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„Zap“ trifft den Zeitgeist

Porträt

Der Musikproduzent Sebastian Maier aka* „Zap“ ist der erste Mieter im Kreativquartier, aber demnächst ziehen noch weitere Kulturschaffende im „KHaus“ ein.

  • Musikproduzent Sebastian Maier, ©Thomas Schmidt, Stadt Herne

Siehe dazu auch Berichte über KHaus und Kreativquartier

Bei den verwirrenden Treppenhaus-Zugängen im Kreativquartier KHaus an der Hauptstraße in Wanne kann man sich verirren. Aber schließlich gelangt der Suchende dann in einem nachtschwarz angestrichenen Aufzug direkt in die 3. Etage des ehemaligen Einkaufskomplexes. Auf dieser Ebene herrscht noch der Eindruck der Verlassenheit vor. Offene Türen, leergeräumte Zimmer, lange Flure. Aus einer Ecke ertönt ein Elektropop-Rhythmus, das Markenzeichen von Sebastian Maier, 34, genannt „Zap“. Hier hat der Musikmanager seinen neuen Sitz, bestehend aus Aufnahmestudio und Regieraum. Er ist der erste Mieter im neueröffneten Kreativquartier.

Lautstärketest positiv

„Noch sind alle anderen Räume frei. So kann ich mich frei ausbreiten“, sagt Meier. Doch das dürfte sich schnell ändern. Weitere Interessenten stehen auf der Schwelle (siehe Kasten). Maier musste 2010 sein erstes Studio an der feinen Herner Schäferstraße, dort wohnte er seit der Kindheit, unfreiwillig räumen und fand dann ein neues Domizil in der Zeche Wohlverwahrt in Essen. Jetzt kehrt er wieder zurück in seine Heimatstadt, um von den Vorteilen eines Kreativquartiers zu profitieren.  Die Frage, ob ein Studio, das laute Musik produziert, mitten in eine City passt, hat ihn beschäftigt: „Vor der Vertragsunterzeichnung habe ich den Subwoofer angestellt, um zu sehen, wer alle von dem Lärm betroffen ist.“ Fazit: Allenfalls den künftigen unmittelbar anliegenden Mitmietern könnte die Musik auf den Wecker gehen.

Raum mit dunklem Teppich, Keyboard und Sitzecke.

Regieraum mit Wohncharakter

Studioatmo und Labelbetrieb

Maier überlegt, weiteren Schallschutz anzubringen. An den Wänden hängen jetzt schon Lärm absorbierende Gebilde. Gegen die Kälte der Studioatmosphäre hat er vorgesorgt: Sitzecke, schwarze Velours-Auslegeware, ein Perserteppich und diverse Darstellungen seiner eigenen Produkte machen den Regieraum fast wohnlich. In den Räumen soll ja nicht nur geprobt, sondern auch Meetings abgehalten werden. „Wir haben hier Label-Betrieb.“ Sebastian Maier hat sich in der Branche einen Namen gemacht, nicht zuletzt als Produzent der regional bekannten Elektropop-Band „Susanne Blech“. Wenn sein Name fällt, dann tauchen wie in einer tag-cloud gleichzeitig Namen wie „Sola Plexus“, „Tengu Basement“, „Danja Atari“ oder „Sue“ auf – und „Z-Music“, seine Plattenfirma. Hier etabliert sich eine feste Clique mit dem KHaus als Basis.

Teilhaber sorgen für Synergie

Z-Music ist sein erstes Label. Bevor Maier hier einzog, hat er schnell noch eine neue Marke gegründet mit dem exotischen Namen „Cat and the Box“. Unter diesem Label wird auch das neue Album „Welt verhindern“ von „Susanne Blech“ „releast“ (um in der Musikproduzentensprache zu bleiben). An „Cat in the Box“ sind zum großen Teil „die alten Bekannten“ beteiligt. Aber er hat auch einen Vertrag mit einem Newcomer namens „Smuskind“ (Elektro- und Tech-House) „gesignt“. All diese Teilhaber schaffen „ein bisschen Synergie“.“

Casting ist antiquiert

Wahrscheinlich kommen noch mehr Künstler dazu. „Unter Umständen nehmen wir auch andere Bands auf“, sagt Maier. „Aber wir sind da sehr wählerisch.“ Gesucht werden Kandidaten, die „innovativ und frisch daherkommen. Auch Rockmusiker kann ich mir durchaus vorstellen.“ Castingmäßig nach Art von „Mach aus mir einen Star!“ geht die Rekrutierung allerdings nicht über die Bühne: „Das ist zu antiquiert.“ Wenn aber Künstler-Biografie und die MP3’s überzeugen, dann haben sie durchaus eine Chance. Zumeist läuft es aber anders. Der Produzent und seine Teamgefährten gehen in Clubs und auf Konzerte und hören sich DJs und Bands an. „Wenn uns jemand gefällt, der noch keinen Vertrag hat, dann sprechen wir ihn an.“

Dubs, Breakbeats und Raps

Schon mit 18 Jahren startete Sebastian Maier seinen beruflichen Weg in der Musikproduktion mit elektronischer Musik. Angefangen hat er mit der Herner HipHop-Formation „Tengu“ und bei „Sola Plexus“ als Partner eines DJ- und MC-Duos. Als Vincent Hammer und Sledge Vega präsentieren sie Dubs, Breakbeats Electro-House und schnelle Raps. Er hat viel herum experimentiert. „Mit Susanne Blech gingen endlich mal Pläne auf. Man braucht das Glück, dass man den Zeitgeist trifft.“

Eigentlich ist „Zap“ Schlagzeuger. Seine erste Band hieß „Neighbours Nightmare“. „Das war nicht Heavy Metal, wie wir behaupteten, sondern schlechter Punk, wie ich erst später merkte.“ Auf einer Drum-and-Bass-Party ist er 1996 infiziert worden mit der elektronischen Tanzmusik, mit beschleunigten Breakbeats und dicken Bässen. Er fing an, als DJ aufzulegen, hat sich „reingefuchst in die Computertechnik, experimentierte mit Cubase (legendäres Audioprogramm) auf dem Atari“. Seine Band sattelte um von Heavy Metal auf HipHop: „Unser Sänger wollte nicht mehr screamen, sondern rappen.“

Angler_E(Lösungshinweis Rätsel inherne 1/2014)

Im Dunstkreis renommierter Produzenten

Maier kam in den Dunstkreis renommierter Musikproduzenten und -manager, einer davon war Beat Gottwald (Kraftclub, Casper etc.). Noch enger war die Zusammenarbeit mit dem Musikproduzenten Matthias Arfmann (Jan Delay, Beginner). Sie „releasten“ 2005 für die Deutsche Grammophon ein Remix-Album mit klassischer Musik von Schubert, Smetana u.a.. So sammelte er weitere Erfahrungen in der Branche. Auf den Einfluss Arfmanns zurückzuführen war auch der Vertrag, den die Band „Susanne Blech“ mit „Motor Music“ (Universal) unterschrieb. 2004 erschien der in Arfmanns „Turtle Bay Country Club“ in Hamburg produzierte Song „Lass mich durch ich muss nach Kairo“ auf dem Sampler Love Factory.

Subkultur auf großer Bühne

In einem Blog stand mal: „Sebastian Maier macht einfach so viele Sachen, dass es schwer ist, den Überblick zu behalten.“ So steuert er die Musik zu zahlreichen Theateraufführungen oder Bühnenshows bei. Zu den Glanzlichtern gehört sein Beitrag als Musikalischer Leiter für Urbanatix, der Show mit Street-Art-Talenten und internationalen Artisten in der Jahrhunderthalle Bochum. „Das war etwas ganz Besonderes: subkulturelle Sounds, die man eigentlich nur aus den Clubs kennt, auf die große Bühne zu bringen.“

Etwas Neues anschieben

Außerdem ist er Musikalischer Leiter des Theater Kohlenpott und gestaltet die Musikeinspielungen zahlreicher Aufführungen. Auch bundesweite Inszenierungen des Kohlenpott-Chefs Frank Hörner beliefert er mit Musik. So ist er an der Produktion „Emil und die Detektive“ des Comedia-Theaters Köln beteiligt, die im vorigen Jahr den Kölner Kinder- und Jugendtheaterpreis gewann. Maier: „Wichtig ist das Szenenverständnis. Ich überlege dann, wie ich den Moment durch musikalische Beiträge aufwerten und wie ich die Atmosphäre transportieren kann.“ Für alle seine Unternehmungen gilt ein Grundsatz: „Mir ist wichtig, eine neue Sache anzuschieben: eine Platte, die es so noch nicht gab, einen Zuspieler fürs Theater, der einzigartig ist.“

Shooting im Aufzug

Zum Schluss begleitet uns Sebastian Maier hinaus auf den Flur. Vorbei an den leeren Räumen mit den offenen Türen geht es zum Aufzug. „Ich bin gespannt, was sich hier noch tut“, sagt er. „Das KHaus ist eine gute Idee.“ Die Kulturschaffenden sollen sich gegenseitig befruchten. „Entweder das Ganze verrauscht oder es wird etwas ganz Tolles.“ Im nachtschwarzen Aufzug wird das Hauptfoto für diesen Beitrag geschossen. Sebastian Maier schaut ganz lässig in die Kamera. Obwohl er an Aufzugs-Phobie leidet. Aber „inherne“ sorgt dafür, dass die Aufzugstür nicht zugeht – zumindest nicht während des Shootings.

Weitere Infos:  khaus.eu

* aka = also known as = auch bekannt als, alias / Begriff aus der Szene

Text: Horst Martens,  Fotos: Thomas Schmidt

 

Einige Mieter stehen schon fest:

• Tim Willy Thomczyk kommt. Der 17-jährige Schüler, Sohn des Schauspielers Willy Thomczyk, macht schon seit einigen Jahren durch eigenwillige Arbeiten auf sich aufmerksam. 2012 gewann er den Jugendpreis „Herbert“.

• Der Street-Art-Verein Pottporus, von dessen Chef Zekai Fenerci die Initiative zum KHaus ausging, wird seine derzeitige Adresse an der Dorstener Straße augeben und „peu a peu“ in Kreativquartier ziehen.

Eine weitere Interessentin ist:

• die Bochumer Werberin Beatrix Pfeufer will sich ebenfalls ein Atelier an der Hauptstraße einrichten. Sie fertigt Kleiderbäume, Lichtstelen, Drahtbilder u.a. „Für Künstler ist es schwer, geeignete Werkstätten zu bekommen, und schon gar nicht zu so günstigen Bedingungen wie in Wanne. Ich finde das Projekt interessant und freue mich auf den Austausch mit anderen Künstlern. www.beas-ideenwerkstatt.de

 

Siehe auch: Räume neu denken