Newsticker

Vom Herner Hobby-Knipser zum Profi-Fotografen

Fotografie

Fotograf Brüggemann vor der Bildagentur OSTKREUZ in Berlin. ©Thomas Schmidt, Stadt Herne Fotograf Brüggemann vor der Bildagentur OSTKREUZ in Berlin. ©Thomas Schmidt, Stadt Herne

Versteht man die Globalisierung als Mix von internationalen Verflechtungen und lokalen Eigenheiten, dann bildet die Arbeit Jörg Brüggemanns sie ziemlich exakt ab. Seine Fotos zeigen Nischen, Randgruppen und die Normalität eines Ortes.

Der „Prinzessinengarten“, einem urbanen Gartenprojekt in Berlin einerseits, das akribische Beobachten des Niemandslandes zwischen Nord- und Südkorea andererseits. In seinen Arbeiten zu Tourismus und Jugendkultur beschreibt er auch, wie vernetzt die Welt und ihre Menschen heute sind. Jahrelang reiste er durch die Kontinente, um Heavy-Metal als globales Kulturphänomen zu dokumentieren.

2009 trat er der Berliner Bildagentur OSTKREUZ bei. Er arbeitet für große nationale und internationale Magazine wie Rolling Stone, ZEIT Magazin, GEO, Spiegel, Süddeutsche Magazin oder Dummy und stellt regelmäßig seine Arbeiten aus.

Inherne besuchte Jörg Brüggemann in der Agentur Ostkreuz in Berlin.

Inherne: Jörg, wie fing das denn an in Herne und mit der Fotografie?

Großgeworden bin ich in Horsthausen als jüngstes von vier Kindern, mein Vater hatte eine Hausarztpraxis in Herne Mitte. Ich bin gerne dort aufgewachsen, ich mochte diese Mischung aus Großstadt und Dorf. Später mit dem Auto habe ich die vielen Möglichkeiten genutzt, auch in die anderen Städte zu fahren. Bochum, Dortmund oder auch nach Essen. Meine erste Kamera bekam ich als Teenager, eine Spiegelreflex schenkte mir meine Mama, eine Hobbyfotografin. Mit der Kamera habe ich dann eher hobbymäßig Freunde fotografiert und dem noch nicht viel Bedeutung beigemessen. Der Drang in die Welt zu gehen war unabhängig von Herne, das wäre auch passiert, wenn ich in Bochum oder Dortmund aufgewachsen wäre. Ein Hinweis Richtung Fotografie war wahrscheinlich mein Bestreben, mich in andere Kontexte zu begeben und meinen Horizont zu erweitern. Das ging nach dem Abi schon in die Richtung: Zivildienst auf Sylt.

Inherne: Du hast Fotografie studiert?

Zunächst nicht. Den ersten Studiengang, „Medieningenierswesen“ in Offenburg, habe ich mehr oder weniger wegen des Studienortes abgebrochen. In diesem Studentenleben in einer süddeutschen Kleinstadt habe ich mich nicht wiedergefunden, das gefiel mir überhaupt nicht und war von Spießigkeit kaum zu überbieten. Anschließend bin ich erst mal wieder für ein halbes Jahr nach Herne, um dort meine Mappe für die Kunsthochschule in Bremen fertig zu machen. Ich hatte mich für einen Studiengang „ Digitale Medien“ entschieden und wollte multidisziplinär, kreativ arbeiten. Informatik und Grafikdesign waren auch Bestandteile des Studiums. Bei einem Auslandssemester in Argentinien war ich in Buenos Aires mit Kamera unterwegs. Ein halbes Jahr lang habe ich diese Stadt für mich fotografisch erobert. Das war ein Schlüsselmoment für das weitere Studium. Professor Peter Bialobrzeski von der Hochschule für Künste in Bremen half mir in dieser Zeit bei der Entscheidung, den Fokus auf die Fotografie zu legen.

Inherne: Warum die Agentur OSTKREUZ, wie kam es dazu?

Nachdem ich die Fotografie bei Bialobrzeski aufgesogen und damit quasi durch war, habe ich nach neuen, interessanten Herausforderungen gesucht. 2006 habe ich mich dann als Praktikant bei OSTKREUZ beworben. Ausschlaggebend waren die wenigen Möglichkeiten einer echten Praxisvermittlung an der Uni und die Aura der Agentur. Ich sah meinen Schwerpunkt in Richtung dokumentarische Fotografie und nicht in der Tendenz, der Freien Kunst zu folgen. Ich wollte gerne angewandt, für Magazine arbeiten. Mich trieben auch praktische Fragen um. Wie gehe ich mit Urkunden um? Wie baue ich eine Webseite auf? Wie wird ein Job abgewickelt? Dies wird in den Unis nicht wirklich vermittelt, daher meine Entscheidung.
Außerdem hatte ich großen Respekt vor der Arbeit von Ostkreuz, die fast familiäre Anbindung, 21 FotografInnen als MitstreiterInnen zu haben. Das Praktikum ging über drei Monate. Danach kam die Diplomarbeit über die Backpackerszene quer durch Asien, für die ich den BFF-Förderpreis erhielt. Nach dem Sommer 2007 habe ich bei Ostkreuz auf 400-Euro-Basis gearbeitet. Meinem damaligen Traum, Mitglied bei Ostkreuz zu werden, kam ich so ein Stück näher. Ein Jahr lang habe ich dann erste Jobs gemacht und versucht, mein Diplom zu promoten. Das erste Ziel war, von der Fotografie leben zu können. Durch die Arbeit „Metalheads“ (siehe Foto) als freies Projekt kam dann die Anfrage von Ostkreuz für eine Mitgliedschaft. 2009 wurde ich dann Ostkreuz- Mitglied. Der erste aus dem Ruhrpott.

Fotos von Jörg Brüggemann:

  • Schlangenbrut – FR7 / 2016 © Jörg Brüggemann


Inherne: Was macht Ostkreuz genau?

Austausch. Diskurs. Ostkreuz ist nicht eine Repräsentanz, die Jobs besorgt, sondern versteht sich eher als Zusammenschluss von Fotografen für den Austausch über die Fotografie, den Kurs in der Gruppe, Reflektion, Bildbesprechung und Organisationsfragen. Kern ist das Sprechen über die Arbeiten, der Austausch. Es geht ja nicht nur darum, was man fotografiert, sondern vor allem auch, wie man eine Reportage/Dokumentation erarbeitet. Alle fünf Jahre gibt es eine große Gruppenausstellung und das bedeutet natürlich eine intensive Auseinandersetzung mit den jeweiligen Arbeiten. Natürlich funktioniert der Agenturname mit seinem Qualitätsstempel auch als Türöffner.

Inherne: Erzähl was von der Entstehung der Agentur, der historische Hintergrund?

Ostkreuz wurde im Juli 1990 etabliert. Gründungsmitglieder waren sieben FotografInnen aus dem Osten, kurz nach der Wiedervereinigung. Alle haben auch in der DDR von der selbstständigen Fotografie gelebt. Beispielsweise in der Modefotografie mit der Modezeitschrift „Sybille“, weil politisch unverfänglich. Die damaligen Mitglieder haben natürlich auch viel für „die Schublade“ produziert, da die Themen zu kritisch für die damalige Parteiführung waren. Alle wussten aber sehr gut über die Fotoszenen in Westdeutschland, Frankreich oder auch den USA Bescheid. Die haben sich auch mit Größen wie Robert Frank, Cartier Bresson, Helmut Newton und Thomas Hoepker getroffen und waren selbst hervorragende Fotografen. Nach der Wiedervereinigung gab es dann natürlich eine gestiegene Nachfrage an qualitativ gutem Bildmaterial zur ehemaligen DDR. Magazine wie Spiegel und Stern haben dann gerne auf die „Spezialisten“ aus dem Osten zurückgegriffen.

Inherne: Wie finanziert ihr euch?

Über monatliche Mitgliedsbeiträge, Erlöse aus der Bildagentur/Datenbank und über Prozente von allen Einnahmen der Fotografenaufträge. Damit werden die Mitarbeiter, die Rechnungslegung, Servervolumen und Büromiete etc. beglichen.

Inherne: Was habt ihr aktuell abgelichtet? Wo kann man das sehen?

Zwei meiner Kollegen und ich haben das neue Programm des Bochumer Schauspielhauses visualisiert. Wir hatten nur ein knappes Zeitfenster, um das neue Ensemble in Szene zu setzen. Die Bühne des Schauspielhauses war auch nur kurz zu belegen, so dass wir schon ein sehr ausgeklügeltes Konzept schnell fotografisch umsetzen mussten. Inspiriert wurden wir von einem Demonstrationsfoto, das ich in London im Zusammenhang mit einer Dokumentation geschossen habe. Für die knappe Zeit haben wir dann eine konkrete Aufgabenverteilung vorgenommen – nach Brennweiten. Die Ansage an die Schauspieler: „Demonstriert! Kämpft für etwas!“ Das Shooting war auch die erste Zusammenkunft des Ensembles und die Premiere für den Intendanten, seine neue Truppe zu sehen. Unterstützt wurden wir dabei von unserem Praktikanten Oskar Schlechter, einem weiteren „Jungen aus Horsthausen“ (und Teilnehmer der Gruppenazsstellung „Tach Auch“ im Heimatmuseum Unser Fritz. Anm. d. Red.).

In der Berliner Agentur OSTKREUZ:

  • Brüggemann und Ostkreuz ©Thomas Schmidt, Stadt Herne

Inherne: Hast du mal etwas in Herne abgelichtet und veröffentlicht?

Ja, Karneval 2013. Das einzige was ich in der ganzen Zeit schon immer machen wollte. Ich habe das dem Vice-Magazin vorgeschlagen, das wurde erst nicht gedruckt weil der Text schlecht war – aber ich habe mich dann doch mit den Fotos durchgesetzt. Da bin ich allerdings sehr ironisch rangegangen. Ich kannte den Herner Karneval ja noch aus meiner Jugend. Für weitere Ansätze in Herne habe ich im Moment noch nicht die kritische Distanz. Das wäre mir zu emotional – bin ich noch zu nah dran an Herne. Ich möchte auch nicht immer die Klischees bedienen. Von der Ironie in meinen Bildern rücke ich gerade etwas ab. Entdecken und neu erzählen ist mein Credo.

Inherne: Jörg, was macht für dich guten Bildjournalismus aus?

Ich hab ein generelles Problem mit den Begriffen Bild- oder Fotojournalismus. Ich glaube, dass Fotografie immer extrem sujektiv ist und von daher eine objektive Berichterstattung mit Fotografie, wie sie der Journalismus verlangt, per se nicht möglich ist. Fotografie funktioniert eher wie ein Kommentar. Ausgehend von einer klaren und offengelegten Haltung betrachte ich die Welt und zeige meine Sicht auf sie. Ich zeige die Wahrheit hinter der Kamera und nicht die davor. Natürlich geht das mit der Verantwortung einher, sich bestmöglich zu informieren und den Tatsachen gerecht zu werden. Objektivität ist das Ziel, das aber per Definition nicht erreicht werden kann. So versuche ich, dem Betrachter meine Haltung darzulegen, um ihm eine Orientierung bei der Betrachtung meiner Bilder zu geben. Um aus diesem „Definitionsschlamassel“ rauszukommen, habe ich für mich entschieden, dass ich zwar manchmal journalistisch bzw. im journalistischen Kontext arbeite, aber kein Journalist bin. Ebenso wie ich manchmal künstlerisch bzw. im künstlerischen Kontext arbeite, aber kein Künstler bin. Ich bin Fotograf. Ob es sich dabei um ein Einzelbild oder eine Strecke handelt,  spielt da erstmal keine Rolle. Es geht um die Haltung.

Inherne: Wie siehst du die Zukunft der Bildreportage in Zusammenhang mit Bewegtbild / Webdocumentary – neue Medienformate?

Das kann ich nicht einschätzen. Ich habe für mich entschieden, dass ich das nicht machen werde, weil die Qualität immer leidet, wenn man zuviel auf einmal machen will. Sicherlich wird es da neue Formate geben, die neue Formen der Narration erlauben. Ich selbst interessiere mich im Moment aber noch genug für das Medium Fotografie und wie man damit kommunizieren kann. Ich habe das Gefühl, da gibt es noch genug zu explorieren. Wenn das mal nicht mehr so sein sollte oder die Mittel der Fotografie zu beschränkt sind für ein bestimmtes Thema, kann ich mir aber durchaus vorstellen, mal mit einem anderen Medium zu arbeiten.

Inherne: Jörg, vielen Dank für das Gespräch!

.joergbrueggemann.com

Interview/Fotos: Thomas Schmidt