Joachim Król zurück in Elpeshof

14. Januar 2025 | Ausgabe 2025/1

Ein Engel, der Saxophon spielt

Back to the roots: Joachim Król, 1957 im noch jungen Stadtteil Elpeshof geboren, spaziert durch seine Kindheit. Und das nicht nur im übertragenen Sinne. Was wesentlich mit seinem Klassenkameraden am seinerzeit neu erbauten
Otto-Hahn-Gymnasium, Christian Stiebling, zu tun hat.

Den traf der Bergmannssohn rein zufällig in Köln, der Wahlheimat des beliebten Schauspielers seit vier Jahrzehnten, bei einem Konzert von Udo Lindenberg in der Lanxess-Arena. Man verabredete sich zu Treffen mit alten Kumpels, womit Joachim Króls Verbindung zu seiner Geburtsstadt, die nach dem Tod seiner Eltern und dem Wegzug seiner Geschwister unterbrochen war, erneuert wurde.

Als die in Essen beheimatete Stiftung der verstorbenen WAZ-Verlegerin Anneliese Brost verkündete, den mit 100.00 Euro dotierten Ruhr-Preis an Joachim Król und mit Dietmar Bär, Peter Lohmeyer und Armin Rohde an drei weitere prominente Schauspieler aus dem Revier zu verleihen, war es der Herner Unternehmer Stiebling, der den Kontakt zu Hernes Oberbürgermeister Dr. Frank Dudda herstellte. Galt es doch, den Królschen Preisgeld-Anteil von 25.000
Euro an eine gemeinnützige Institution weiterzugeben.

Dass sich Joachim Król für den 1997 gegründeten Circus Schnick- Schnack entschied, hatte nicht nur lokalpatriotische Gründe durch den Umzug im November 2024 auf die „Kulturinsel“ unmittelbar neben seiner früheren Hauptschule Jürgens Hof: „Das Konzept eines generationsübergreifenden, diversen und inklusiven Stadtteilzentrums mit offenen Angeboten für alle, hat mich sofort überzeugt.“

Die beiden geschäftsführenden Vorstandsmitglieder Christopher Deutsch und Christian Stoll hatten Anfang Februar 2025 Gelegenheit, sich bei Joachim Król persönlich zu bedanken, der sich nach einer Führung durch die neue Zeltstadt äußerst beeindruckt zeigte. In der gerade das erste Projekt mit Kindern der Grundschule Jürgens Hof angelaufen ist: Insgesamt können in diesem Jahr 700 Kinder kostenfrei Zirkusluft schnuppern. Noch besteht zur Deckung der Gesamtkosten von 1,4 Millionen Euro eine Finanzlücke von 49.000 Euro, die in diesem Jahr aber durch Spenden und erhoffte öffentliche Zuwendungen geschlossen werden soll.

Verstehen sich gut,  OB Dudda und Joachim Król.

Im Gespräch mit den Machern von Cirkus SchnickSchnack.

„Ich bin mit Herzklopfen durch die alte Schule gegangen“: Beim Rundgang erinnerte sich Joachim Król an seine Kindheit im noch sehr grünen Elpeshof. Seine Eltern, der Herner Heinz-Günter und die Wanne-Eickelerin Maria Król, waren stolze Eigenheim-Besitzer mit großem Gemüsegarten, für einen Kohlenhauer auf der benachbarten Zeche „Friedrich der Große“ keine Selbstverständlichkeit. Ein kleiner Schreckensmoment für alle, die gerade am Abendbrottisch saßen, war das plötzliche Auftauchen des jungen, engagierten Klassenlehrers, der nach einer Besichtigung der Wohnung feststellte: „Hier kann man doch lernen.“

Der Arbeitersohn Joachim sollte aufs Gymnasium, was zu legendären Bildungsreform-Zeiten der sozialliberalen Koalitionäre Willy Brandt und Walter Scheel Programm wurde, in der Praxis aber eher die Ausnahme blieb. Vater Heinz-Günter entschied sich fürs moderne OHG – der Sportanlagen wegen. So lernte Joachim das Schwimmen in der Halle statt im Rhein-Herne-Kanal. Und machte 16-jährig im Lichtburg-Kino auf der Bahnhofstraße erstmals Bekanntschaft mit einer Kunst, die bis heute sein Berufsleben bestimmt: Das Westfälische Landestheater aus Castrop-Rauxel gastierte mit Heinrich von Kleists Schauspiel „Prinz Friedrich von Homburg“.

Seine Liebe zur Bühne war geboren, dem Kölner Studium der Filmund Theaterwissenschaft folgte ein Schauspielstudium an der renommierten Otto-Falckenberg-Schule in München. Aber die Schicki-Micki-Metropole war nichts für den bodenständigen Herner, obwohl er dort 1997 mit Harald Dietls Filmkomödie „Rossini oder: Die mörderische Frage, wer mit wem schlief“ seinen endgültigen Durchbruch feierte nach Detlev Bucks „Wir können auch anders“ (1993) und Sönke Wortmanns „Der bewegte Mann“ (1994). Hinter seinen zahllosen Kino- und Fernseherfolgen, für die er mehrfach ausgezeichnet wurde, musste die Bühne zurückstehen, doch zeigt sich der Mitbegründer der Deutschen Filmakademie offen für Engagements auf den Brettern: „Ich bin verführbar, wenn die Zutaten stimmen.“

Was vielleicht auch daran liegt, dass in Zeiten knapper werdender Etats selbst erfolgreiche Serien wie „Endlich Witwer“ im ZDF, die auf eine Idee des Herners zurückgeht, Schwierigkeiten mit der Finanzierung haben: Die fünfte Folge ist in der Pipeline, der Drehbeginn aber liegt noch in den Sternen. Joachim Król, seit Hans Tilkowskis Wechsel zu Borussia Dortmund glühender BVB-Fan, ist dennoch viel unterwegs – mit Lesungen („Szenen einer Ehe“ mit Juliane Köhler), literarisch-musikalischen Programmen („Der erste Mensch“ von Albert Camus) und jüngst mit der neunzigminütigen szenischen Lesung des „Urfaust“ von Goethe.

Joachim Król, der dreißig Jahre nach dem Mauerfall zusammen mit dem Journalisten Lucas Vogelsang durch Deutschland gereist ist, woraus die literarische Reportage „Was wollen die denn hier?“ entstanden ist, hat nun seine Geburtsstadt wieder neu kennengelernt. Sich über den renaturierten Ostbach vor „seinem“ Gymnasium gefreut, über das nur als potemkinsche Fassade erhaltene einstige Bergamt und spätere evangelische Kreiskirchenamt an der Roonstraße gewundert und sich erschrocken darüber gezeigt, dass die 1960 erbaute und 2024 entwidmete St. Barbara-Kirche in Elpeshof abgerissen werden soll.

Der Paderborner Maler und Bildhauer Josefthomas Brinkschröder (1909-1992) hat die dort 1963 eingesetzten Bleiglasfenster gestaltet, darunter ein Motiv, das Joachim Król schon als Kind ins Auge gestochen ist: Ein Engel, der Saxophon spielt. Die Fenster des Meisterschülers von Ludwig Gies sollten seiner Meinung nach unbedingt erhalten bleiben. Würden sie verschenkt oder verkauft, bekundet Joachim Król vorsorglich Interesse an besagtem ungewöhnlichem Motiv.

Text: Pitt Hermann     Fotos: Philipp Stark