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Die kulinarische Bebelstraße

Drei neuere Gastronomiebetriebe fallen aus dem Rahmen

In der Bebelstraße haben sich vor Kurzem drei Gastronomien etabliert, die anders sind als konventionelle Restaurants: das Café im Literaturhaus, der Feinkostladen „Lisa“ mit einem Speiseangebot und das exotische syrische Restaurant „Syriana“.

Drei Schauplätze

Schauplatz „Café“: Umringt von Thomas Mann, Sebastian Fitzek, Cornelia Funke und zahlreichen anderen Autoren in meterlangen Bücherwänden, auf dem Tisch ein dampfender, aromatischer Kaffee und ein handgemachtes Butterbrot und hinter der FAZ ein kluger Kopf. Schauplatz „Lisa“: Ein großer Tisch, liebevoll mit Blumen und Deko gestaltet, vor dem Gast ein Teller mit Mulligatawny-Soup, drum herum Regale mit besonderen Köstlichkeiten, die es in keinem Supermarkt gibt. Schauplatz „Syriana“: Vor dem Besucher breitet sich mehrere Teller mit Schawarma, Kibbeh, Falavel und anderen nahöstlichen Köstlichkeiten aus.

Frischer Wind im Traditionsbetrieb

Hinter den drei relativ neuen Gastronomien steckt jeweils eine besondere Geschichte. Die Traditionsbuchhandlung „Koethers und Roettsches“ hat ihre Attraktivität gesteigert, indem sie sich vor zwei Jahren in ein „Literaturhaus“ in Form eines Vereins verwandelte, das auf drei Säulen ruht: Buchhandlung, Café und Veranstaltungssaal. Für Ludger Röttsches, zusammen mit Schwester Elisabeth Geschäftsführer und Inhaber, war es eine positive Erfahrung, frischen Wind in den elterlichen Betrieb zu bringen.

„Das Café haben wir bewusst vorne an den Fenstern platziert, damit es auch von außen und am Eingang wahrgenommen wird“, sagt Ludger Röttsches. Bei den Überlegungen, welche gastronomische Angebote passend sind, kamen die Inhaber zu dieser Überzeugung: „Der Geruch und der Sound sind wesentlich. Der Geruch von etwas Gebratenem wäre hier fehl am Platz. Das Klappern der Tassen, das Fauchen der Kaffeemaschine, die Gespräche der Kunden machen den Sound aus, der alles lebendiger macht. Und dazu passt der aromatische Duft nach Kaffee, Kakao, frischen Brötchen und Kuchen.“

  • Das Café im Literaturhaus. © Frank Dieper, Stadt Herne

www.literaturhaus-herne-ruhr.de

Jedes Produkt selbst ausgesucht

„Lisa“ ist direkt mit dem Literaturhaus benachbart. Die Zusammenarbeit ist eng, man hilft sich aus. Wenn Passanten bei „Lisa“ vorbeikommen, bleiben sie sinnierend stehen: Drinnen speisen Menschen, aber das Geschäft scheint eher ein Feinkostladen zu sein. Inhaberin und Namensgeberin Lisa Frost ist überzeugt: „Meinen Laden gibt es so nicht zum zweiten Mal.“ Jedes einzelne Produkt hat sie nach ihren persönlichen Kriterien ausgesucht. Für ihre Öl- und Essig-Auswahl hat sie eine kleine Manufaktur aus Burgund entdeckt. „Ein Familienbetrieb, der nach alter Methode mit einem Mahlstein produziert.“ In Frankreich hat sie die Herstellung von Comté-Käse erlebt: „Ich weiß, wo die Kühe leben und auf welchen Wiesen sie weiden.“

Sie wuchs als Tochter einer indisch-englischen Familie auf. Mit 17 kam sie aus England nach Deutschland – der Liebe wegen. Mit ihrem damaligen Mann betrieb sie einen Party- und Catering-Service. Weil sie nicht „das ganze Leben in der Küche stehen wollte“, sattelte sie um. Als Lufthansa-Stewardess nutzte sie die wenn auch kurzen Aufenthalte in anderen Ländern. Sie besuchte dort die Märkte und Esslokale, probierte die Speisen und Lebensmittel aus. Dann verwirklichte sie sich in Herne ihr „kleines Paradies“. Mit Feinkost, Spezialitäten, hochwertigen Lebensmitteln, Frühstück und Mittagessen. Wer an einem der großen Tische Platz nimmt, muss damit rechnen, dass er neben unbekannten Menschen sitzen wird. Das ist so gewollt, ein kommunikationsförderndes Prinzip.

  • Lisa Frost von „Lisa“, im Gespräch mit dem Stadtmagazin. © Frank Dieper, Stadt Herne

feinkost-lisa.de

Alles selbst gemacht

„Schawarma ist ein wenig wie Döner, aber mit einem anderen Geschmack, weil es viel würziger ist“ sagt Radwan al Nabelsi, Inhaber des vor kurzem eröffneten „Syriana“. Den Fleischspieß bereitet er selbst vor – es ist kein industrielles Massenprodukt. Mit derselben Raffinesse kocht und brät er Kibbeh, Chiba, Backlava und Falafel.

Radwan al Nabelsi flüchtete mit Frau, drei Kinder und seinen Eltern aus dem südsyrischen, aufständischen Dara’a. „Zu Hause war ich Computer-Ingenieur. Hier hätte ich eine dreijährige Ausbildung absolvieren müssen. Darauf hatte ich keine Lust.“ Weil seine Familie in Syrien ein Restaurant besaß, beschloss er, ins gastronomische Fach zu wechseln. „Der Anfang war sehr schwer“, gesteht er, „zunächst waren da die Schwierigkeiten mit der Sprache, dann hatte ich keine Ahnung, an wen ich mich wenden musste. “ Ein Pastor aus Bochum griff dem Moslem unter die Arme.

„Ich möchte den Deutschen unser Essen und unsere Kultur und Sprache näher bringen“, sagt der Gastronom. 70 Prozent seiner Kunden sind Syrer, 30 Prozent Deutsche. Mit diesem Verhältnis ist er noch nicht zufrieden. „Ich will einen Treffpunkt für alle Leute“, sagt er. In der Zukunft plant er, etwas für Obdachlose zu tun.

  • Radwan al Nabelsi, Inhaber des „Syriana“, mit zwei Mitarbeitern. © Frank Dieper, Stadt Herne

facebook.com/syrianarestaurantherne

Den Standort an der Bebelstraße bezeichnet al Nabelsi als „eine perfekte Lage in Herne-Mitte.“ Lisa Frost sagt: „Die Bebelstraße drückt ein positives Lebensgefühl aus. Viele Passanten haben ein freundliches Lächeln auf den Lippen.“ Ludger Roettsches meint sogar: „In den Seitenstraßen wie hier sind mehr Inhaber-geführte Unternehmen. Sie sind mutiger und probieren mehr aus, während die Ketten in der Bahnhofstraße auf das Bewährte setzen.“

Horst Martens