„Einfach kann doch jeder“

7. Januar 2024 | Ausgabe 2024/1

Stadtdirektor und Baudezernent verabschieden sich in den Ruhestand

Mit Stadtdirektor Dr. Hans Werner Klee und Stadtrat Karlheinz Friedrichs scheiden Ende April zwei langjährige Beigeordnete aus der Verwaltungsspitze der Stadt Herne aus und gehen in den Ruhestand. inherne sprach mit dem scheidenden Kämmerer und dem Bau- und Planungsdezernenten über ihre Dienstzeiten und die Pläne für den Ruhestand.

Prägende Amtszeiten gehen Ende April zu Ende. Dr. Klee, Sie haben 2013 Ihren Dienst angetreten. Herr Friedrichs bereits im Jahr 2011. Wie hat sich Herne aus Ihrer Sichtseitdem verändert?

Dr. Hans Werner Klee: Als ich nach Herne kam, hatte ich nicht nur die Aufgabe, den Haushalt im Griff zu halten, sondern auch Fragestellungen zur Zukunft der kommunalen Immobilien und der städtischen Beteiligungen zu bearbeiten. Auch die Fragestellungen der Stadtentwicklung gehörten von Beginn an dazu. Ich habe damals gesagt, was Stadtentwicklung für mich bedeutet: Arbeitsplätze schaffen, Arbeitsplätze schaffen, Arbeitsplätze schaffen. Wenn ich nun betrachte, wie sich Herne seitdem entwickelt hat, ist das sehr positiv, das hat das jüngste Dynamik-Ranking der Wirtschaftswoche gezeigt. Wir haben in den vergangenen fünf Jahren ein Plus von 15 Prozent bei den sozialversicherungspflichtigen Jobs zu verzeichnen. Den Effekt sieht man heute: weniger Arbeitslose, rechnet man den Effekt durch Fluchtbewegungen heraus, und höhere Gewerbesteuern. Unsere Strategie ist voll aufgegangen. Gerade bei den Themen der Stadtentwicklung haben zentrale Immobilien eine besondere Bedeutung. Hier haben wir sehr früh eine Strategie für unsere Immobilien und Liegenschaften entwickelt, mit dem Ziel durch städtische Tochtergesellschaften Schlüsselimmobilien zu erwerben. Was Karlheinz Friedrichs und mich erfreut, ist, dass wir das ehemalige Karstadt-Kaufhaus als zentrale Landmarke in der Herner Fußgängerzone durch die Stadtentwicklungsgesellschaft erworben und in einem strukturierten Verfahren vermarktet haben. Daraus haben wir einen Mehrwert gezogen. Heute gibt es in der Immobilie über 400 Arbeitsplätze aus verschiedenen Bereichen. Gleichzeitig war das Verfahren ein wichtiger Impuls für Entwicklungen im Umfeld der Fußgängerzone, ich nenne nur „Stadthaus“, Modernisierung „CityCenter“, Neubau  Europagarten“. Außerdem war es ein Impuls für die Aktivierung unserer Stadtentwicklungsgesellschaft, die inzwischen ein wichtiger Akteur bei den Wohn- und Gewerbeflächen ist. Wenn wir neue Arbeitsplätze schaffen, benötigen wir auch neuen Wohnraum in allen Preisklassen.

Baudezernent Karlheinz Friedrichs.

Kämmerer Dr. Hans Werner Klee.

Wie blickt der Stadtplaner auf die Entwicklung der Stadt?

Karlheinz Friedrichs: Als ich gestartet bin, habe ich großen Wert daraufgelegt, dem Mangel an Wohnbauflächen zu begegnen. Es gab Herner*innen, die in andere Städte abgewandert sind, weil sie hier keine adäquaten Bauplätze gefunden haben. Wir haben dann das erste Wohnbauflächenentwicklungsprogramm (WEP) aufgelegt mit dem Ziel, solchen Menschen die Möglichkeit zu geben, sich in Herne ihre eigene Immobilie zu schaffen. Deswegen war das erste WEP darauf ausgelegt, Flächen für Eigenheime auszuweisen. Die Folgeprogramme waren hingegen anders ausgelegt. Hier haben wir in einem engen Schulterschluss mit der organisierten Wohnungswirtschaft den Fokus auf Mietwohnungen und den sozialen Wohnungsbau gelegt. Den sozialen Wohnungsbau haben wir in Herne dadurch erst wieder großflächig reaktiviert, nachdem er lange brachgelegen hatte. Mit dem Stadterneuerungsprogramm „Herne-Mitte baut um“ haben wir es um das bereits erwähnte Karstadt-Gebäude geschafft, das Zentrum wieder zu stärken. Mit dem Masterplan Einzelhandel haben wir Handel in die Innenstadt geholt. Die Entwicklung des Karstadt-Hauses ist vorausschauender als die in anderen Innenstädten. Wir haben dort eine nachhaltige Entwicklung. Mit den Entwicklungen am Europaplatz und am Robert-Brauner-Platz haben wir in der Fußgängerzone einen Schub nach vorne bekommen.

Klee: Ich würde fast noch weitergehen. Denn das „FunkenbergQuartier“, das gerade entsteht, reicht ja fast bis an die Fußgängerzone heran. Was wir dort entwickeln, in der Neuen Mitte Baukau und auf dem Blumenthal-Gelände, sind Projekte, die Herne weiterbringen werden. Ich gehe davon aus, die Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung mit mehreren Tausend Studierenden bringt einen weiteren Entwicklungsimpuls.

In so langen Laufbahnen hat es doch sicher auch mal Dinge gegeben, von denen Sie beide in der Rückschau sagen würden: Das ist nicht so gut gelaufen.

Klee: Als Kämmerer sollte man immer positiv denken und eher das halbvolle als das halbleere Glas sehen. Daher fallen mir auch spontan keine Dinge ein, von denen ich sagen würde, dass ich sie heute ganz anders machen würde. Auch aus der sehr herausfordernden Finanzlage haben wir im Rahmen dessen, was wir selbst beeinflussen können, das Beste gemacht. Das ging aber auch nur dank der Qualitäten der Mitarbeitenden in meinem Bereich. Wir haben stets versucht, die besten Mitarbeitenden zu bekommen. Wenn ich zum Abschluss eine positive Bilanz ziehe, dann ist das nicht meine Bilanz, sondern die meiner Mitarbeitenden. Enttäuscht bin ich aber von Bund und Land. Sie lassen uns Kommunen seit Jahren im Regen stehen. Von ihnen erhalten wir Aufgaben, zum Beispiel bei der Integration von Geflüchteten, ohne ausreichende Gegenfinanzierung. Und auf eine Altschuldenlösung, die die Kommunen mit Vehemenz fordern, warten wir schon viel zu lange. Friedrichs: Auch ich verbinde meine positive Rückschau mit dem Dank an die Mitarbeitenden, ohne deren Engagement und Fachwissen kommt ein Stadtrat nicht aus. Wir haben die Stadt nach vorn gebracht und große Fehler haben wir dabei nicht begangen. Wir profitieren dabei auch von unserer Größe als Stadt, auch in der Stadtverwaltung. Sie lässt eine effiziente und dezernatsübergreifende Zusammenarbeit zu. Stolz bin ich darauf, dass wir ein Technisches Rathaus schaffen konnten.

Herne, eine Stadt mit schwierigen Rahmenbedingungen. Blickt man da nicht manchmal etwas neidisch auf ähnlich große Städte, die Universitäten haben und mittelalterliche Stadtkerne?

Klee: Da gibt es sicher attraktive Städte. Aber: Einfach kann doch jeder. Natürlich haben wir hier andere Herausforderungen und größere finanzielle Probleme, aber das macht erfinderisch und das, was wir in diesem Rahmen geschafft haben, ist bemerkenswert. Stolz bin ich insbesondere auf die Etablierung der Herner Schulmodernisierungsgesellschaft. Mein Baby ist mittlerweile in vielen Städten geklont. Als ich gewählt wurde, stand die Frage im Raum, ob einer aus der Privatwirtschaft Kämmerer kann. Ich denke, ich habe auch den damaligen Kritikern gezeigt, dass ich es kann.

Friedrichs: Ich habe tatsächlich in den vergangenen Jahren genügend Angebote von Städten mit anderen finanziellen Rahmenbedingungen und mit für mich persönlich besseren Konditionen bekommen. Aber ich bin bewusst geblieben, weil ich nicht vor Herausforderungen weglaufe und auch fest hierin der Region verwurzelt bin. Hier waren meine gesamten beruflichen Stationen. Als ich zum Beigeordneten gewählt wurde, waren sich auch nicht alle sicher, ob ich das gut machen würde – mich selbst eingeschlossen. Aber jetzt übergebe ich meinem Nachfolger Stefan Thabe ein gut bestelltes Dezernat samt Tochtergesellschaften wie beispielsweise der Stadtentwicklungsgesellschaft. Mit Oberbürgermeister Dr. Frank Dudda haben unsere Entwicklungsthemen natürlich auch einen großen Schub bekommen.

Was wird Ihnen im Ruhestand fehlen?

Friedrichs: Mir werden die Kontakte zu vielen Menschen fehlen. Aus dem Status des Dezernenten habe ich mir eher wenig gemacht – vielleicht bin ich da etwas untypisch. Ich hatte zuvor schon ein paar berufliche Stationen und wenn ich dort gegangen bin, war der Tenor:  Schade, dass er geht.‘ Wenn das nun auch so wäre, fände ich das schon schön. Aber allzu viel Zeit, mich damit zu beschäftigen, hatte ich noch nicht. Hans Werner Klee und ich werden bis zum letzten Arbeitstag voll eingespannt sein. Vermutlich wird die letzte große Amtshandlung die Teilnahme an einem Spatenstich für ein großes städtisches Neubauprojekt sein. Aber natürlich stehe ich auch künftig gerne bereit, wenn meine Expertise gefragt sein sollte.

Klee: Das gilt für mich auch. Von 100 auf null herunterzufahren, ist vermutlich auch nicht ganz gesund. Wenn ich mich künftig für die Stadt einsetzen kann, mache ich das gerne, aber es ist dann kein berufliches Muss mehr dahinter.

Interview: Christoph Hüsken     Fotos: Thomas Schmidt