„Gladiatoren gegen die Politik und Verwaltung”
Das erste „Wir-sind-eine-Stadt“-Fußball-Derby zwischen dem DSC und der Westfalia am 13. April 1975. Wanne-Eickeler Kicker fühlten sich als „Kämpfer gegen die Eingemeindung“.
50 Jahre Städteehe! Das sind auch fünf Jahrzehnte sportliche Rivalität zwischen den Vereinen in Alt-Herne und der bis zum 31. Dezember 1974 eigenständigen Stadt Wanne-Eickel. Die Kufen-Cracks des Herner EV, die Handballer des DSC Wanne-Eickel in ihrer Blütezeit zwischen 1985 und 1991, die Basketball-Damen des Herner TC in ihrem Double-Jahr 2019 – sie schaffen und schufen zumindest etwas gemeinsame sportliche Identität mit der neuen Großstadt über die Grenze A 43 hinweg.
Nicht so im Fußball! Vor allem nicht am 13. April 1975. Ein Sonntag, an dem es in der Verbandsliga zum ersten „Wir-sind-eine-Stadt“-Derby zwischen dem DSC Wanne-Eickel und der Herner Westfalia kam. Mit doppelter Brisanz! Zum einen war der DSC drei Spieltage vor Saisonschluss der einzige ernsthafte Konkurrent des SCW um den Aufstieg in die 2. Bundesliga, zum anderen war da die „Eingemeindung“, wie die Städteehe in Wanne-Eickel hieß. Die Schwarz-Gelben mit Kickern wie Norbert Lücke, Günter Gehlisch, Uli Seidel oder Hannes Oehler wurden urplötzlich zu Gladiatoren gegen die Politik und die Verwaltung. „Sportlich ging es um den Aufstieg in die 2. Liga, aber es schwang mehr mit. ‚Sonne, Mond und Sterne – sch… über Herne! ‘, das galt nicht nur der Westfalia, sondern der ganzen Eingemeindung“, erinnerte sich Uli Seidel vor zehn Jahren in einem WAZ-Bericht des Historikers Ralf Piorr. Und weiter: „Wir wurden lange als Heitkamp-Club durchaus misstrauisch beäugt, sprangen dann auf der Beliebtheitsskala aber nach oben. In den Augen der Leute hielten wir den Namen
Wanne-Eickel hoch und wurden damit zum Symbol der ehemaligen Stadt.“
Polizei rief Fans im Vorfeld zur Besonnenheit auf
Tage vor dem ersten „Neu-Herner-Lokalduell“ rief die Polizei alle Besucher zur Besonnenheit auf, kurz vor dem Spiel musste sie den Verkehr regeln, denn über 12.000 zahlende Fans sorgten für verstopfte Straßen rund um den Sportpark Wanne-Süd. Und auf dem Feld? Es ging zur Sache. Am Ende hieß es 2:2, die Westfalia mit Legenden wie Jochen Abel, Gerd Wiesemes und Dieter Walendi haben einen wichtigen Punkt erkämpft. Hernes erster gesamtstädtischer Oberbürgermeister Manfred Urbanski wurde in der WAZ so zitiert: „Mit dem Ausgang bin ich in jeder Hinsicht zufrieden. Bedauerlich nur die Nickeligkeiten
bei den Spielern in der ersten Spielphase. Erfreut war ich über die großartige Zuschauerkulisse, und die Besucher waren sportlich fair.“
„Mit dem Ausgang bin ich in jeder Hinsicht zufrieden. Bedauerlich nur die Nickeligkeiten
bei den Spielern in der ersten Spielphase. Erfreut war ich über die großartige Zuschauerkulisse, und die Besucher waren sportlich fair.“
Neuauflage auf den Tag 50 Jahre danach
Und heute, fünf Jahrzehnte Jahre später? Der DSC und der SCW spielen zwar (wieder) in einer Klasse, der Westfalenliga, doch die Brisanz von 1975 ist längst Geschichte. In beiden Vereinen spielen kaum noch „eingeborene“ Herner oder Wanne-Eickeler, auch die Fans zeigen dem Derby die kalte Schulter. Nicht 12.000, sondern wohlwollend geschätzte 300 sahen im letzten Oktober den 7:2-Sieg des SCW über den Nachbarn. „Für mich gibt es die große Rivalität zwischen uns nicht mehr“, sagt Ingo Brüggemann, „die spüren nur noch einige ältere Semester. Ein Spiel gegen den DSC ist für uns nicht anders als eines gegen Horsthausen oder Sodingen“. Der aktuelle SCW-Vorsitzende hat das Duell vor fast 50 Jahren nicht live mitverfolgt, „damals war ich gerade einmal zwei Jahre jung.“ Ganz anders Torsten Biermann. Der Fußball-Chef des DSC sah mit damals knapp 16 Lenzen sein erstes Derby. Auch für ihn ist die ewige Rivalität abgeebbt: „Wir sind heute vernünftige Konkurrenten. Nur für unsere Anhänger ist es weiterhin das wichtigste Spiel der Saison. “Aber eine Besonderheit gibt es doch noch: Auf den Tag genau 50 Jahre nach dem ersten „Wir-sind-eine-Stadt“-Derby stehen sich der DSC und die Westfalia wieder gegenüber, am 13. April 2025 in Wanne-Eickel! Hat bei dieser Ansetzung der Fußballgott seine Hände im Spiel gehabt?
