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Der „weiße Kenianer“ will nach Tokio

Marius Probst ist unser Ass über 1500 Meter

Flagstaff, Potchefstroom, Monte Gordo – wer diese Städte kennt, könnte ein Leichtathletik-Insider sein. Denn hier gehen die besten Läuferinnen und Läufer der Welt ins Trainingslager. Marius Probst kennt diese Orte nur zu gut. Dabei will der Herner ganz woanders hin: nach Tokio.

Ticket für die Olympischen Spiele

In der japanischen Hauptstadt finden im kommenden Jahr die Olympischen Spiele statt. „Eine Teilnahme ist für jeden Sportler das Größte, was man erreichen kann. Natürlich will ich unbedingt dabei sein. Ich werde alles geben, um die Norm zu schaffen“, blickt der 23-Jährige optimistisch auf das Jahr 2020. Ein Ticket für Tokio wäre natürlich der Höhepunkt der Karriere, die sich aber schon jetzt sehen lassen kann. 2017 wurde er U23-Europameister über die 1500 Meter, seiner Paradestrecke. Im gleichen Jahr war er auch in der Halle nicht zu schlagen. In der Männer-Konkurrenz wurde er Deutscher Meister. Den Titel will er sich nun auch in der Freiluftsaison holen. Am ersten August-Wochenende muss daher die Cranger Kirmes warten, dann geht es ins Olympia-Stadion nach Berlin. Die Grundlagen für die Wettkämpfe legte er im Januar für drei Wochen in Südafrika, wo ein Höhentrainingslager anstand.

  • © Thomas Schmidt, Stadt Herne

Trainingslager in Südafrika und USA

„In Potchefstroom zeigte das Thermometer zwar nur 35 Grad, gefühlt waren das aber 45 Grad. Nach 7:45 Uhr war es nicht mehr auszuhalten, da war an Laufen nicht mehr zu denken“, erklärt Probst, in dessen Laufgruppe unter anderem auch die zweimalige Europameisterin Gesa Krause die Schuhe schnürte. Im Winter stehen rund 140 Kilometer pro Woche auf dem Programm, rücken die Termine für den Sommer näher, wird auf 90 Kilometer reduziert. So viel laufen muss Claudio Pizzaro in der Fußball-Bundesliga sicherlich nicht. Dabei hatte der Spieler Anfang Januar das gleiche Ziel. „Die Jungs von Werder Bremen saßen im gleichen Flieger wie wir, nur ein paar Reihen vor uns. Sie waren auch auf den Weg ins Trainingslager nach Johannesburg. Für mich als Fußballfan war das natürlich eine schöne Begegnung. Allerdings sind sie schon nach einer Woche wieder zurückgeflogen, wir waren fast drei Wochen vor Ort.“

Keine Zeit für die Route 66

Das traditionelle Trainingslager im portugiesischen Monte Gordo fällt in diesem Jahr zwar flach, dafür steuern die Laufprofis im April wieder für vier Wochen Flagstaff an. Unweit des Grand Canyons und der Route 66 geht es in Arizona aber nicht um touristische Attraktionen, sondern darum, die Trainingspläne der Bundestrainer umzusetzen. Die Erfahrungen mit der Hitze in Südafrika könnten ihm aber beim Saisonhöhepunkt in diesem Jahr den entscheidenden Vorteil bringen. Ende September geht es zur WM nach Katar. Vielleich der nächste große Erfolg für den „weißen Kenianer“, so wird er auf Grund seines Laufstils inzwischen genannt. Auch Fußballvereine klopften an Um sich zu qualifizieren, müsste Probst, der seit Jahren im Trikot des TV Wattenscheid die Tartanbahn strapaziert, allerdings Bestzeit laufen. 3:36:00 Minuten sind gefordert, 3:37:05 Minuten stehen beim Herner  nach 1500 Metern zu Buche. „Ich bin bisher jedes Jahr schneller geworden, damit rechne ich auch in diesem Jahr“, will der 23-Jährige noch hoch hinaus. So hoch wie sein Vater Michael wird er es aber nicht schaffen, der übersprang mit einer Körpergröße von gerade einmal 1,78 Meter beachtliche 2,21 Meter. Die Liebe zur Leichtathletik  kommt also nicht von ungefähr, wobei der Herner auch im Fußballtrikot zu überzeugen wusste. In der D-Jugend wurde er Westfalenmeister. Probst: „In der C-Jugend hatte ich Angebote von Schalke, Dortmund und weiteren Topclubs. Meine Eltern hatten mir aber davon abgeraten, ins Fußball-Internat zu gehen. Wer schafft es schon bis in die Bundesliga?“

Spagat zwischen Studium und Profiläufer

Eine Entscheidung, die sicherlich richtig war. Auch wenn der Spagat zwischen Studium und Profiläufer nicht immer leicht zu meistern ist. „Leider nehmen die Dozenten der Uni kaum Rücksicht auf meine Situation. Wenn ich einen Wettkampf habe und eine Klausur deshalb nicht schreiben kann, so wie im vergangenen Jahr, als ich bei der EM in Berlin gestartet bin, wird gesagt, dann schreib sie doch im nächsten Semester. Dabei könnte es sein, dass ich dann wieder einen Wettkampf habe. Das ist schon ärgerlich. Es wäre doch sicherlich kein Problem, wenn ich die Klausur bei Terminschwierigkeiten einfach eine Woche eher schreiben könnte“, sagt Probst, der seit drei Jahren unweit der Bochumer Innenstadt in einer Läufer-WG wohnt.

Abitur am Otto-Hahn-Gymnasium

Der Herner, der 2014 am Otto-Hahn-Gymnasium sein Abitur baute, will Grundschullehrer werden so wie seine Großeltern. Deutsch und Mathe sind die Hauptfächer, als drittes Fach darf Sport natürlich nicht fehlen. Seine Eltern wird es freuen: Sohn Marius hat auch die Zeit nach der schnellen Stadionrunde im Blick. Bisher ist er von großen Verletzungen verschont geblieben. Das soll natürlich so bleiben. „Wenn alles klappt, könnte ich mir eine Laufkarriere bis zu den Olympischen Spielen 2024 in Paris vorstellen. Vielleicht wechsele ich dann zur Grundschule. Aber das ist ja noch ein paar Jahre hin“, will eines der Aushängeschilder des Herner Sports den Blick in die Zukunft auch nicht übertreiben.

Herner Silvesterlauf lässt grüßen

Aktuell befindet er sich im achten  Semester und bekommt alle Termine noch unter einen Hut. Auch den 31. Dezember. Denn er nutzt gerne sein Heimspiel am Gysenberg. „Wenn ich eingeladen werde, starte ich natürlich gerne beim Herner Silvesterlauf. Das ist immer eine tolle Veranstaltung. Außerdem können mich dann meine Eltern und Freunde beim Wettkampf unterstützen, ohne weit anzureisen.“ Im nächsten Jahr soll sich das ändern. Vom Herner Silvesterlauf nach Tokio, da hätte wohl keiner etwas dagegen …