Eine gleichberechtigte Ehe

14. Januar 2025 | Ausgabe 2025/1

Vom Zusammenschluss von Herne und Wanne-Eickel

Um es gleich vorwegzunehmen, Manfred Urbanski, letzter Oberbürgermeister von Wanne-Eickel, hat die Bindestrichstadt nicht an Herne „verschachert“.

Blick zurück: Herne und Wanne-Eickel befanden sich gerade in einer Phase der Modernisierung ihrer Städte, da drohte mit den kommunalen Neuordnungsplänen des Landes Nordrhein-Westfalen großes Ungemach. Durch die Gebietsreform, die ab 1966 ihren Lauf nahm, wollte die Landesregierung leistungsfähigere Verwaltungseinheiten schaffen und die interkommunale Zusammenarbeit verbessern. Die gewachsenen Strukturen sah man als nicht mehr zeitgemäß an. Heimatgefühl? Identität? Das stand zumindest nicht ganz oben auf der Prioritätenliste der nordrhein- westfälischen Gebietsreformer. Mindestens 200.000 Menschen sollten die neu zu bildenden Städte oder Kreise zählen. Für Herne und Wanne-Eickel war eine Eingemeindung nach Bochum vorgesehen.

Teil der damaligen Doppelspitze der „neuen Stadt“: Manfred Urbanski als Oberbürgermmeister…

… und Karl Raddatz, damaliger Oberstadtdirektor.

Gemeinsamer Aufruf zur Bürgerversammlung am 19.06.1973

Bochum 7 und 8? Dieses sehr realistische Szenario sorgte auf Herner und Wanne-Eickeler Seite für Empörung und heftigen Widerstand. Ganz vorne dabei: Hernes Oberstadtdirektor Edwin Ostendorf. Gerade aus dem Urlaub zurückgekehrt, gab er im März 1972 eine Pressekonferenz. Dabei bezeichnete er die Überlegungen aus der Staatskanzlei als einen „unausgegorenen Gaunerstreich“, mit dem die Austrocknung der Emscherzone eingeleitet werde. Er meinte, dass mit „Städtemonstren“ von über 200.000 Einwohnern keine Bürgernähe mehr möglich sei. Ostendorf kündigte die Einleitung von Gegenmaßnahmen an und hielt seinerseits an dem von ihm vorgeschlagenen Verbund der vier Emscherstädte Herne, Wanne-Eickel, Castrop-Rauxel und Recklinghausen fest. Bei Beibehaltung ihrer Selbstständigkeit sollten die vier Kommunen übergeordnete Aufgaben wie etwa Infrastrukturprojekte gemeinsam umsetzen.

Auf Wanne-Eickeler Seite wies Manfred Urbanski eine Eingemeindung nach Bochum scharf zurück. Er betonte, dass selbst personelle Angebote des großen Nachbarn ihn nicht umstimmen würden. Wörtlich erklärte er: „Es geht hier nicht um Ratsmandate oder die Stelle eines Oberbürgermeisters, sondern um das Optimum für den Bürger.“

Die Räte beider Städte beharrten auf ihrer Autonomie und lehnten in entsprechenden Entschließungen eine Eingemeindung strikt ab.

Massive Unterstützung bekamen Politik und Verwaltung aus der Bürgerschaft. In Herne gründeten der Journalist Helge Kondring und der angehende Lehrer Jürgen Rausch eine Bürgerinitiative gegen die drohende Eingemeindung. In einer parteiübergreifenden Koalition und unter Einbeziehung der gesamten Stadtgesellschaft, schafften es die Initiatoren, ihrem Begehren ein besonderes Gewicht zu verleihen. Auf der Gründungsversammlung im Mai 1972 wurden bis zu den Sommerferien 30.000 Unterschriften für Hernes Selbstständigkeit als Ziel ausgegeben. Am Ende kamen über 40.000 Stimmen zusammen.

Auf Wanne-Eickeler Seite startete im August 1972 das Aktionsprogramm „Stop – Wanne-Eickel muss selbständig bleiben“, initiiert von der im Rat vertretenen Bürgergemeinschaft (BG). Innerhalb eines Monats konnten genau 7.000 Stimmen gesammelt werden.

Nicht zuletzt warfen Hernes und Wanne-Eickels Landtagsabgeordnete Willi Pohlmann und Helmut Hellwig ihr politisches Gewicht in die Waagschale. Sie plädierten, da der Erhalt der Selbstständigkeit beider Emscherstädte und auch Städteverbünde am Ende keine Erfolgsaussichten hatten, für einen Zusammenschluss von Herne und Wanne-Eickel.

„Es geht hier nicht um Ratsmandate oder die Stelle eines Oberbürgermeisters, sondern um das Optimum für den Bürger.“

So sollte es kommen. Bei einer gemeinsamen Sitzung am 21. August 1973 im Herner Rathaus votierten die Ratsmitglieder von Herne und Wanne-Eickel einstimmig gegen eine Eingemeindung nach Bochum und für die Städteehe. Der BG-Fraktionsvorsitzende Hermann Köker erklärte: „Die Erhaltung der Selbständigkeit Wanne-Eickels wäre die beste Lösung, die Eingemeindung nach Bochum die schlechteste. Der Zusammenschluss der Städte Herne und Wanne-Eickel ist ein gangbarer Kompromiss.“

Mit Verabschiedung des Ruhrgebiet- Gesetzes am 8. Mai 1974 und dessen Veröffentlichung am 22. Juli 1974 wurden die gesetzlichen Grundlagen geschaffen. Die Städteehe war geschlossen. Gemeinsamer Name wurde Herne, Wanne-Eickel brachte die Stadtfarben und den Emscherbrücher Dickkopp als Wappentier in die Ehe ein.

Und wie war das nun mit Manfred Urbanski? Er wurde erster Oberbürgermeister der neuen Stadt Herne. Karl Raddatz Nicht aber, weil er Wanne-Eickel an Herne verschachert hatte. Die Urheber dieser faktenfreien Behauptung übersahen ein wichtiges Detail. Anders als heute, wurden damals die Geschicke der Stadt von einer Doppelspitze gelenkt: Oberbürgermeister und Oberstadtdirektor. Mit Karl Raddatz übernahm ein Herner den Posten des Oberstadtdirektors. Die Aufteilung der Doppelspitze verdeutlicht, dass ein gleichberechtigtes und partnerschaftliches Miteinander vorherrschte: eine Städteehe auf Augenhöhe.

*Eine ausführliche Abhandlung über die damaligen Geschehnisse findet sich unter: herne-damals-heute.de

Text: Jürgen Hagen     Fotos: Bildarchiv der Stadt Herne