Anonym Spuren sichern nach sexueller Gewalt

26. Oktober 2023 | Gesellschaft
Foto: Die Werbung für die „Anonyme Spurensicherung“ gibt es an zwei Herner Bussen. ©Frank Dieper, Stadt Herne.

„40 Prozent der 16- bis 85-Jährigen haben bereits körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt“, zitiert Cordelia Neige eine Studie. „Meistens handelt es sich um häusliche Gewalt. Dabei bringen die Opfer das Geschehene oft erst später zur Anzeige. Viele haben erstmal die Hoffnung, dass es sich um einen Einzelfall handelt und alles wieder gut wird.“

Für Betroffene ist es oft nicht leicht über die Erlebnisse einer Sexualstraftat zu berichten. Dennoch ist es für die Strafverfolgung besonders wichtig, dass die Spuren schnellstmöglich nach der Tat sichergestellt werden. Dafür sollten sich Opfer am besten ungeduscht und in derselben Kleidung wie während der Tat in einer Klinik vorstellen.

„Ein Opfer von sexueller Gewalt hat die Möglichkeit, anonym die Spuren sichern zu lassen ohne eine Strafanzeige zu stellen. Dafür gibt es spezielle Spurensicherungssets“, erklärt Melanie Kampa. Hierbei handele es sich um eine gerichtsfeste Spurensicherung, die bei einer späteren Anzeige genutzt werden kann.

Dr. Mike Thompson und Privatdozentin Dr. Eva Tempfer-Bentz haben bereits Erfahrungen mit der ASS in den Kliniken gemacht. „Wir als Notaufnahme sind der Erstkontakt für Betroffene und wirken als Informationsquelle“, sagt Dr. Mike Thompson. Patient*innen wüssten meist nichts von der Möglichkeit der anonymen Spurensicherung.

  • Spurensicherungsset für die anonyme Spurensicherung nach sexueller oder häuslicher Gewalt. ©Frank Dieper, Stadt Herne.

Im evangelischen Krankenhaus kam es in diesem Jahr zu einer anonymen Spurensicherung nach häuslicher Gewalt. Im Marien Hospital gab es zwei anonyme Fälle und drei Fälle, die bereits von der Polizei begleitet wurden. Telefonische Anfragen von Opfern von Sexualstraftaten oder häuslicher Gewalt gäbe es laut Dr. Eva Tempfer-Bentz jedoch weitaus mehr, als tatsächlich vor Ort angemeldet werden. Sie vermutet eine hohe Dunkelziffel.

„Wenn eine Frau Opfer von sexueller Gewalt geworden ist und sich an uns wendet, ist es unsere Aufgabe eine gerichtsfeste Spurensicherung durchzuführen. Die Patienten unterschreiben dafür eine Einverständniserklärung, die mit den Spuren anonym an ein Institut für Rechtsmedizin gesendet wird“, erklärt Dr. Eva Tempfer-Bentz. Dort werden sie für zehn Jahre aufbewahrt. Kommt es in dieser Zeit zu keiner Anzeige, werden die Spuren vernichtet.

Um die Anonymität zu bewahren, werden die Spuren mit einer sogenannten „Chiffre“ versehen. Das sei ein geheimes Schriftzeichen, welches sich aus Zahlen und den Initialen des Opfers zusammensetzt, erklärt Dr. Eva Tempfer-Bentz. Mit einer Kopie der Einverständniserklärung, worauf die Chiffre vermerkt ist, kann das Opfer zu einem späteren Zeitpunkt Anzeige erstatten.

Die Möglichkeit zur anonymen Spurensicherung richtet sich an alle Opfer von sexueller oder häuslicher Gewalt. Damit sind explizit alle Geschlechter angesprochen. Weitere Informationen zu diesem Thema finden sich auf der Internetseite www.haeusliche-gewalt-herne.de. Betroffene können sich ebenfalls mit der Beratungsstelle „Schattenlicht“ in Verbindung setzen, unter Telefon 0 23 23 / 98 11 98 oder per E-Mail an info@beratungsstelle-schattenlicht.de.

Jasmin Stüting