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Das verhüllte Schloss

Ibrahim Mahama und David Nash − berühmte Künstler kommen nach Herne

Der nunmehr komplett verhüllte Eingangsbereich von Schloss Strünkede. ©Thomas Schmidt, Stadt Herne Der nunmehr komplett verhüllte Eingangsbereich von Schloss Strünkede. ©Thomas Schmidt, Stadt Herne

Ein gigantischer braungrauer Vorhang aus abgegriffenen Jute-Kohlensäcken, zusammengehalten von grob gesteckten Nähten, umwallt monatelang die komplette Frontseite des Schloss Strünkede. „Coal Market“, eine Kunstaktion des international renommierten ghanaischen Künstlers Ibrahim Mahama, sorgt ab 5. Mai im letzten Jahr der Kohle für Aufsehen.

  • Oberbürgermeister Dr. Dudda unterhält sich mit Ibrahim Mahama. ©Thomas Schmidt, Stadt Herne

Bedeutende Ausstellung bei Flottmann

Solche Dimensionen hat Kunst in Herne noch nie erlebt. Denn gleichzeitig mit Mahama stellt in den Flottmann-Hallen ein ebenfalls weltweit bekannter Künstler unter dem Titel „Holz und Kohle“ aus: David Nash ist Inhaber des britischen Verdienstordens „Order of the British Empire“. Und dabei sind Ausstellung und Kunstaktion in Herne nur ein Bestandteil des Großprojektes „Kunst & Kohle“ zum Ende des Kohleabbaus in diesem Jahr – mit Prosper-Haniel schließt Ende Dezember die letzte Zeche im Ruhrgebiet.

17 RuhrKunstMuseen nehmen dies zum Anlass für ein großes städteübergreifendes Ausstellungsprojekt. Aber zurück zum ausgefallensten Projekt, zurück zum verhüllten Schloss. Wer hat’s erfunden? Dr. Oliver Doetzer-Berweger, Direktor des Emschertal-Museums, Prof. Ferdinand Ullrich, Vorsitzender des Kuratoriums „Kunst & Kohle“ und der wissenschaftliche Mitarbeiter Thomas Hensold hielten nach Künstlern Ausschau, deren Arbeiten einen Bezug zur Kohle herstellen. Die Kohle-Perspektive galt ja für das ganze von der Ruhrkohle-Stiftung und weiteren Partnern gesponserte Gesamtprojekt.

inherne: Wie sind Sie auf Mahama gekommen?

Doetzer-Berweger: Mahama nutzt Jute-Säcke, in denen vorher Kohle transportiert wurde, das war das Spannende. Er bezieht sich immer wieder auf die Produktionsbedingungen von Kohle in Afrika. Dahinter steckt seine Überlegung, dass auch nach dem Ende der Kohle-Ära die Kohle für unsere Kraftwerke von irgendwo her kommen muss, wo sie vielleicht zu deutlich schlechteren Arbeitsbedingungen abgebaut wird.“ Bei der Documenta in Kassel im Jahr 2017 hat sich die Herner Delegation Mahamas Arbeit angesehen, die verhüllte „Torwache“, zwei historische Gebäude an der Wilhelmshöher Allee. Das Gesehene beeindruckte, jetzt galt es, den Künstler zu überzeugen.

inherne: Gab es Bedenken, dass das Schloss durch die Aktion gefährdet wird?

Doetzer-Berweger: Wenn es Zweifel gegeben hätte, dann hätten wir es sicherlich nicht gemacht. Das Schloss ist nicht in Gefahr, es wird eine 24-Stunden-Sicherheitswache geben. Sollte es stürmisch werden, wird das Schloss nicht beschädigt, eher werden die Nähte reißen, das ist auch im Statikgutachten berücksichtigt. Zunächst mussten die Jutesäcke zu größeren Bahnen vernäht werden. Dafür war eine große Fläche notwendig, wie sie die Zeche Schlägel & Eisen in Herten bietet. Zahlreiche Freiwillige halfen beim Nähen. Industriekletterer befestigen Bahnen. In Herten leitete der ghanaische Künstler Francis Djiwornu, Assistent Mahamas, die Arbeiten. Außerdem beriet Djiwornu den Architekten Raimund Apel künstlerisch. Apel war auch schon in Kassel dabei, kennt also die Herausforderungen. Er setzt die künstlerischen und technischen Vorgaben um. Schwindelfreie Industriekletterer befestigen die Bahnen an einem System mit Seilen. Besucher, die aus dem Schlosspark kommen, sehen das Schloss praktisch komplett verhüllt, die Rückseite mit dem Innenhof bleibt allerdings frei. Im Rittersaal des Schlosses selbst läuft eine Zusatzausstellung mit Skizzen, Beiträgen, Filmen und Fotos zu diesen und anderen Werken Mahamas. Die Verhüllung endet am Sonntag, 16. September – wie alle Ausstellungen in der Reihe „Kunst & Kohle“.

inherne: Was versprechen Sie sich von der Wirkung der Verhüllung auf die Zuschauer?

Doetzer-Berweger: Es ist eine Chance, auch in Herne moderne Kunst in einer spektakulären Aktionsform auf Documenta-Niveau zu erleben. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass in zehn Jahren für Mahama nur noch London, New York oder Tokio in Frage kommen.

inherne: In der Bevölkerung gibt es auch kritische Stimmen. Wie stehen Sie dazu?

Doetzer-Berweger: Ich verspreche mir dadurch auch, Interesse zu wecken und sicherlich auch Diskussionen. Kunst ist nicht diskussionsfrei. Gerade bei solchen Aktionen kann Kunst dazu anregen, sich auseinanderzusetzen.

Das Gespräch führte Horst Martens.