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Rebellische Zeiten am Buschmannshof

H. D. Gölzenleuchter zeigt "Wanne 1971." zwischen Niedergang der Zechen und Studentenprotesten

Das Plakatlogo verbindet die Rote-Punkt-Protestaktion und das Das Plakatlogo verbindet die Rote-Punkt-Protestaktion und das "G" von Gölzenleuchter. © Thomas Schmidt, Stadt Herne.

Demonstrierende Jugendliche in Ledermänteln am Buschmannshof, Detailaufnahmen der schon baufälligen Zeche Unser Fritz, Porträts aus der Künstlerzeche, eine Dame mit Hund an einem diesigen Tag – diese und andere Momente zeigt die Foto-Ausstellung „Wanne 1971.“ des Künstlers H.D.  Gölzenleuchter im Heimatmuseum. Die Eröffnung ist am Donnerstag, 7. Juni, um 19 Uhr.

Horst Dieter Gölzenleuchter gehört zu den profiliertesten Künstlern des Ruhrgebiets. Bekannt geworden ist er durch seine Holzschnitte und seine Malerei, aber auch seine Arbeit als Autor und Grafiker hat ihm viel Anerkennung eingebracht. So gesehen ist es schon was Besonderes, dass er jetzt auch Fotos präsentiert. Wie es dazu kam, erklärt Gölzenleuchter in einem Zitat, das vergrößert an einer Museumswand dargestellt wird: „Ich lebte mit meiner Frau Renate in Wanne und hatte auf der Zeche Unser Fritz mein erstes Atelier. An freien Tagen nahm ich meine Kamera, eine Praktika, ging raus und fotografierte. Ich mochte den Nebel und die Sinnlichkeit der Ruhrgebietslandschaft, bei den Demonstrationen habe ich mich selbst auf die Straßenbahnschienen gesetzt und gleichzeitig versucht, das Geschehen zu dokumentieren.“

Als Schüler und Studenten auf die Straße gingen

  • Die Ausstellung ist im Entstehen … © Thomas Schmidt, Stadt Herne

So ist denn Museumsdirektor Dr. Oliver Doetzer-Berweger auch begeistert vom „spannenden sozialdokumentarischen und künstlerischen Ansatz der Fotos“. Von insgesamt 120 zur Verfügung stehenden Aufnahmen hat Kurator Ralf Piorr zusammen mit dem Stadtfotografen Thomas Schmidt 20 ausgewählt. „Geschichtlicher Sinn und Ästhetik kommen zusammen.“ Piorr will „die gesellschaftliche Risse und Umbrüche von 1971 deutlich machen, die heute Geschichte sind“. Flankierend zur Ausstellung beschreibt deshalb eine Wand mit Zeitungsausschnitten diese rebellische Zeit. Die Ausstellung stellt eine Zeitspanne nach 1968 dar. „1968 war in Herne wenig los, erst 1971 gab es die Rote-Punkt-Aktion gegen die Fahrpreiserhöhung im öffentlichen Nahverkehr. Schüler und Studenten gingen auf die Straße, Willi Thomczyk und andere wurden sogar verhaftet.“ Wer den Roten Punkt auf dem Auto hatte, der zeigte sich solidarisch und bereit, Menschen mitzunehmen. Um auf diese Ereignisse hinzuweisen, arbeitet auch die Ausstellung mit dem Roten Punkt als Erkennungszeichen – er erscheint zum Beispiel auf dem Plakat und neben dem oben erwähnten Gölzenleuchter-Zitat an der Ausstellungs-Wand. Auf den Gölzenleuchter-Fotos dominiert bei der Zeche Unser Fritz noch eher der Verfall, die Industriekultur deutet sich allenfalls an. Die Aufnahmen erzeugen ihre Wirkung auch aus den großen Formaten, das Hauptmotiv – eine Hundertschaft Polizisten, die augenscheinlich Demonstranten einkreisen – ist sogar auf die XXL-Größe einer ganzen Wand gebracht worden.

Eine aufregende Zeit

Gölzenleuchter gerät ins Schwelgen, wenn er von den 70-ern erzählt – von dem Versuch, nicht nur abzuwehren und zu demonstrieren, sondern auch eine Gegenöffentlichkeit herzustellen. Eine aufregende Zeit im Stadtteil. Der Künstler war auch als Verleger aufrührerischer Schriften mit Titeln wie „Proletenpresse“ aktiv, an der Ulla Hahn, Klaus-Peter Wolff und andere heute bekannte Autoren mitwirkten. Seine Publikationen aus dieser Zeit garnieren die Ausstellung. Auch einige Gemälde zeigen, womit Gölzenleuchter bekannt geworden ist. Zur Eröffnung am Donnerstag, 7. Juni, um 19 Uhr sprechen Dr. Oliver Doetzer-Berweger und Ralf Piorr. Christian Donovan spielt Protestsongs aus den 70-ern.

Horst Martens