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Das Bier und der Brauchtumsbeauftragte

Cranger Kirmes

Hermann Pogoreutz (74) hat eine enge Beziehung zum goldenen Gerstensaft. Als Außendienstmitarbeiter einer Premiumbrauerei versorgte er die Kirmes-Gastronomen mit Flüssigem. Schon die Eltern hatten einen Bierverlag.

Seine Frau betreibt heute die besonders unter Schalke-Fans beliebte „Arena am Markt” in Wanne. „Wir sind mit Bier aufgewachsen”, sagt Sohn Holger (44). Der Apfel fiel nicht weit vom Baum. Er ist Vertriebsleiter eines Getränkefachgroßhandels in Gelsenkirchen.

Crange und Bier gehören zusammen

Crange und Bier gehören seit je zusammen. Deshalb nennt Hermann Pogoreutz seinen Beruf auch „Brauchtumsbeauftragter”. 50 Jahre habe er ihn ausgeübt. „Damals – Ende der 50-er – gab es auf Crange so gut wie kein Faßbier”, erinnert er sich. Zu jener Zeit fehlten die Möglichkeiten einer komfortablen Kühlung. „Mit Stangeneis vom Wanner Schlachthof wurden die Getränke auf die gewünschte Temperatur gebracht.” Seit dem Siegeszug der Durchlaufkühler wird vom Fass gezapft.

  • Hermann Pogoreutz – auf der Kirmes mit dem Fahrrad unterwegs, um seine Kunden zu betreuen. © Stadt Herne, Horst Martens

Anfang der 60-er verkauften die Eltern den Bierverlag. Sohn Hermann startete seine Karriere (nach einem einjährigen Exkurs als Selbstständiger) bei der Sternbrauerei als Außendienstmitarbeiter, wechselte 1988 zu einer großen Brauerei aus dem Siegerland. Er kaufte dem Vater das Haus ab, in dem auch die Kneipe ist – zumeist verpachtet, heute jedoch wieder vom Ehepaar Pogoreutz betrieben.

Hochsaison für Bierverkäufer

Kirmeszeit war Hochsaison. Jeden Abend nach 22 Uhr machte Pogoreutz seine Runde bei den Schaustellern und zählte die Leergutfässer, die am nächsten Tag nachbestellt werden mussten. Die Schausteller tranken ihr Feierabendbier – und Pogoreutz trank mit. Morgens um vier Uhr „war er zwar nicht mehr ganz trocken” (Originalton Sohn), aber nüchtern genug, um bei der Brauerei den Nachschub für den anstehenden Kirmestag zu ordern. Sohn Holger Pogoreutz war übrigens auch schon als Siebenjähriger gefordert. Die Fahrer der mit vollen Fässern beladenen Lkw holten ihn in der Frühe zu Hause ab. Auf dem Kirmesgelände lief er vor den Lkw her und zeigte den Fahrern, vor welchen Geschäften sie ihre Fässer abladen sollten. Er hat es gern getan. Kirmes war Abenteuerland. „Ich bekam immer Freikarten von den Schaustellern.”

Kassieren, wenn der Zug schon fährt

Am Ende jeder Kirmes hieß es für den Senior: abkassieren fürs gelieferte Bier mitten im Stress des Kirmesabbaus. „Alle bezahlten mit Bargeld. Häufig steckten die Scheine im Schuhkarten unterm Bett”, weiß Pogoreutz noch. Frau Grell hat er auf einem Güterzug abkassiert, der mit dem demontierten „Café Grell” beladen war. Während das Geld den Besitzer wechselte, fuhr der Zug langsam an. Aber der Brauereivertreter schaffte natürlich den Absprung.

 25 Schausteller bekocht

Schaustellerfamilien – Ritter, Lemoine, Matz, Grell oder Erika Riestat mit ihrem Dalldrup-Faß und viele mehr – spielen im Leben der Pogoreutz eine wichtige Rolle. Da besorgt Pogoreutz die Kirmesbetriebe zum Start mit Wechselgeld. Da bekocht Sohn Holger spontan eine 25-köpfige Schaustellertruppe in der winzigen Kneipenküche. Oder Frau Pogoreutz wäscht die Wäsche eines Schaustellers, der im Krankenhaus gelandet ist.

Zuviel Flaschenbiertouristen

Früher wurde mehr getrunken, sind sich die Pogoreutz sicher. Nicht nostalgisch verklärt, sondern sachlich nüchtern konstatieren sie: Der Bierabsatz sinkt, „weil es so viel Flaschenbiertouristen gibt”, also Besucher, die Selbstversorger sind. Und: „Die Besucher haben auch weniger in der Tasche. Zudem nimmt die Zahl der Kirmesverrückten ab.” Letzteres ist eine persönliche Meinung.

Mit dem Fahrrad vorneweg

Hermann Pogoreutz bleibt dran, auch nach vielen Rentnerjahren. Unermüdlich ist er auf seinem Fahrrad während des Kirmesaufbaus unterwegs. Statt seines Sohns fährt er nun vorneweg, um den Lkw mit der Ladung Kühlcontainer den Weg zu weisen. Holger P. sagt über den Vater: „Heute noch wird er angerufen und trifft die Absprachen. Er ist der einzige, der auch nach der Rente die Handynummer der Brauerei behalten durfte.” Bei dem Renommee dürfte es für den Sohn ein Leichtes sein, eines Tages komplett in die Fußstapfen seines Vaters zu treten und „Brauchtumsbeauftragter” zu werden.

Text und Fotos: Horst Martens