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Weniger reden – mehr zeigen

Gehörlosen-Tennis im TC Blau-Weiß e. V. Wanne-Eickel

Die kleine, gelbe Filzkugel fliegt über den roten Aschenplatz. Plopp, plopp, plopp – jeder Tennisspieler liebt dieses Geräusch, wenn der Ball perfekt getroffen von der einen Platzseite in die andere fliegt. Jeder? Nein, einige hören das „Ploppen“ nicht, spielen aber trotzdem famos Tennis. Und zwar beim TC Blau-Weiß e. V. Wanne-Eickel an der Emscherstraße.

Visuelle Erklärungen

Oliver Buschmann (47) steht am Rand des Platzes. Aufmerksam beobachtet der Vereinstrainer das Spiel von Franziska, Inga und Lisa, von Mike und Alex. Alles ist wie immer: Das Quintett schlägt mit ganz normalen Schlägern auf ganz normale Bälle ein, der Trainer nutzt keine Hilfsmittel. Aber: Er redet weniger als gewohnt, denn seine Schützlinge sind gehörlos oder schwerhörig. „In diesen Trainingsstunden erkläre und korrigiere ich nicht mit der Stimme, sondern fast ausschließlich visuell.“ Ein Beispiel: Er oder sein Co-Trainer Thomas Zaczek rufen nicht „mehr in die Knie gehen“ oder „durchschwingen beim Schlag“, sie machen es vor. Mit Erfolg, denn die Gruppe, zwischen 16 und 25 Jahre jung, soll in der Wintersaison 2017/18 bei den Meisterschaftsspielen der Blau-Weißen eingesetzt werden – in den Damen- und Herrenmannschaften, an der Seite von hörenden Spielerinnen und Spielern.

  • Seit gut 18 Monaten Vereinstrainer beim TC Blau-Weiß: Oliver Buschmann (47).

Der Wunsch eines Jungen

Buschmann brachte den Wunsch nach diesem Projekt aus Bottrop mit. Dort, in seinem Heimatverein, kam eines Tages ein gehörloser Junge auf ihn zu, der unbedingt Tennis spielen wollte. Der Trainer erinnert sich: „Wir verständigten uns mit Händen und Füßen, denn die Gebärdensprache beherrsche ich nicht.“ Bis zur Deutschen Meisterschaft für Gehörlose schaffte es der Junge, wo Buschmann weitere Kontakte knüpfte. Im Sommer 2016, beim Gehörlosen-Sportfest in Essen, wo u.a. auch Fußball und Tischtennis gespielt wurden, stellte er dem Vorsitzenden des Gehörlosen-Verbandes dann seine Idee vor: Gehörlosen im Ruhrgebiet eine Plattform zu geben, an einem zentralen Platz Tennisstunden anzubieten, und zwar nicht in einer abgetrennten Abteilung, sondern in einem Verein, integriert in das Clubleben der Hörenden. „Und da bot sich doch Wanne-Eickel als Ort mitten im Ruhrgebiet an.“

An einer Gehörlosen-Schule in Essen, wo Schüler aus ganz Deutschland lernen, warben Lehrer für das Projekt – und auch seinen Verein konnte Buschmann begeistern: „Ich rannte im Vorstand offene Türen ein. Der Vorsitzende Norbert Zielonka erkannte die Nische, die der Club besetzen kann.“ Blau-Weiß stellte daher den Hallenplatz und das Training kostenfrei zur Verfügung – und im Oktober 2016 schlugen an einem Freitagabend die ersten Gehörlosen in der Tennishalle an der Emscherstraße auf. „Das waren immer andere, vom blutjungen Anfänger bis zum begabten Hobbyspieler.“ Fünf von ihnen haben sich mittlerweile im TC Blau-Weiß angemeldet und zahlen für Mitgliedschaft und Training einen vergünstigten Integrationsbeitrag. Ins vielfältige Vereinsleben sind sie voll integriert. So zeigten sie beim „1. Blau-Weißen-Sportkarussell“ ihr Können oder vertraten die blau-weißen Farben bei den „Herne Open“ des TC Emschertal. Drei Blau-Weiße schlugen im September 2017 in München bei den DeutschenMeisterschaften der Gehörlosen auf, im Doppel belegten Inga Ragutt und Franziska Wörner den 2. Platz.

Für Verein und Trainer ist dieses Projekt, das zeigt, wie der sperrige Begriff „Inklusion“ mit Leben gefüllt werden kann, noch lange nicht abgeschlossen. Buschmanns größter Wunsch ist „ein Tennislehrer an meiner Seite, der die Gebärdensprache beherrscht und noch schneller, noch besser erklären kann“. Und überhaupt sei das Thema „Sport für Menschen mit Behinderungen“ für ihn nicht ansatzweise ausgereizt: Tennis für geistig Behinderte? „Warum nicht? Was spricht dagegen?“

Jochen Schübel

Mehr Informationen:
www.tc-bww.de