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Weihnachtskochen mit der inherne-Redaktion

So essen ägyptische und syrische Christen zum Fest der Liebe

Exotische Düfte wabern durch die Küche. Die Ägypterinnen Marian und Salwa Yousef und die Syrerinnen Rania Wahbi und Souzan kochen für inherne und stellen für die Leser ein Weihnachtsmenü zusammen.

Weihnachtsmahl nach Fastenzeit

Die Ägypterinnen sind Kopten, die Syrerinnen Christinnen der römisch- orthodoxen Kirche. Sie feiern Weihnachten wie alle Orthodoxen am 6. und 7. Januar. „40 Tage haben wir gefastet“, erzählt Marian, „in dieser Zeit haben wir auf Fleisch komplett verzichtet. Am Ende der Fastenzeit kommt es dann aber in vielen Variationen auf den Tisch. Und wir genießen das nach so langer Abstinenz.“

Die Feier beginnt mit einer Weihnachtsmesse am Abend mit viel Weihrauch und christlichen Liedern. Dann versammelt sich die Großfamilie zu Hause. Um Mitternacht wird das Weihnachtsmahl an einer reich gedeckten Tafel eröffnet. Eine kleine Auswahl der Speisen wollen die vier Damen nun für inherne kochen. Marian und Salwa haben sich für Goulesh und Okra mit Tomatensoße mit Fleisch entschieden, die typisch für Ägypten sind. Auf Kibbeh, gefüllte Jalanji (Weinblätter) und das allseits beliebte Tabolah, einen Salat aus Petersilie, setzen hingegen Rania und Souzan aus Syrien.

  • Rania bereitet das Hackfleisch in der Küchenmaschine vor. @Frank Dieper, Stadt Herne

Die nächste Kirche: ein guter Treffer

Emsiges Treiben in der Küche der evangelisch-freikirchlichen Gemeinde (Baptisten) am Westring. In dieser Kirche fühlen sie sich heimisch, seitdem sie in Herne leben. Aus recht pragmatischen Gründen: „Das war von unserem Wohnort in Herne-Mitte aus die nächste Kirche. Viele Gemeindemitglieder stammen aus dem Ausland. Sie sprechen langsamer Deutsch als die Hiesigen, deshalb können wir es besser verstehen. Sie haben sich aber auch sehr um uns gekümmert.“

Wir lernen Zutaten kennen, die im Vorderen Orient alltäglich, aber auch in Herne in syrischen oder türkischen Läden zu bekommen sind. Bulgur zum Beispiel kommt häufiger zur Anwendung. Dabei handelt es sich um vorgekochten und geschroteten Weizen, der auch in Form von Grieß erhältlich ist. In Deutschland teilweise bekannt: die Okra-Schote, die in Ägypten schon vor 3.000 Jahren für die Zubereitung von Essen verwendet wurde.

Klassiker der syrisch-ägyptischen Küche

Rania und Souzan starten mit der Zubereitung der Kibbeh, eierförmige Hackfleisch- und Bulgurbällchen, ein Klassiker der syrisch-ägyptischen Küche. Rania zerkleinert das Fleisch in einer Küchenmaschine und gibt noch Eiswürfel dazu: „Dann wird das Fleisch noch fester.“ Mit dem Teig aus Bulgur und Hackfleisch wird zwischen den Händen ein Ei geformt, mit dem Zeigefinger ein Loch eingestoßen, in das eine Hackfleisch-Pinienkern-Mischung gefüllt wird. Das komplette Rezept auf dieser externen Seite!
Jalanji (gefüllte Reisblätter vegetrarisch) – eine Reis-Gewürze-Mischung kommt in die aus der Lake genommenen Reisblätter, die zu Rollen gedreht und dann in einem Topf gegart werden. Das komplette Rezept auf dieser externen Seite!
Tabolah ist ein Salat aus Petersilie, ein Klassiker, angereichert mit Bulgur, Tomaten, Zwiebeln, Olivenöl, Zitronensaft, Minze und Salatblättern. Das komplette Rezept auf dieser externen Seite!

Für den Okra-Eintopf kocht Salwa Tomaten, Rindfleisch und Zwiebeln in einem Topf. Die Okraschoten gart sie zusammen mit Tomatenmark und Bulgur in einer Pfanne. Alles zusammen kommt in den Ofen. „Wenn es nicht sehr scharf ist, dann ist es nicht lecker“, sagt Salwa. Das komplette Rezept auf dieser externen Seite!

Und zum Schluss Goulesh (oder auch Börek mit Hackfleisch) der nichts mit unserem Gulasch zu tun hat, sondern aus hauchdünnen Teigblättern besteht, zwischen die eine Füllung aus Hackfleisch und Eiern kommt. Das komplette Rezept auf dieser externen Seite!

Geld statt Geschenke

Martin (9) und Tony (6) helfen, wenn sie nicht gerade kickern. Gibt es mal Sprachschwierigkeiten, dolmetschen sie gerne. Sie sprechen schon beinah besser deutsch als arabisch: „Ich lebe in Deutschland, also spreche ich deutsch“, sagt Tony, „wäre ich in Ägypten, würde ich ägyptisch sprechen.“ In ihrer Heimat werden die Kinder zu Weihnachten nicht mit Spielzeug beschenkt. „Die Verwandten stecken ihnen Geld zu“, sagt Marian.

Die Verfolgung der Kopten

Marian und Salwa und ihre Familien sind Kopten und gehören zur Ur-Bevölkerung der Ägypter. Die christliche Minderheit hat unter der Unterdrückung der islamischen Mehrheitsgesellschaft zu leiden. „In Ägypten herrschte das Chaos – und immer wieder gab es Tote. Wir wollten nur noch raus“, sagt Marian – und ihre Cousine Salwa nickt dazu. Rania und Souzan kommen aus dem Kriegsgebiet in Syrien – ihre Fluchtgründe sind in Deutschland allseits bekannt.
Eine schöne logistische Leistung, innerhalb von drei Stunden vier Gerichte herzustellen. „Manche Deutsche beklagen sich ja schon über den Stress, wenn sie ihre Würstchen an Heiligabend warm machen müssen“, sagt ein Einheimischer im Hintergrund ironisch.

Erst das Gebet

Dann kommen die Speisen auf den Tisch. Ein Schmaus für alle Sinne. „Betet ihr nicht? Habt ihr das etwa vergessen?“, fragt Martin uns ganz entsetzt. Natürlich nicht. Marian spricht das Tischgebet auf arabisch. Na dann: Eid milad saeid!

Horst Martens