Großes Nachbarschaftsfest am ersten Septemberwochenende
Fast hätte man sie vollständig abgerissen: Die Flottmann-Hallen sind heute als Veranstaltungsort nicht mehr aus der Kulturlandschaft des Ruhrgebiets wegzudenken. Dass hier heute alle möglichen kulturellen Sparten ihren Platz haben, ist einem Umdenken in den 1980er-Jahren zu verdanken. Am Sonntag, 6. September, feiern die Flottis ihren 40. Geburtstag und laden zu einem Familien- und Nachbarschaftsfest ein.
Vier Jahrzehnte Kulturbetrieb haben einen vielseitigen Spielort in Herne geformt. Ausstellungen, Theater, zeitgenössischer Zirkus und Konzerte haben in den Backsteinbauten an der Straße des Bohrhammers heute ihren festen Platz — ebenso wie Messen, Comedy und Events aus der Subkultur. Der weitläufige SkulpturenPark und die hauseigene Kneipe ergänzen die Produktpalette des Hauses Flottmann. Für lange Zeit war das allerdings ganz anders.



Geschichtsexkurs
Anfang des 20. Jahrhunderts ist Flottmann vor allem für ein einziges Produkt bekannt: Der „Druckluft-Bohrhammer mit Kugelsteuerung und selbsttätiger Umsetzung“ ist 1904 eine Revolution für die Montanindustrie. Flottmann floriert und gründet Zweigstellen auf der ganzen Welt; auch in Südafrika wird der Herner Exportschlager eingesetzt. Zeitweise arbeiten mehr als 1.500 Beschäftigte im Betrieb.
Dunkle Epoche
Der wirtschaftliche Erfolg des Unternehmens setzt sich auch in zwei Weltkriegen fort. In der NS-Zeit profitieren Heinrich Otto und Sohn Friedrich Heinrich Flottmann von ihrem frühen Eintritt in die NSDAP; das Familienunternehmen setzt auch Hunderte Zwangsarbeiter*innen ein, die unter menschenunwürdigen Bedingungen auf dem Firmengelände leben und arbeiten mussten.
Zukunft ungewiss
Wirtschaftlich geht es rasch wieder bergauf, liefert Flottmann doch die nötigen Werkzeuge für die Kohle- und Stahlindustrie, die den Wiederaufbau vorantreibt. Erst als die Bergbaukrise die Region erschüttert, steht auch das Ende des Unternehmens Flottmann an. Die Produktion endet 1983. Das Flottmann-Gelände verödet, droht vollständig abgerissen zu werden.
Neue Hoffnung
Dass es anders kommt und Teile der Backsteinhallen sowie das ikonische Jugendstiltor erhalten bleiben, ist einem damals revolutionären Umdenken zu verdanken. Helmut Bönninghaus, der ehemalige Direktor des Westfälischen Industriemuseums, fordert 1980: „So wie Köln seine romantischen Kirchen pflegt und andere Städte ihre Barockschlösser, so haben die Ruhrgebietskommunen die Aufgabe, die denkmalwürdigen Industrieanlagen zu erhalten. Kulturhistorisch haben sie den gleichen Rang wie Kirchen und Schlösser!“
Neue Herausforderungen
In einer Zeit, in der auf Zollverein noch Kohle verarbeitet wurde und der Begriff „Industriekultur“ noch brandneu war, setzten sich engagierte Künstler*innen, Bürger*innen und Denkmalschützer*innen dafür ein, Flottmann zu bewahren. 1986 begann der zweite Frühling der Flottmann-Hallen mit der Neueröffnung als Kultur- und Veranstaltungszentrum. In den folgenden vier Jahrzehnten lief die Produktion wieder an, allerdings gingen von nun an statt Bohrhämmern Theater- und Konzertkarten über die Ladentheke.
Volles Programm
Am Jubiläumswochenende Anfang September zeigen sich die Flott- 39 mann-Hallen in ihrer ganzen Bandbreite. Los geht es am Freitag, 4. September, mit einer Premiere: Das theaterkohlenpott produziert seit 20 Jahren unter der Leitung von Regisseur Frank Hörner Theater für junges Publikum bei Flottmann. Zum Geburtstag zeigt das Ensemble zum ersten Mal „Prinz dich doch selbst!“ und lädt danach zur gemeinsamen After- Show-Party. Am Sonntag, 6. September, geht es mit einem spartenübergreifenden Programm weiter. Draußen laden Kunst-Workshops, interessante Walk-Acts und Food- Angebote zum Schlendern mit Jahrmarkt-Feeling ein; auch Führungen durch den SkulpturenPark stehen auf dem Plan. In der Kunsthalle feiert eine neue Ausstellung Eröffnung und das Artistik-Trio „Tridiculous“ gibt im Theatersaal einen Vorgeschmack auf sein kommendes Programm. Bei einem historischen Rundgang durch das Gebäude können sich Gäste die Geschichte der Flottmann-Hallen noch einmal vergegenwärtigen. Musikalisch wird es beim beliebten Rudelsingen, das – genau wie die übrigen Bühnen- Programmpunkte – dreimal im Laufe des Tages stattfinden wird. In der Flottmann-Kneipe klingt der Abend schließlich bei einem Konzert der Irish-Folker von „The Velvet Green“ aus.