Newsticker

„Das ist mein Kanal“

Im Fokus / Persönlich

Es fehlt eigentlich nur noch ein Steg, dann wäre die Idylle perfekt: Dann hätte Reinhard Paluch einen direkten Zugang zum Rhein-Herne-Kanal. Aber auch so spielt das Gewässer, das in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag feiert, eine zentrale Rolle im Leben des Herners. Nicht ohne Grund sagt der 68-Jährige: „Das ist mein Kanal.“

Den gleichen Satz hätte sein Großvater schon formulieren können, als damals noch gar kein Wasser zwischen den Spundwänden und Ufersteinen zu sehen war. „Mein Opa war Jahrgang 1897 und gehörte zu den Männern, die den Kanal bis zur Einweihung mit Schüppe und Schubkarre ausgehoben haben.“ Die Familien Paluch und Gäsel waren somit schon mit dem Kanal verbunden, als dieser noch gar nicht als Transportweg existierte. Eine Verbundenheit, die auch 100 Jahre später fast mit den Händen zu greifen ist. Der beneidenswerte Garten wird nur durch den Uferwanderweg vom Kanal getrennt, das Haus am Hoverskamp – direkt gegenüber dem Recklinghäuser Hafen – zog Paluch gemeinsam mit der Familie 1982 hoch. Mit dem Einzug schloss sich ein Kreis. Denn nur einen Steinwurf vom Hoverskamp entfernt, haben schon die Eltern Jahrzehnte lang an der Bahnhofstraße 287 das Leben am Kanal genossen. Als er die Fundamente für das Haus ausschachtete, kam der Kanalaushub zum Vorschein, den vielleicht schon sein Großvater 70 Jahre vorher mit der Schüppe bewegt hatte.

  • © Thomas Schmidt, Stadt Herne

Onkel war der jüngste Helmtaucher Deutschlands

„Unser ganzes Leben spielte sich am Kanal ab“, erinnert sich Paluch, als er am Küchentisch die alten Fotos durchstöbert. Auch das Arbeitsleben. „Das ist mein Onkel Willi Gäsel, er war der jüngste Helmtaucher der Bundesrepublik“, zeigt Paluch ein altes schwarz-weiß Foto. Es gab kaum ein Familienmitglied, das nicht auf oder am Kanal seine Brötchen verdiente. Onkel Heinz Gäsel war Schweißer auf der Werft des Wasserstraßen-Maschinenamtes. Noch heute erinnert der Bauhof des Amtes an der Schleuse Herne-Ost an die Werft in Herne. „Die Helliganlage, mit der die Schiffe hochgezogen wurden, ist abgebaut worden und steht jetzt im Schiffshebewerk in Henrichenburg“, sagt Paluch und kämpft dabei mit den Tränen. Der Kanal ist Emotion pur, das merkt man dem Mann, der bei Westfalia Herne seit Jahrzehnten Jugendleiter ist, bei jedem Satz an. Vor allem die Erlebnisse rund um die Schleuse Herne-West sind immer noch sehr präsent. Hier war sein Großvater fast 40 Jahre Schleusenwärter, wohnte mit seiner Familie in einem alten Bauernhaus direkt an der Schleuse an der Pöppinghauser Straße.

Foto (l): Heinz Gäsel (r.) mit Arbeitskollegen vor der Helliganlage der ehemaligen Werft in Herne; Foto (r.) Helmtaucher Willi Gäsel Fotos: ©Privat

Foto (l): Heinz Gäsel (r.) mit Arbeitskollegen vor der Helliganlage der ehemaligen Werft in Herne; Foto (r.) Helmtaucher Willi Gäsel Fotos: ©Privat

Als die Schleuse Herne-West noch existierte

Die Schleuse Herne- West – auch Nummer sechs genannt – wurde 1991 abgerissen. Heute erinnern nur noch die beiden äußeren Kammern an das Mauerwerk, das eins zwischen den heutigen Schleusen Herne-Ost und Wanne-Eickel die Schiffe auf Höhe brachte. Unzählige Mal ist er dort auch zu seinem Vater ins Boot gestiegen. Vater Vincenz war Schiffsführer beim Wasser- und Schifffahrtsamt Duisburg-Meiderich. „Ich war damals neun Jahre alt, als ich zum ersten Mal hinter das Steuer durfte“, sagt Paluch mit zitternder Stimme: „Das war ein Erlebnis. Da haben wir Steine aus Dortmund abgeholt und sie in Recklinghausen ausgeladen, da durfte ich zum ersten Mal durch eine Schleuse fahren. Dafür bin ich meinem Vater noch heute dankbar“, sagt der 68-Jährige, der natürlich auch eine berufliche Vergangenheit am Kanal hat.

Mit dem eigenen Boot auf dem Kanal unterwegs

In der Werft in Herne absolvierte er eine Ausbildung zum Maschinenbauer. Später zog es ihn zur Polizei. Allerdings zur Kripo. „Dabei hätte es meine Oma gerne gesehen, dass ich zur Wasserschutzpolizei gegangen wäre“, lacht Paluch. Auf einem Polizeiboot trifft man den rüstigen Ruheständler also nicht, dafür auf seiner eigenen Brücke. Das Sportboot Willem – ein Verdränger von zwölf Metern Länge und 16 Tonnen schwer – ist der ganze Stolz des ehemaligen Polizisten. Es liegt im Hafen beim AMC Castrop-Rauxel. Wie eingangs erwähnt, zum perfekten Glück fehlt nur der eigene Steg…

Text: Michel Paternoga

Fotos: Thomas Schmidt, Paluch Privat