Als die 68er nach Wanne-Eickel kamen

25. April 2024 | Ausgabe 2024/2

Schauspieler Nicholas Bodeux stand schon in der Jugendkunstschule auf der Bühne

Für den Schauspieler Nicholas Bodeux ist Münster seit vielen Jahren der perfekte Wohnort: morgens geht es für das nächste Casting nach Köln oder Hamburg, abends wieder zurück. Und, auch nicht ganz unwichtig: „Mit dem Intercity bin ich in 35 Minuten in Wanne-Eickel.“

Regelmäßig ist er noch zu Gast in seiner alten Heimatstadt, besucht Freunde und Verwandte. Gerne mit dem Zug. Mit dem Fahrrad wäre es dann vielleicht doch etwas zu weit. Wobei der 56-Jährige als Vielfahrer gilt, der fast täglich mit dem Rad unterwegs ist. In Münster ist das quasi Pflicht. „Einmal konnte ich mit dem Rad sogar zur Arbeit fahren.“ Für den Tatort Münster steuerte er das alte Gefängnis an und spielte einen Wärter. Natürlich darf in seiner Wahlheimat auch ein Auftritt im Antiquariat Wilsberg nicht fehlen. Bodeux wirkte darüber hinaus in unzähligen Film- und Fernsehproduktionen mit. Darunter Klassiker wie: „Knockin’ on Heaven’s Door“, „Bang Boom Bang“ – oder „Was nicht passt, wird passend gemacht“.

Ein Lieblingsort: Das Marktcafé am Domplatz

„Wir konnten dort vieles ausprobieren und kreativ sein. Und es gab Theaterstücke.“

„Die 68er kamen nach Wanne-Eickel“

Die Faszination für die Schauspielerei packte ihn schon früh. Nicht ganz unschuldig daran, waren die Erlebnisse in der Jugendkunstschule. „Meine Eltern waren damals auch an der Gründung beteiligt. Das war eine wilde Zeit, die 68er kamen nach Wanne-Eickel“, erinnert sich Bodeux an so manche spektakuläre Aktion rund um den legendären Musiklehrer Winfried Kocéa. Gleichzeitig war es ein inspirierender Ort: „Wir konnten dort vieles ausprobieren und kreativ sein. Und es gab Theaterstücke.“ Die Zeit prägt ihn bis heute. Man habe sich ernst genommen und respektiert gefühlt. „Von diesen schönen Erlebnissen möchte ich etwas zurückgeben“, sagt der Schauspieler, der sich gut vorstellen kann, in Zukunft auch Kurse für Kinder zu geben. Im Kreativhaus Münster gibt er diese aktuell für Erwachsene.

Bauernhof des Großvaters muss dem Kanal weichen

Ob Münster oder Wanne-Eickel – Bodeux hält sich gerne am Kanal auf. Dabei hat seine Familie eine besondere Beziehung zu dem Gewässer. Sein Urgroßvater arbeitete als Landwirt und besaß einen Hof, etwa an der Stelle, wo heute der Hafen Grimberg zu finden ist. „Er wurde damals enteignet, weil genau dort der Kanal gebaut werden sollte. Auf historischen Stadtplänen ist der Hof Schäfer noch zu sehen“, sagt der ehemalige Schüler des Gymnasiums Eickel, der an der Hauptstraße unweit der Mozartstraße wohnte. Spätestens mit 14 Jahren zog es Bodeux immer mehr auf die Bühne. Mit der Theatergruppe „Allemanda“ tourte er semi-professionell durch NRW und auch der erste Auftritt in einem Kinofilm ließ nicht mehr lange auf sich warten. Mit einer Komparsenrolle in „The Heartbreakers“ von Peter F. Bringmann war die Entscheidung für die Schauspielerei im Jahr 1983 gefallen.

Das Antiquariat im Herzen von Münster, das von Michael Solder geführt wird. Zweimal im Jahr verwandelt sich der Laden in das „Antiquariat Wilsberg“ von Georg Wilsberg (Leonard Lansink) der gleichnamigen Krimiserie. Hier hat Bodeux auch schon gespielt

„Kinder sind ein sehr ehrliches und kritisches Publikum“

Nach dem Abitur studierte er Theaterwissenschaft, Wirtschaft und Englisch in Bochum. Allerdings nur für ein Semester. Denn längst war er fest eingebunden in einem freien Theater in Köln. Ob Beleuchter, Bühnenbildner oder Fahrer – Bodeux war gleich für mehrere Positionen im Einsatz. Im Anschluss spielte er viel für freie Theater. Besonders das Kindertheater hat es ihm angetan: „Kinder sind ein sehr ehrliches und kritisches Publikum. Wenn es ihnen zu langweilig ist, kann es auch schon mal passieren, dass sie auf einmal auf der Bühne stehen. Aber ich mag diese Arbeit sehr, ich habe einen guten Draht zu Kindern.“

„Der Junge muss an die frische Luft“

Ein Kind – oder besser gesagt – eine ganze Kindheit steht auch im Mittelpunkt der Tragikomödie „Der Junge muss an die frische Luft“. Die Kinobesucher* innen standen 2018 Schlange, um ein Ticket zu erhalten. Verfilmt wurde der autobiografische Roman von Entertainer Hape Kerkeling, der bekanntlich in der Nachbarstadt Recklinghausen aufwuchs. „Ich war an vielen Produktionen beteiligt, aber dass ich an diesem Film mitwirken durfte, macht mich sehr dankbar. Der Film ist aus vielerlei Gründen sehr gelungen und war auch kommerziell sehr erfolgreich. Wenn ich ihn sehe, sehe ich meine Kindheit im Ruhrgebiet.“

Text: Michael Paternoga     Foto: Thomas Schmidt