„Das letzte Lagerfeuer der Gesellschaft“

31. März 2026 | Ausgabe 2026/2

Das Schaustellerwesen ist echtes Kulturgut

Der in Essen ansässige Schausteller Albert Ritter engagiert sich seit mehr als 5 Jahren im Präsidium des Deutschen Schaustellerbundes. Nun ist ihm und seinen Mitstreitern ein Herzensanliegen gelungen: Die deutsche Schaustellerkultur wurde als immaterielles Kulturerbe anerkannt. Über diesen Erfolg und seine Bedeutung haben wir mit ihm gesprochen.

inherne: Herr Ritter, welchen Erfolg konnten Sie erzielen – und warum ist er für Sie so wichtig?
Albert Ritter: Die Anerkennung der Schaustellerkultur und der Kirmes als immaterielles Kulturerbe beschäftigt mich seit Jahrzehnten. Viele andere Traditionen und Gewerke wurden bereits ausgezeichnet. Warum also nicht auch die Schausteller mit ihrer mehr als 1200-jährigen Geschichte? Das ist gelebtes Kulturgut. Die UNESCO versteht darunter eine lebendige Tradition, die von Generation zu Generation weitergegeben wird, ohne dass eine staatliche Institution dahintersteht. Genau das trifft auf das Schaustellerwesen zu. Ursprünglich wollten wir deshalb Kirmessen und Volksfeste als Kulturerbe anerkennen lassen. Die Kommission sah diese Veranstaltungen jedoch als zu vielfältig und zu kommerziell an.

inherne: Wie ging es nach diesem Rückschlag weiter?
Albert Ritter: Die Kommission erkannte schließlich, dass das Schaustellergewerbe selbst – also die Lebensweise der Schaustellerinnen und Schausteller und ihre Arbeit – durchaus schützenswert ist. Das Ergebnis: Die deutsche Schaustellerkultur auf Kirmessen, Volksfesten und Weihnachtsmärkten wurde offiziell als immaterielles Kulturerbe anerkannt. Darüber freuen wir uns sehr. Der Bundesverband Deutscher Schausteller und Marktkaufleute e.V. (BSM) mit seinem Präsidenten Patrick Ahrens sowie Frau Dr. Margit Ramus vom Digitalen Kulturgut Volksfest-Archiv haben als Mitstreiter übrigens tatkräftig und maßgeblich dabei geholfen, dieses Ziel zu erreichen. In einigen anderen Ländern gibt es diese Anerkennung schon seit Längerem. Für Deutschland als weltweit führende Nation der Volksfeste mit zirka 5.600 Schaustellerfamilien war dieser Schritt deshalb eigentlich nur folgerichtig.

„Die deutsche Schaustellerkultur auf Kirmessen, Volksfesten und Weihnachtsmärkten wurde offiziell als immaterielles Kulturerbe anerkannt.“

Ein historisches Wanderkino, das bis in die 70er Jahre des vorherigen Jahrhunderts auf Crange zu sehen war.

inherne: Gab es Unterstützung von außen?
Albert Ritter: Ja, sehr viel sogar. Unterstützt wurden wir unter anderem von der Deutschen Bischofskonferenz – schließlich geht der Begriff „Kirmes“ auf das Wort „Kirchmesse“ zurück. Auch Politiker wie der ehemalige schleswig-holsteinische Ministerpräsident Peter Harry Carstensen haben unser Anliegen begleitet. Trotzdem war es ein langer und aufwendiger Weg. So musste beispielsweise die Rolle des Schaustellergewerbes während der NS-Zeit aufgearbeitet werden. Ein anderer Antrag wurde zunächst mit der Begründung abgelehnt, auf Kirmessen gebe es sexistische Darstellungen an einzelnen Fahrgeschäften oder Buden. Auch diese Einwände konnten wir letztlich ausräumen. Am 16. Juli konnten wir schließlich in Schwerin die offizielle Urkunde entgegennehmen. Darauf sind wir sehr stolz. Mit der Auszeichnung dürfen wir zwar keine werbliche Eigenvermarktung betreiben, das schmälert unsere Freude aber keineswegs. Umso mehr, weil ein früherer Antrag unter anderem mit dem Argument abgelehnt worden war, das Schaustellergewerbe sei zu kommerziell. Im selben Jahr wurden allerdings das Reinheitsgebot und traditionelle deutsche Brotrezepte als immaterielles Kulturerbe anerkannt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es auch dort nicht nur um Idealismus geht.

„Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht das Miteinander. Wir bringen Menschen zusammen – unabhängig von Alter, Herkunft oder Einkommen. Deshalb nenne ich die Kirmes gerne das letzte Lagerfeuer der Gesellschaft.“

inherne: Was wünschen Sie sich nach dieser Auszeichnung als Nächstes?
Albert Ritter: Natürlich wäre es ein großer Wunsch, dass das Schaustellerwesen künftig auch auf internationaler Ebene als UNESCO-Kulturerbe anerkannt wird. Den entsprechenden Weg haben wir bereits eingeschlagen, das Antragsverfahren läuft. Derzeit sind wir zunächst im bundesweiten Verzeichnis der Deutschen UNESCO-Kommission eingetragen. Außerdem geht es schlichtweg um unsere Zukunft. Auszeichnungen sind schön, aber entscheidend ist der Blick nach vorn. Jede Zeit hatte ihre Schausteller. Früher waren es Gaukler und Feuerschlucker, heute setzen wir modernste Technik ein, um Menschen zu begeistern. Genau diese Weiterentwicklung gehört zum Wesen unserer Kultur. Die UNESCO spricht deshalb von einer „lebendigen Weitergabe“. Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht das Miteinander. Wir bringen Menschen zusammen – unabhängig von Alter, Herkunft oder Einkommen. Deshalb nenne ich die Kirmes gerne das letzte Lagerfeuer der Gesellschaft. Der Besuch eines Volksfestes kostet zunächst einmal keinen Eintritt. Jeder kann kommen, die Atmosphäre genießen und Gemeinschaft erleben. Darüber hinaus bieten wir Unterhaltung für die ganze Familie und für alle Generationen. Dieses Miteinander leben wir Schausteller auch selbst: Wir verstehen uns als große Familie, halten zusammen, pflegen unsere eigenen Traditionen und sprechen teilweise sogar unsere eigene Sprache.

Vielen Dank für das Interview.

Text: Philipp Stark     Fotos: Philipp Stark, Archiv Albert Ritter