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Ausgerechnet Karl May

Glosse

Was habe ich mich „gefreut“, als mir meine Tante vor zwanzig Jahren die gesammelten Werke von Karl May zum Geburtstag schenkte! Sie hatte bei mir auf dem Tisch kurz zuvor „Durchs wilde Kurdistan“ gesehen und daraus wohl fälschlicherweise geschlossen, ich sei ein Fan des Autors.

Das ist nicht meins!

Dabei hatte ich das Buch bereits nach wenigen Seiten wieder aus der Hand gelegt und schlicht vergessen, es an seinen Platz zu räumen. Eigentlich mag ich Reisebeschreibungen, allerdings nicht die von Karl May. Staubige Landschaften bis ins letzte Detail beschrieben, die orientalische Welt auf eine kitschig verklärte Art und Weise erklärt und Heroen, die begleitet von diversen Freaks und Sidekicks auf imposanten Reittieren durch die Landschaften schweben: Nein, das ist nicht meins!

 Farbenlehre

Wenn man dann noch im Kopf hat, dass der Autor selbst gar nicht vor Ort war, seine literarischen  Welten demnach Maysches-Kopfkino sind, dann fällt zumindest mir das Lesen noch schwerer. Vielleicht ist das auch der Grund, warum das gutgemeinte Geschenk auch heute noch in Zellophan verpackt im Keller lagert, während es einige wenige zuvor angeschaffte Karl May-Werke immerhin in die Präsenzbibliothek geschafft haben und – weitestgehend ungelesen – auf verständnisvollere Besitzer warten. Dort fristen sie – nein, meine Bücher sind nicht nach Farben sortiert, wie eine WDR Haushaltserklärerin namens Yvonne Willicks kürzlich allen Ernstes im deutschen Fernsehen empfahl (!) – zwischen Ken Follet und Daniel Kehlmann ein tristes Dasein. Und dennoch: In meiner Bibliothek wohnen Winnetou und Old Shatterhand, die Helden ganzer Generationen!

Wenn man so will, sind die beiden sogar die legitimen Vorgänger von Captain Amerika und Iron Man! Zwar haben die May-Helden nicht die ganze Welt vor dem Untergang gerettet, wie es die Avengers quasi täglich machen. In seiner moralischen Unfehlbarkeit war allerdings gerade Old Shatterhand eine ganz große Nummer. Außerdem hat ihm Karl May angedichtet, mit einem einzigen Schlag seiner  Faust einen Gegner töten zu können.

Lederhosen-Hulk

Jetzt verkörpert Wotan Wilke Möhring genau diesen Lederhosen-Hulk! Ausgerechnet der Ex-Herner mit dem Gesicht des jungen Marius Müller-Westernhagen, der auf der Hibernia-Schule in Herne war, dann aber das Namen-Tanzen hinter sich ließ, um als Punk abzuhängen und später als Clubbesitzer, Türsteher und Model sein Geld verdiente.

 Must-have des Jahres 2016

Der soll jetzt in uns die Sehnsüchte nach fernen Ländern und Abenteuern mit Pfeil, Bogen und Bärentöter wecken? Kann klappen, schließlich ist er einer von uns, einer von den Guten! Andererseits sind die Plitvicer Seen jetzt auch nicht gerade die große weite Welt. Schön ist es in Kroatien aber allemal. So schön wie die Vorfreude darauf, Wotan in ledernen Leggings und Jagdhemd zu sehen; mit einem breitkrempigen Filzhut auf dem Kopf, in dessen Schnur die Ohren eines Grizzlybären stecken.

Macht bestimmt schnell Schule und wird von den Modebloggern der Republik auf Youtube adaptiert. Vielleicht wird die Lederlegging dann sogar zum must-have des Modejahres 2016! Bevor ich noch was verpasse, sollte ich noch mal in den Keller gehen, das Zellophan runterreißen und mich durch die gesammelten Werke arbeiten. Schließlich hat der Zahn der Zeit auch an mir genagt und eventuell ist aus mir – ohne es zu ahnen – ja ein Karl May-Versteher geworden.

Wobei, Winnetous Schwester Nscho-tschi fand ich schon immer süß. Ihr Name heißt übersetzt übrigens Schöner Tag. Den wünsche ich Ihnen auch und vor allem viel Spaß auf den folgenden Seiten.

Philipp Stark