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Wo Herne aussieht wie New York

Ausstellung „Angekommen“ zeigt Zeichnungen und Fotos

Die beiden Künstler fotografieren, zeichnen und musizieren. ©Nina-Maria Haupt, Stadt Herne

Endlich sind sie angekommen in Deutschland, in Herne. „Angekommen“ heißt auch die Ausstellung der beiden Künstler Ahmand Shoaib Banai und Serbest Jajan, die bis zum 3. November 2017 in der VHS Wanne, Wilhelmstraße 37, zu sehen ist. Beide sind seit 2014 in Deutschland, haben sich gut eingelebt und fließend Deutsch gelernt. Ihre Deutschlehrerin an der VHS entdeckte das Talent der beiden und vermittelte ihnen die Ausstellung, in der nun Fotos und Zeichnungen zu sehen sind.

  • Serbest Jajan mit seinem Gemälde – und seinem Modell Natella Schüpp. ©Nina-Maria Haupt, Stadt Herne

Mit Zeichenstiften, Ruß und Tee

Ob schnell hingeworfene Skizze mit Kugelschreiber oder präzise schattiertes Portrait, ob mit Zeichenstiften, Ruß oder Tee gemalt, Jajans Bilder wirken lebendig, halten Gesichtsausdrücke und Momente fest. Dabei reicht sein Spektrum von Alltagsszenen über Menschen in Bewegung bis hin zu Stillleben. Stück für Stück hat sich der 32-Jährige aus Syrien verschiedene Stile und Techniken erarbeitet. Schon in Almalikiya, wo er aufgewachsen ist, hat Jajan angefangen zu zeichnen. Als junger Erwachsener in Damaskus konnte er endlich geeignete Zeichenutensilien kaufen und sich weiterbilden. Und so brachte er die verschiedenen Stationen seiner Flucht über Bayern nach Herne auf Papier.

Das eigene Schicksal zeigen

„Mein Ziel ist, den Menschen zu zeigen, welches unser Schicksal ist. Und, dass wir das Asylrecht nicht ausnutzen, um faul zu sein“, erklärt er. Seine Bilder aus Syrien zeigen zerstörte Gebäude, eine blutende Mutter, die mit ihren beiden verletzten Kindern davon läuft, als ihr Haus zerstört wird. Auf einem anderen Bild liegt ein kleines Kind zwischen den Gräbern seiner Eltern auf der Erde und begreift nicht, dass es sie nicht wiedersehen wird. Einige Bilder hat Jajan nach Fotos angefertigt, andere Motive hat er beobachtet oder selbst erlebt. Manche seiner Bilder sollen eine Botschaft transportieren, so wie das mit einer Kirche und einer Moschee, beide zerstört. „Der Krieg unterscheidet nicht zwischen den Religionen, sonders zerstört beide. Das sind Orte, die man nicht angreifen darf und trotzdem werden sie zerstört“, bedauert der Künstler. Außer mit den Menschen und dem Krieg setzt er sich in seinen Werken mit Religion auseinander. Auf einem Bild hält Maria das Jesuskind: „Bei uns in Syrien gibt es auch Christen und die sind ganz nett und lieb. Deswegen habe ich das gezeichnet“, erklärt er.

„Bei seinen Fotos denkt man, es wäre New York und nicht Herne“

Auch die Fotos von Banai zeigen das Poetische an Alltagsszenen: Einen Grill, aus dem Funken stieben, Tiere im Zoo, eine Qualle im Aquarium – und immer wieder Herne. Wie der Mond durch die Wolken über der Stadt scheint, wie das Rathaus nachts beleuchtet wird, Herbstlaub in einem Park. „Manche sagen, Herne ist eine kleine Stadt und nicht so attraktiv. Aber das stimmt nicht, man muss wissen, wo die schönen Stellen sind“, findet Banai. Darauf Jajan: „Bei seinen Fotos denkt man, es wäre New York und nicht Herne.“

Für das Foto näherte er sich einem Tiger

Auch von den verschiedenen Stationen seiner Reise hat Banai Fotos mitgebracht. Er ist aus Kabul, Afghanistan, ausgereist und hat zuerst in Jakarta in Indonesien gelebt, bis er nach Deutschland auswandern konnte. Der 23-Jährige hat schon als Kind seine erste Kamera bekommen, aber erst in Jakarta begann er, künstlerisch zu fotografieren. Unter anderem im Hafen in Barcelona und aus einem Zoo in Indonesien hat er seine Motive entdeckt. Im Zoo stand er mit einem Mal vor einem Tiger – ohne Zaun. „Das war gefährlich, aber ich würde das Foto nochmal machen“, gesteht er nicht ganz ohne Stolz.

Beruflich möchte er allerdings nicht fotografieren. Banai hat in Afghanistan Informatik studiert, sein Studium möchte er gerne in Deutschland fortsetzen. Allerdings fehlt ihm dazu noch das Fachabitur, für das er gerade lernt. Banai ist zuversichtlich, dass er es schafft. Oder wie sein Kollege Jajan sagt: „Wenn es einen Willen gibt, gibt es kein Zuschwer mehr.“

Nina-Maria Haupt