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„Wie will ich alt werden“ – 130 Experten diskutieren

Forum zum Siebten Altenbericht der Bundesregierung

Experten unter sich (v.l.) Sabine Rüger, Prof. Dr. Rolf Heinze, Gaby Schnell, OB Dr. Frank Dudda und Franz Mütefering. ©Thomas Schmidt, Stadt Herne.

Wie kann vor Ort gesellschaftliche Teilhabe und ein gutes Leben im Alter gelingen? Rund 130 Fachkräfte aus Herne und der gesamten Region kamen in den Flottmann-Hallen zusammen, um wichtige Zukunftsfragen für ältere Menschen zu beleuchten.

Das lokale Fachforum – eines von bundeweit sechs – beschäftigte sich mit dem Siebten Altenbericht der Bundesregierung. Unter dem Motto „Gutes Altern gemeinsam gestalten – Entwicklung zukunftsfähiger Strukturen für Lebensqualität in Herne“ freute sich Oberbürgermeister Dr. Frank Dudda über die große Resonanz und Mitarbeit der Gäste und Experten.

Dr. Dudda lobt Stabsstelle „Zukunft der Gesellschaft“

„In Herne gelingt die Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure bereits sehr gut. Da kommunale Altenhilfe und kommunale Seniorenpolitik schon lange wichtige Handlungsfelder sind, hat sich hier bereits ein dichtes Netz an Kooperationsstrukturen mit zahlreichen beteiligten Akteuren etabliert“, sagte das Stadtoberhaupt. Die Einrichtung der Stabsstelle „Zukunft der Gesellschaft“ im Herner Rathaus nannte der OB eine gute und richtige Entscheidung. „Ziel der Stabsstelle ist es, wichtige Zukunftsfragen des Zusammenlebens in Herne ganzheitlich zu betrachten und hierbei eng mit Akteuren unterschiedlicher Institutionen und Themenbereiche zusammenzuarbeiten.“ Eine zentrale Rolle für die Entwicklung einer generationengerechten Stadt spiele die Quartiersentwicklung. Hier gehe es nicht nur um den Bau von altengerechtem Wohnraum. „Im Fokus steht vielmehr das Zusammenleben aller Menschen und Generationen. Familien müssen sich in ihrem Umfeld genauso wohl fühlen, wie junge und alte Menschen. Erst durch das Miteinander, durch das Einbinden aller Bewohner, können wir attraktive Quartiere mit einer hohen Lebensqualität schaffen. Ein Quartier ist eben nicht nur ein Ort des reinen Wohnens, sondern auch ein Ort des Austausches, ein Ort der sozialen Kontakte.“

  • OB Dr. Dudda mit Gespräch mit Magdalena Sonnenschein und Gaby Schnell. © Thomas Schmidt, Stadt Herne

„In Herne wurde bereits eine Menge getan“

Dass Herne in dieser Hinsicht bereits gut aufgestellt ist, bestätigte auch Sabine Rüger aus dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Sie erinnerte zum Beispiel an den ersten Altenhilfebericht, der in Herne bereits 1982 herausgegen wurde. „In Herne wurde bereits in den vergangenen Jahren eine ganze Menge für ältere Bürgerinnen und Bürger getan. Aber der demografische Wandel ist auch in ihrer Stadt besonders ausgeprägt. Der Anteil der Menschen mit 65 Jahren betrug bereits im Jahr 2016 21,6 Prozent und im Jahr 2030 wird er voraussichtlich auf 25,6 Prozent anwachsen.“ Was bedeutet das? Sabine Rüger: „Senioren verbringen weniger Zeit mit ihrer Familie und Bekannten. Und spätestens, wenn ältere Menschen nicht mehr Auto fahren und Unterstützung brauchen, kann es manchmal schwierig werden. Spätestens dann, muss man sich Fragen, kann ich weiterhin in meiner Wohnung, in meinem Ort zufrieden leben? Wie kann ich Menschen treffen und am gesellschaftlichen Leben teilhaben?“

Prof. Dr. Rolf Heinze sieht noch viele Herausforderungen

Auf die soziale Ungleichheit und den Pflegenotstand ging Prof. Dr. Rolf Heinze von der Ruhr-Universität Bochum ein. Der Referent, Mitglied der Siebten Altenberichtskommission, betonte, dass es für die Bundespolitik höchste Zeit werde, den Hebel umzulegen. „Die zunehmende Verarmung älterer Menschen ist abzusehen. Wir machen davor die Augen zu.“ Die Herausforderung des demografischen Wandels sieht er als Gemeinschaftsaufgabe von Bund, Land und Kommunen. „Kommunen müssen mit den Organisationen vor Ort einen neuen Wohlfahrtsmix etablieren. Und man muss dann aber auch erwarten können, dass diese Leistungen auf kommunaler Ebene unterstützt werden“, plädiert Heinze für eine bessere finanzielle Ausstattung der Städte. Und das auch, um bei der Quatiersentwicklung handlungsfähig zu sein. „Wir benötigen eine gute Versorgung im Quartier. Die Infrastruktur ist hier besonders wichtig. Das fängt bei der Arztpraxis an und hört beim Supermarkt auf“, sagte der Experte, der sich auch für einen erhöhten Zugang zu technischen Assistenzsystemen für ältere Menschen aussprach.

  • Impressionen von den sieben Diskussionsrunden. ©Michael Paternoga, Stadt Herne

Franz Müntefering und die Solidarität der Gesellschaft

„Wie wollen wir morgen leben und was können wir dafür tun?“ Diese Frage stellte ein weiterer Experte in den Flottmann-Hallen. Franz Müntefering referierte als Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen e. V. (BAGSO). Und gleich am Anfang stellte er klar: „Die Probleme der Alten dürfen nicht gelöst werden auf den Schultern der Jungen. Es geht um die Solidarität der Generationen untereinander.“ Für Müntefering steht fest, dass die Kommunen in die Lage versetzen werden müssen, sich um diese Aufgabe der Altenhilfe intensiv zu kümmern. Aber es gebe einen großen Unterschied zu Kindern und Jugendlichen. „Kinder- und Jugendpolitik ist eine Pflichtaufgabe, dass müssen die Städte und Gemeinden machen. Für die Alten gibt es das nicht, es gibt kein Altenhilfesicherungsgesetz.“ Der ehemalige Bundesminister nannte einige konkrete Beispiele, wie Unterstützung und Nachbarschaftshilfe funktionieren kann. Insbesondere das Ehrenamt gilt hier als wichtiger Baustein. „Das Ehrenamt in allen Generationen ist größte und tollste Bürgerbewegung, die wir haben. Da werden unglaublich viele Dinge geleistet.“ Gleichwohl fehle es oft an Zuwendung, die Einsamkeit im Alter sei ein großes Problem. „Solidarität kann man nicht erzwingen, aber jeder im Quartier kann genau hinschauen und sich fragen, was er tun kann“, appelliert Müntefering nicht nur auf den Staat zu schauen, sondern auch auf den einzelnen.

Sozialdezernent Johannes Chudziak freut sich über rege Teilnahme

Jeder einzelne war auch im Anschluss an die Vorträge gefordert. In sieben Gruppen beschäftigten sich die 130 Experten mit verschiedenen Handlungsfeldern. Sozialdezernent Johannes Chudziak, der auch als Gastgeber durch die Veranstaltung führte, freute sich über die regen Diskussionsbeträge und die vielen Ideen, die zum Schluss auf den Stellwänden dokumentiert wurden. Einen besonderen Applaus gab es am Ende für Dennis Neumann von der Stabsstelle „Zukunft der Gesellschaft“. Er hatte das lokale Forum intensiv vorbereitet.