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Geblitzt!

Geschwindigkeitsüberwachung in Herne

Die Radar-Anlage an der Wakefieldstraße hat schon so manchen Raser überführt. © Nina-Maria Haupt, Stadt Herne

Sie erwischen Menschen oft unerwartet, während diese essen, telefonieren oder den Finger in der Nase haben. Die Fotos, die dabei entstehen, sind selten hübsch. Aber sie müssen auch nur beweisen, dass jemand zu schnell gefahren ist. Inherne hat hinter die Kulissen der Radarüberwachung geschaut und die Mitarbeiter einen Tag lang begleitet.

  • Bewacht die Kreuzung: Die Blitzampel an der Holsterhauser Straße… ©Nina-Maria Haupt, Stadt Herne

Schon in den ersten Minuten wird klar, dass die Mitarbeiter des Kommunalen Ordnungsdienstes ein dickes Fell brauchen: Autofahrer, die die Kontrolleure an einer stationären Blitzanlage sehen, hupen, schimpfen, machen wütende Gesten oder gucken finster. Dabei ist gerade keiner von ihnen geblitzt worden. Aber der bloße Anblick einer Kontrolle genügt schon, um den einen oder anderen Autofahrer in Rage zu bringen.

Wegen wenigen Euro vor Gericht

Das sehen auch die beiden Amtsrichter, die sich an diesem Tag die neue Radar-Anlage an der Wakefieldstraße zeigen lassen. Der erste zuständige Richter für Ordnungswidrigkeiten und seine Stellvertreterin überprüfen die Eichmarken und lassen sich erklären, wie die Blitzanlage korrekt eingestellt wird. Über die Rechtmäßigkeit von Bußgeldern zu entscheiden ist ihre tägliche Aufgabe, denn viele der erwischten Verkehrssünder klagen gegen die Bescheide. „Zwei Tage pro Woche bin ich vor Gericht“, erklärt Marcus Kronenberg von der Radarüberwachung, „Und wir gewinnen fast immer. Oft gehen die Leute für zwölf Euro vor Gericht und wenn sie verlieren, wird es viel teurer.“

Anschläge auf Radar-Anlagen

Drei stationäre Blitzanlagen gibt es in Herne und Wanne-Eickel: Zwei davon überwachen die Geschwindigkeit, eine an der Wakefieldstraße, eine an der Sodinger Straße, Ecke Lütgebruch. Der dritte Blitzer überwacht die Kreuzung, wo die Holsterhauser Straße auf den Westring trifft. Dort wird nur geblitzt, wer bei rot über die Straße fährt. Die Standorte haben die Mitarbeiter der Radarüberwachung danach ausgewählt, wo statistisch die meisten Unfälle passiert sind. „Inzwischen ist die Zahl der Unfälle dank regelmäßiger Kontrollen  aber deutlich zurückgegangen“, sagt Sigrid Mertens, Abteilungsleiterin der Ordnungs- und Außendienste. So gab es in den vergangenen Jahren nur eine Verkehrstote in Herne, die von einem Auto angefahren wurde. In früheren Jahren waren es oft mehrere. „Wenn auch nur ein Mensch weniger überfahren wird, hat sich unsere Arbeit gelohnt“, ist Nicole Dolega überzeugt.

Beliebt sind die Blitzer trotzdem nicht. Der Rotlichtblitzer an der Holsterhauser Straße wurde im Winter mit blauen Farbbeuteln beworfen, ein anderer Starenkasten wurde sogar mit Brandbeschleuniger begossen und angezündet. Die Stadt musste eine neue Radaranlage aufstellen. Diese wurde aufgrund begründeter massiver Anwohnerbeschwerden installiert, berichtet Mertens. Denn in der Zeit, wo die Sodinger Straße nicht überwacht war, häuften sich die Beschwerden über Raser vor dem Kindergarten und LKW, die mit überhöhter Geschwindigkeit vorbei donnern. Der Lärm und die Vibrationen wollten die Bürger nicht länger ertragen.

Zentimetergenau gemessen

Auch Anwohner anderer Straßen melden sich oft und wünschen sich Radarkontrollen in ihrer Straße oder vor Schulen und Kindergärten. Die Mitarbeiter der Verkehrsüberwachung fahren dann mit den Radarwagen, Autos mit mobilen Blitzanlagen, zu den Messpunkten. Dabei wird jeder Einsatz akribisch dokumentiert, damit er vor Gericht auch Bestand hat. Jedes Mal füllen die Kontrolleure Protokollbögen aus: Wann hat die Messung begonnen? Wann wurde sie beendet? Wie viele Fahrzeuge sind vorbei gefahren und wie viele davon zu schnell?

Für die Messungen müssen die Mitarbeiter der Verkehrsüberwachung Profis im Einparken sein – denn auch der genaue Abstand des Radarwagens zur Bordsteinkante muss dokumentiert werden. Zentimetergenau richtet Marcus Kronenberg den Wagen am Straßenrand aus, misst nach und berechnet ein, dass das Auto vorne und hinten eine unterschiedliche Spurbreite hat. Als der der Wagen steht, geht es los mit der aufmerksamen Messung. Der Überwacher muss das Geschehen auf der Straße beobachten und darf nicht etwa Zeitung lesen oder spazieren gehen. Zu Beginn und Ende einer Messung, macht er ein Testfoto, das nicht ausgewertet wird. „Ich versuche, für die Testbilder einen Moment abzupassen, in dem keiner vorbei fährt. Sonst sind die Autofahrer irritiert und rufen nachher bei uns an“, weiß Kronenberg.

Mancher Autofahrer rastet aus

Regelmäßig bekommt er es aber auch mit wütenden Verkehrssündern zu tun, die nicht einsehen, dass sie zu schnell unterwegs waren. „Immer wieder kommen Leute, die ich geblitzt habe, zurück und wollen mit mir diskutieren. Wenn sie mich zu sehr ablenken, unterbreche ich die Messung. Viele regen sich auf und haben gar kein Unrechtsbewusstsein. Wir haben ein paar Leute, die wir schon mit Namen kennen, so oft werden die geblitzt. Man sieht nur das Nummernschild und weiß schon, wen man nachher auf dem Foto hat“, berichtet er. Einige Autofahrer kennen auch schon die Autos mit den mobilen Blitzern und hupen und schimpfen schon, wenn sie ihnen an einer Ampel begegnen. „In diesem Job muss man es schon lieben, gehasst zu werden“, meint Kronenberg. Warum er sich trotzdem dafür entschieden hat? „Ich habe vorher im Einkauf gearbeitet und KFZ-Ersatzteile und Diesel bestellt. Irgendwann wollte ich nicht mehr den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen.“

Wegen der mitunter aggressiven Bürger telefonieren die Verkehrsüberwacher regelmäßig miteinander und erkundigen sich, wo die Kollegen sind und ob alles in Ordnung ist. Wenn es bedrohlich wird, rufen sie die Polizei, die den einen oder anderen tobenden Raser wieder zur Vernunft bringt. Manche Autofahrer werden sogar ausgesprochen kreativ, um die Geschwindigkeitsmessung zu sabotieren. Sie stellen sich dicht an die Scheibe der Messwagen oder versuchen, die Tempo-Schilder zu manipulieren. Einer hat den Messwagen sogar mit Döner beworfen. Andere meinen, wenn sie nur lange genug schimpfen oder wütende Briefe schreiben, könnten sie das Knöllchen abwenden. Funktioniert hat das noch nie.

Raser, Nackte und andere skurrile Fotos

Bilder einfach verschwinden lassen, können die Mitarbeiter des Ordnungsdienstes nicht. Ausgewertet wird immer die gesamte Serie, weil diese im Streitfall vor Gericht vorgelegt werden muss. Auch wenn die Mitarbeiter Kollegen auf den Bildern erkennen, müssen sie die Fälle selbstverständlich bearbeiten. Marcus Kronenberg ist es schon einmal passiert, dass er einen Bußgeldbescheid bekommen hat: „Die Kollegin hat mich später gefragt, was denn mit mir los gewesen sei, ich weiß ja, wo die Blitzer stehen und hätte eigentlich aufpassen müssen.“ Das Bußgeld habe er dann einfach bezahlt.

Immer wieder halten die Radar-Anlagen auch komische Situationen fest: Den maskierten Nackten zum Beispiel, der mal zu schnell unterwegs war und dabei aus dem Schiebedach seines Wagens guckte. Leichtes Grinsen bei den weiblichen Verkehrsüberwachern: „Man konnte sehr viel sehen und offensichtlich war dem Mann kalt…“ Oder der Wagen vom Winterdienst, der früh morgens bei Glatteis streuen wollte, dabei selbst auf Eis geriet und über eine rote Ampel rutschte.

Eher erschreckend ist der Rekordhalter an der Wakefieldstraße, ein Taxifahrer, der mit 114 Stundenkilometern unterwegs war – anstatt der erlaubten 50. Wie gefährlich das werden kann, rechnet Kronenberg vor: Wer mit 50 Stundenkilometern im Auto unterwegs ist, kann oft noch schnell genug bremsen, wenn dreißig Meter vor ihm ein Fußgänger auf die Straße läuft. Wer 70 fährt, hat den Fußgänger oft schon überfahren, bevor das Auto zum Stillstand kommt.

Im Gedächtnis geblieben ist auch der Autofahrer, der zuerst von einem stationären Blitzer erwischt wurde, kurze Zeit später in eine mobile Radarfalle fuhr, wütend umdrehen wollte, um den Menschen im Radarwagen zur Rede zu stellen – und dabei noch einmal von der Polizei geblitzt wurde, die in der Gegenrichtung kontrollierte.

Nina-Maria Haupt