RVE – Vorstand Dr. Hans Joachim Siering mit
der Geschäftführerin Claudia Romberg
Fast 100 Jahre zwischen Kanal, Kaiser und Königsklasse
Vom unbeantworteten Brief an Kaiser Wilhelm II. bis zu Weltmeister* innen und Olympionik*innen: Der Ruderverein Emscher Wanne- Eickel/Herten blickt auf eine außergewöhnliche Geschichte zurück – und steuert seinem 100. Geburtstag entgegen.
Er ist der einzige Herner Sportverein, der den Namen einer Nachbarstadt im Wappen trägt: der Ruderverein Emscher Wanne-Eickel/Herten. Und dies seit über 99 Jahren! 2027 feiert der RVE, wie ihn alle nennen, sein 100-jähriges Bestehen. Und wäre im Juni 1914 nicht ein Schreiben an Kaiser Wilhelm II. ohne Antwort geblieben – dann wäre der Verein heute wohl 13 Jahre älter.

Anrudern am Westhafen mit Blick auf die alte Schleuse
Wanne-Eickel.

Anrudern beim RVE in den späten 1990er Jahren mit dem
Ehrenvorsitzenden Robert Heitkamp (2. von li.) sowie dem langjährigen
1. Vorsitzenden Wilhelm Bolzenkötter (2. von re.).
Turbulente Zeiten
Bereits 1914, als der Rhein-Herne-Kanal kurz vor seiner Eröffnung stand, wollten Ruderbegeisterte an der neuen Wasserstraße in Wanne-Eickel einen Verein gründen. Doch ihr Gesuch an den Kaiser in Berlin blieb liegen – und im August 1914 begann der Erste Weltkrieg.
Ewald im Boot
Erst am 20. April 1927 wurde die Idee Wirklichkeit: Im Kurhaus Wanne-Eickel, dem Herzstück des einstigen Sol- und Thermalbades, gründete sich der Ruderverein Emscher Wanne-Eickel-Herten. Der Zusatz „Herten“ fußte auf der engen Verbindung zur Zeche Ewald, zwei Bergwerksdirektoren gehörten dem Vorstand um den Vorsitzenden, Apotheker Adolf Kerlé, an.
Erste Erfolge
Schon in den ersten Jahren entwickelte sich der RVE rasant. Ein Bootshaus entstand, die Stadt Wanne-Eickel stiftete den Vierer „Crange“, die Hafenbetriebsgesellschaft einen Zweier mit dem Namen „Emscher“. Bereits 1928 verfügte der Verein über 88 Mitglieder, einen Trainer sowie eine starke Schülerriege. Im selben Jahr feierten die Ruderer bei einer Regatta in Gelsenkirchen ihre ersten Siege.
Heitkamp übernimmt
Der Zweite Weltkrieg brachte das Rudern am Westhafen vollständig zum Erliegen. Nach Kriegsende wurde die von den Nationalsozialisten befohlene Umbenennung des Vereins in „Wassersportgemeinschaft Wanne- Eickel – Sparte Rudern“ rückgängig gemacht, der Wiederaufbau begann. 1950 übernahm Bauunternehmer Robert Heitkamp den Vorsitz – ein Wendepunkt in der Vereinshistorie. Bis Ende 1956 blieb er im Amt, ehe er zum ersten Ehrenvorsitzenden gewählt wurde.
Steiler Aufstieg
1954 wurde das bis heute existierende Bootshaus eröffnet und die Mitgliederzahl wuchs weiter an. „In dieser Zeit standen viele Firmen hinter uns, auch an den Wanne-Eickeler Schulen wurde das Rudern intensiviert“, erinnert sich der heutige Vorsitzende Dr. Hans Joachim Siering. Auch sportlich trug sich der Name RVE in die deutschen Bestenlisten ein. Am 1. August 1965 kehrte der RVE-Achter als Deutscher Jugendmeister aus Mannheim zurück, und zum 40. Geburtstag gehörten passenderweise 40 Boote zum Bestand des RVE. Was dann folgte, war eine echte Blütezeit. Wolfgang Popp und Hubert Bohle saßen im legendären Deutschland-Achter von Ruder-Professor Karl Adam und wurden 1972 Vize- Weltmeister. Nach der Wende entwickelte und trainierte Rüdiger Hauffe zahlreiche Talente mit Annina Ruppel, als Steuerfrau Weltmeisterin 2003, und dem zweifachen Weltmeister Bernd Heidicker an der Spitze. Beide Olympionik*innen sind mit ihren Siegertrikots auch in der „Hall of Fame“ des Herner Sports im Rathaus vertreten.
Status quo
Heute zählt der Verein 250 Mitglieder. Neben Kinder-, Jugend- und Breitensport bietet er Leistungsrudern in Kooperation mit Vereinen der Emscher- Lippe-Region an. Hinzu kommen Veranstaltungen wie der Herner Rudertag, bei dem Firmen, Vereine und Organisationen selbst zum Ruder greifen. Besonders stolz ist der Verein auf seine generationsübergreifenden Wanderfahrten: „Da sitzen Achtjährige und 70-Jährige gemeinsam in einem Boot“, sagt Geschäftsführerin Claudia Romberg. Mit Blick in die Zukunft gibt es allerdings auch Unsicherheiten. Der Erbpachtvertrag für das Vereinsgelände endet 2040. „Sollte die Wanne-Herner Eisenbahn und Hafen GmbH (WHE) ihre Erweiterungspläne umsetzen, könnte der Verein langfristig einen neuen Standort benötigen“, will sich Siering, seit 17 Jahren Steuermann des Traditionsvereins, nicht festlegen, wo im Jahr 2051 der 125. Geburtstag gefeiert werden kann.
Erst mal feiern
Zunächst richtet sich der Blick jedoch auf das große Jubiläum. Im April 2027 stehen ein Vereinsfest mit Ehemaligentreffen und das traditionelle Anrudern an, im September soll eine große Jubiläumsgala den 100. Geburtstag krönen.
