Newsticker

Per Anhalter auf dem Kanal

Kanaljubiläum

Zu Gast im Steuerhaus: inszene-Autor Sascha Rutzen begleitet zwei Tage lang Schiffe auf dem Rhein-Herne-Kanal.

Ich bin seit Jahren per Anhalter unterwegs. Man glaubt es kaum, aber es funktioniert noch immer, auf diese Weise durch ganz Europa zu kommen. Dabei geht es nicht nur darum, kein teures Zugticket kaufen zu müssen, sondern ein Land durch seine Leute kennenzulernen. Man weiß nie, wie weit man kommt – und das ist das Spannende daran. Es geht mehr um den Weg als das Ziel.

Und dass der Rhein-Herne-Kanal nun sein Hundertjähriges feiert ist Anlass genug für mich, Ende September den Versuch zu unternehmen, auch einmal zu Wasser per Anhalter voran zu kommen und so mehr über die zu erfahren, für die der Kanal Arbeitsplatz ist: Schiffer.

Mir ist klar, dass es nicht viel bringen wird, mit erhobenem Daumen am Ufer zu stehen und zu hoffen, dass mich jemand mitnimmt. Ein hundert Meter langer Frachter hält nicht mal eben an. Daher mache ich mich auf zur Schleuse in Herne Ost und erzähle dem diensthabenden Schichtleiter Thorsten Kortmann von meiner Idee – in der Hoffnung, dass dieser mir hilft, mit den Schiffen in Funkkontakt zu treten. Gesagt, getan. Ich komme so direkt auf das erste Schiff, das die Schleuse passiert!

  • An Bord des Heizöltankers „Claudius“ Richtung Datteln beginnt die Reise auf dem Kanal. (an Bord der“Claudius“) © Sascha Dominik Rutzen

Ein toter Winkel von einem Kilometer

„Das ist bei uns an Bord aber nicht sauber“, warnt mich Dirk R., der Kapitän des 86 Meter langen Heizöltankers vor und lädt mich ins Steuerhaus ein. Hier hat man einen spannenden Blick über Rohre und Ventile, die das Deck überziehen. Rund 1,3 Millionen Liter Heizöl sind in zwei Tanks gelagert und auf dem Weg nach Münster-Gelmer. „Ich habe einen toten Winkel von einem Kilometer und mehr, wenn das Schiff leer ist und der Bug nach oben steht“, sagt Dirk mir. „Und den Kilometer brauche ich auch, um zu bremsen.“ Der 44-Jährige erzählt munter drauf los. Sechs Wochen ist er immer unterwegs, dann drei Wochen zuhause. Es sei manchmal schwer, sich dann von seiner Familie zu verabschieden, sagt er.

Uns kommt ein Schiff entgegen und Dirk greift zum Funkgerät: „Du kommst doch jetzt nicht erst aus Roente? Ich habe die Nacht doch hinter dir angelegt!“ Die Frachtschiffer kennen sich alle untereinander, erklärt der 44 Jährige mir. „Die liegen länger zum Beladen und haben mehr Zeit.“ Dirk ist seit 30 Jahren auf Tankschiffen unterwegs.

Die Wasserpolizei schaut genau hin

Matrose Adam steht am Bug bereit, um den Tanker sicher ans Ufer heran zu lotsen, damit ich von Bord gehen kann. Dirk beobachtet ihn und meint: „Die Jungs haben ein ganz anderes Leben. Manchmal wäre ich noch gerne an Deck als Matrose. Aber er will sich nicht beklagen: „Ich mache meine Arbeit gerne. Noch genau so wie am ersten Tag!“

Unter den argwöhnischen Blicken der Wasserpolizei springe ich von Bord. Den Rhein-Herne-Kanal habe ich schon längst hinter mir gelassen – es wird Zeit, die andere Richtung zu erkunden.

Am nächsten Tag starte ich wieder von der Schleuse Ost aus.

Meine nächste Mitfahrgelegenheit ist ein niederländischer Frachter. An Bord der „Elan“ begrüßt mich Kapitän Alfred Zwering. Dem 42-Jährigen Friesen wurde der Beruf quasi in die Wiege gelegt: „Ich bin mit Schiffen aufgewachsen. Mein Großvater war Schiffer, mein Vater war Schiffer. Vor 15 Jahren habe ich das Schiff meiner Eltern gekauft.“ Das konnte damals nur 400 Tonnen laden – sein jetziges Schiff ist auf 2300 Tonnen ausgelegt. Gerade kommt er zurück aus Lünen, wo er Kohlen aus Amsterdam gelöscht hat. „Ich persönliche finde am Kanal schön, dass man Industrie und Natur hat“, sagt er, drückt einen Knopf und auf einmal senkt sich das Dach des Steuerhauses, damit es unter der nächsten Brücke hindurch passt. Alfred steckt seinen Kopf durch eine Luke im Dach, um so alles sehen zu können.

Die Schifffahrt lässt einen nicht los

Wir fahren nicht weit – im Hafen Julia wird angelegt und auf eine Ladung von Emschergrund gewartet, mit der in Holland ein Kiesloch befüllt werden soll. Alfred hat nun Zeit und bei einer Tasse Kaffee erzählen er und Steuermann Martinus mir von ihrem Leben auf dem Schiff. Seit erst knapp einem Jahr sind sie zusammen unterwegs. „Ich hab‘ auch schon versucht, von der Schifffahrt loszukommen und eine Ausbildung als Gärtner gemacht – aber es treibt einen zurück. Und dann haben wir uns getroffen“, sagt Martinus.

„Der beste Tag in meinem Leben!“, scherzt Alfred da. Doch die beiden verstehen sich wirklich gut. Zum Glück. Denn ein Schiff, so Alfred, „das ist eigentlich eine kleine Insel mit zwei, drei Leuten an Bord.“ Wenn das so ist, betreibt Martinus Insel-Hopping: Wenn er nicht auf dem Schiff ist, fliegt er zu seiner Familie in den Philippinen. Eine Wohnung hat er nicht; auf dem Schiff ist er zuhause. Und das ist gut so: „Ich würde mit niemandem tauschen. Die Arbeit ist hier auch gleichzeitig das Leben. Man hört die Maschine und liebt es und vermisst es auch, wenn das Geräusch nicht da ist“, erklärt er mir. „Das ist ein wirklich schöner Beruf und ich frage mich, warum es in Deutschland nicht mehr Nachwuchs für die Binnenschifffahrt gibt.“ Trotzdem sei das „kein Job für Deppen“, wie er sagt. „Es gibt viel zu tun. Ich habe mal auf einem Tanker gearbeitet – mit Schlafen war da nicht viel.“

Ob die beiden denn auch die Cranger Kirmes kennen? Klar! Martinus kennt sich aus: „Nichts ist schöner als der Mond von Wanne-Eickel. Aber fangt jetzt nicht an zu singen!“

Seit 22 Jahren gemeinsam unterwegs

Ich verkneife es mir und während ich von Bord und an Waggons voll Kohle entlang gehe, denke ich darüber nach, wie sehr den Menschen auf dem Kanal ihr Beruf liegt. Es ist die Freiheit, die alle genießen. An der Schleuse Wanne-Eickel ist mein Kommen bereits aus Herne Ost angekündigt worden und auch hier ist schnell ein Schiff gefunden, das mich mitnimmt.

Ab jetzt bin ich zu Gast auf der „Rodeo“. Henk van Gils nimmt mich in Empfang und fragt „Haben Sie Angst vor Hunden?“ – schon hechtet mir Asrah entgegen, ein verspielter Mischling. Am Steuer sitzt Jolanda. Das Ehepaar ist auf dem Weg zum Rhein und schon seit 22 Jahren gemeinsam unterwegs. Henk erklärt mir: „Wir haben kein Haus – wir haben nur dieses Schiff.“

Die Kinder waren auf dem Schiffer-Internat

Begleitet von Asrah führt mich Jolanda auf dem Schiff herum und zeigt mir ihre geräumige Wohnung. Bis auf Klingelschild und Briefkasten fehlt es an nichts. Wäre draußen nicht das Ufer, das an den niedrigen Fenstern vorbeizieht, würde man nicht glauben, auf einem Frachtschiff den Kanal entlang zu schippern. Oft, wenn die van Gils irgendwo anlegen, gehen neugierige Passanten in die Knie und schauen zum Fenster herein. „Ich gehe doch auch nicht zu anderen in den Garten und schaue denen ins Wohnzimmer!“, regt sich Jolanda auf.

Während wir in der Schleuse Oberhausen abgesenkt werden, zeigen mir die beiden Urlaubsbilder aus Norwegen und erzählen von ihren Töchtern. Die sind beide nämlich auf ein Internat speziell für Kinder aus Schiffer-Familien gegangen. „Schifffahrt interessiert die beiden aber nicht und ich kann ihnen kein Unrecht geben“, sagt Henk. „Es nicht mehr wie vor zwanzig Jahren. Das ist schade. Man hat keine Zeit mehr füreinander.“ Die letzten Jahre sind die Frachtpreise stark gesunken. Henk: „Wir haben hart gekämpft.“ Trotzdem sind sie noch gerne unterwegs.

Es ist bereits dunkel geworden und ich verabschiede mich kurz vor Duisburg von meinen Gastgebern. Noch einmal Winken, dann verschwindet die kleine Insel „Rodeo“ leise tuckernd im Dunkeln.

Text und Foto: Sascha Dominik Rutzen