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Judo – der sanfte Weg zur Inklusion

Inklusion

Jan Philipp Neß und Julia Blatt kurz vor dem Beginn des Judotrainings. Foto: Michael Paternoga, Stadt Herne

„Otagai ni rei“, so begrüßen Julia Blatt und Jan-Philipp Neß die anderen Trainierenden auf der Judomatte. Dass beide ein Handicap haben, spielt in diesem Augenblick beim DSC Wanne-Eickel keine Rolle. Sie sind ein Teil der Gruppe und somit ein Teil gelebter Inklusion.

Integratives Training

Kaum ist die Aufwärmphase vorbei, stehen die ersten Wurf- und Bodentechniken auf dem Programm. Auch Julia Blatt packt in der Sporthalle an der Königstraße ordentlich zu. Dabei ist ihr linker Unterarm amputiert. Das schränkt sie im Kampf gegen Nichtbehinderte natürlich ein, dennoch ist es der 27-Jährigen wichtig, die Übungen möglichst perfekt auszuführen. Und das gelingt ihr auch, wie ein Blick auf ihren braunen Gürtel verrät. Beim integrativen Judo-Training, das dienstags und freitags stattfindet, muss die  Sozialpädagogin längst keine Barrieren mehr abbauen.

Es geht um wichtige Werte

„Die Gruppe ist sehr tolerant und offen. Das macht aber auch den Judosport aus. Es werden wichtige Werte vermittelt wie Respekt, Wertschätzung und Hilfsbereitschaft“, betont Julia Blatt, die auch selber als Übungsleiterin beim KSV Herne die Werte vermittelt und den Nachwuchs trainiert. Die Hernerin steht schon seit 2003 auf der Matte. Noch nicht ganz so lang dabei ist Jan-Philipp Neß. Vor drei Jahren entdeckte aber auch er den Judosport für sich und möchte die gemeinsamen Stunden nicht mehr missen. „Das Training ist mir sehr wichtig, hier kann ich mich austoben“,erklärt der 27-Jährige, der an einer linksbetonten Tetraspastik und dem Asperger-Syndrom leidet. Der Herner benötigt daher einen strukturierten Tagesablauf und etwas mehr Zeit, um auf neue Gesichter zuzugehen.

  • Packt auch im Training gegen Frederik Werner ordentlich zu: Julia Blatt. Foto: Michael Paternoga, Stadt Herne

„Weniger Berührungsängste“

Beim Judo ist diese Gewöhnungszeit deutlich kürzer. „Hier geht es etwas schneller und einfacher, weil man sich beim Training mit dem Partner ja nicht aus dem Weg gehen kann, es gibt also weniger Berührungsängste.“ Diese Erfahrung bestätigt auch der Trainer: „Judo ist ein Sport, der sich geradezu für das Thema Inklusion anbietet. Hier begreift man das Thema. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Beim Schwimmen ziehe ich meine Bahnen, beim Laufen laufe ich meine Runden. Beim Judo aber habe ich den direkten Körperkontakt zwischen dem Nichtbehinderten und dem Behinderten. Mögliche Ängste und Vorbehalte werden so abgebaut“, sagt Volker Gößling über „den sanften Weg“. So lautet die Übersetzung von Judo.

Die Übersetzung kennt in der Sporthalle an der Königstraße natürlich jeder, nicht nur Kämpfer aus der Ober- oder Regionalliga. Hier kommen jeden Dienstag Sportler aus den verschiedensten Leistungsklassen zusammen: Ob Anfängern, Fortgeschrittene, U18-Wettkämpfer oder Senioren – jeder ist ein gern gesehener Gast. Die Willkommenskultur wird beim DSC gelebt. „Es kommen auch Flüchtlinge vorbei, die erhalten einen Judoanzug und trainieren ganz einfach mit“, betont Gößling zu einem sehr weitgefassten Inklusionsgedanken, der niemanden am Rand der Gesellschaft oder Sporthalle stehen lässt. Judoka sind nicht nur in dieser Hinsicht sehr offen. „Wenn ich in den Urlaub fahre, packe ich meinen Anzug immer mit ein und trainiere bei dem Verein vor Ort mit, so lerne ich die Menschen sofort kenne. Berührungsängste gibt es da nicht. Im Judosport ist das ganz normal“, verrät Gößling als sich seine Judoka gerade warmlaufen.

Gäste aus Bochum

Darunter sind diesmal auch zwei Gäste aus einem Judoverein aus Bochum. Sie können in ihrem Heimatverein derzeit nicht trainieren, weil die Halle noch mit Flüchtlingen belegt ist. „Für die Gastfreundschaft können wir dem DSC nur danken, wir sind hier sehr gut aufgenommen worden“, sagen die beiden Bochumer und loben auch ausdrücklich das gemeinsame Training mit den Behinderten und Nichtbehinderten. „Das ist ein tolles Projekt“, so die Gäste aus der Nachbarstadt kurz bevor sie selber Julia Blatt und Jan-Philipp Neß auf der Matte gegenüberstehen. Durch den ständigen Partnertausch kämpft jeder in der Gruppe mal gegen den anderen. Und so kann es auch vorkommen, dass Neß, der den gelb-orange Gürtel besitzt, auch gegen einen Schwarz-Gurt-Träger kämpft. „Hier wird man genauso behandelt wie ein Nichtbehinderter. Nie würde jemand sagen, ich trainiere mit dir nicht, weil du eine Behinderung hast. Das ist hier egal“, sagt der 27-Jährige und fügt hinzu: „Manchmal sage ich vielleicht, sie sollen mich etwas vorsichtiger oder anders werfen, aber ansonsten ist alles wunderbar, ich gehöre dazu“, freut sich Neß über das Training. Ein Training, das ihm auch Selbstvertrauen gibt. Selbst, wenn der Herner noch am Anfang seiner Judo-Karriere steht, hat er bereits ein großes Ziel vor Augen. „Ich will den schwarzen Gurt. Seitdem ich hier bin, habe ich gemerkt, dass nichts Unmöglich ist.“

Julia Blatt: „Gesellschaft sollte offener werden“

Diesen Satz würde wohl auch Julia Blatt unterschreiben. Ihrem großen Ziel – die Prüfung zum schwarzen Gurt zu bestehen – ist sie aber schon deutlich weiter. Als Trägerin des braunen Gurtes fehlt nur noch der eine Schritt. Sie folgte schon mit 14 Jahren ihrem Bruder zum KSV Herne und blieb der Sportart seitdem treu. Seit 2008 ist die Sozialpädagogin selber als Übungsleiterin aktiv. Ihre Behinderung war nie ein Problem. „Aber natürlich gibt es Menschen, die reagieren manchmal etwas verunsichert oder ängstlich. In dem Fall sollten sie einfach auf die Behinderten zugehen und ihre Fragen stellen“, rät Julia Blatt. „Die Gesellschaft sollte offener werden und nicht in ihren stringenten Denkmustern verharren. Die Menschen sollten lieber neugierig auf andere zugehen und über den Tellerrand schauen.“

Gößling auch als Experte gefragt

Für Volker Gößling ist Inklusion alles andere als Neuland. Im Gegenteil. Schon seit 35 Jahren beschäftigt er sich mit dem Thema. „Damals hieß der Titel aber noch Integration“, erinnert sich der Trainer, den man wohl aus echten Experten auf diesem Gebiet bezeichnen darf. Nicht ohne Grund war er für einige Zeit sogar Inklusionsbeauftragter der Bezirksregierung Arnsberg und schulte zu diesem Thema Lehrer. „Wir müssen einfach dahin kommen, dass es normal ist, dass es Menschen mit unterschiedlichen Behinderung gibt. Jeder wird hier gefördert im Rahmen seiner Möglichkeiten“, betont Gößling, der das Thema Inklusion auch aus schulischer Sicht bestens kennt: Als Schulleiter des Pestalozzi Gymnasiums.