde. © Stadt Herne, Horst Martens

Drei Schauspieler und fünf junge Darsteller haben ein Stück erarbeitetet – gemeinsam mit Autor Christian Schönfelder und Regisseur Frank Hörner. Dabei handelt es sich, wie Frank Hörner betont, „um ein Stück im Stück“: Drei junge Schauspieler werden beauftragt, ein Theaterstück zum Thema „Migration“ zu erarbeiten. Sie holen sich fünf jugendliche Darsteller mit Migrationshintergrund dazu: Die haben ja zu dem Thema einschlägige Erfahrungen gesammelt. Als Grundlage soll ihnen eine Geschichte dienen, die ihnen ein Schüler erzählt hat. Und schon steht die Besetzung fest: Jennifer Ewert, Manuel Moser und Till Beckmann spielen die professionellen Schauspieler. Nadia Ihjeij, Zeynep Topal, Jens Appelbaum, Sefa Küskü und Kai Soni die jugendlichen Darsteller. Für die Ausstattung ist Julia Praschma zuständig, die Musik steuert Sebastian Maier bei.

Anna findet deutsche Jungs meist langweilig

Und innerhalb diesen erzählerischen Rahmens spielt die 2. Handlung, also das Stück, das nach und nach entstehen soll. Das geht so: Anna (Jennifer Ewert) findet deutsche Jungs meistens langweilig. Sie verliebt sich in einen türkischen Jungen, Ali, in Deutschland geboren, mit Eltern aus Istanbul und neu in der Stadt. Für Ali wird es nun kompliziert. Denn er heißt eigentlich Albert und ist Deutscher.

Die jungen Darsteller

◦Die fünf Neulinge, die aber schon alle auf der Bühne Erfahrungen gesammelt haben: Zeynep Topal, Jens Appelbaum, Sefa Küskü, Nadia Ihjeij und Kai Soni (v.l.n.r.). Foto: Stadt Herne, Horst Martens

Zeynep Topal, 20 Jahre, aus Dortmund, macht ihr Abi. „Ich mag die Probenatmosphäre“, sagt sie, „das ganze Drumherum macht einfach Spaß“. Ihre Vorliebe fürs Theater lodert schon etwas länger. Schon mit elf Jahren hat sie sich aus einer Laune heraus für eine Rolle im Schultheater beworben.

Jens Appelbaum, 22, Wanne-Eickel, Student, hat auch schon im Schultheater gespielt und hat an freien Theaterproduktionen teilgenommen, beispielsweise bei „Cyborg“. Er sagt: „Die schönste Herausforderung ist für mich, mich in andere Menschen hereinzuversetzen.“

Sefa Küskü, 17 Jahre, Bochum, ist Tänzer. Zuletzt in „Momentum“ zu sehen, ein multimediales Tanzprojekt von Pottporus mit 14  Jugendlichen und Studenten in Kooperation mit dem Jungen Schauspielhaus Bochum. Und er wird jetzt erfahren, dass zwischen Tanztheater und Theater kein wahnsinniger Unterschied besteht.

Nadia Ihjeij, 20, Gewinnerin des Jugendkulturpreises „Herbert 2014“, nimmt nicht just for fun am Theaterprojekt „Leider Deutsch“ teil. Sie will, was das Theaterspielen anbelangt, Nägel mit Köpfen machen: „Ich gehe vorsprechen“ beschreibt sie ihren Versuch, auf den Brettern, die die Welt bedeuten, zu landen. Sie war erst zehn Jahre alt, als ihre Mutter sie für eine Rolle „rekrutierte“. Sie spielte „Momo“ und hatte drei Sätze zu sagen.

Kai Soni, 23, bewirbt sich derzeit als Erzieher. Hat nach einer längeren Pause wieder mal bei „Pottfiction“ mitgemacht. Wurde dort von Gabriele Kloke rekrutiert.

Das Stück bürstet Klischees gegen den Strich

In diesem neuen Stück geht es darum, Klischees und Stereotype gegen den Strich zu bürsten. „Was ist typisch türkisch? Was ist typisch deutsch. Toll ist der Mensch, der dahinter steht“, sagt Anna-Darstellerin Jennifer Ewert. „Dennoch“, und darauf legt Frank Hörner viel Wert, “ ist es kein Migrationsproblemstück, sondern eine Komödie“. Wie Vorurteile gedoppelt werden, ist auch an der Besetzung des Ali zu erkennen: Ihn spielt Till Beckmann, nicht gerade ein südlicher Typus.

Die arrivierten Theaterleute

ProfisTill Beckmann, in Herne bekannt durch zahlreiche Theaterprojekte, zuletzt unter anderem in „Tschick“ oder „Kopf oder Zahl“.

Jennifer Ewert: Spielte „Kriegskind“ in Köln (Nominierung für Kinder- und Jugentheaterpreis). Aktuell in Herne in „Du, du & ich“.

Manuel Moser: Spielte in Köln unter der Regie von Frank Hörner „Emil und die Detektive“. Aktuell in Herne in „Du, du & ich“.

Frank Hörner: seit 2005 Leiter des theaterkohlenpott Herne, wo er seitdem zahlreiche Stücke inszenierte. Regiearbeiten für große Häuser. Zuletzt schwerpunktmäßig für Junges Ensemble Stuttgart (JES) tätig.

Ab August haben sich Schauspieler und Produktionsteam getroffen und das Stück entwickelt. Wie dies geschah, wird in der Parallelhandlung abgebildet: „Die Schauspieler stolpern im Stück in die gleichen Fallen, in die wir auch gestolpert sind“, sagt Gabriele Kloke, Dramaturgin des theaterkohlenpotts. Dabei profitieren sie von den Neulingen, die zumeist Migrationshintergrund haben: „Wir Schauspieler nutzen die Tipps, die wir von den Jugendlichen erhalten“, sagt Jennifer Ewert. Das Stück wird für Zuschauer ab elf Jahre empfohlen: „Schwierigkeiten, die beiden Handlungen auseinander zu halten, sehen wir nicht. Einiges wird auch durch das Licht und das Bühnenbild vorgegeben“, unterstreicht Kloke.

Text und Fotos: Horst Martens

Karten und Kontakt: Gabriele Kloke, Tel. 0 23 25 / 940 430, info@theaterkohlenpott.de , www.theater-kohlenpott.de