„Herne kann Prototyp werden“

7. Januar 2024 | Ausgabe 2024/1

Verkehrsgeograf Prof. Dr. Rudolf Juchelka spricht über die Seilbahn in Herne

Die Pläne der Stadt Herne, eine Seilbahn zu bauen, sind in aller Munde. Sie soll den Hauptbahnhof Wanne-Eickel mit dem „Techno Ruhr International“, einem nachhaltigen Innovationsquartier, das auf dem ehemaligen Gelände der Zeche General Blumenthal entstehen soll, miteinander verbinden. Eine Seilbahn kann die etwa einen Kilometer lange Strecke in circa dreieinhalb Minuten fahren. inherne hat bei Prof. Dr. Rudolf Juchelka nachgefragt, wie er die Pläne einschätzt. Prof. Dr. Juchelka lehrt an der Universität Duisburg-Essen Wirtschaftsgeografie und ist Mitglied des Arbeitskreises „Urbane Seilbahnen“ des Bundesverkehrsministeriums.

Herr Prof. Dr. Juchelka, Sie haben sich mit den Plänen der Seilbahn in Herne beschäftigt. Wie schätzen Sie diese ein?

Prof. Dr. Rudolf Juchelka: Die Idee, dass Herne eine Seilbahn baut, finde ich erstmal gut. Eine Stadt muss den Vorreiter spielen, damit auch andere Städte sehen, dass es funktionieren kann. Immer nur auf dem Plan zu arbeiten, macht wenig Sinn. In den Köpfen vieler Menschen ist die Seilbahn mit Alpen und Skiurlaub verknüpft. Auch da muss mal ein Zeichen gesetzt werden, dass mit dieser alternativen Mobilitätsform mehr gemacht werden kann. Herne könnte Prototyp für weitere Seilbahnentwicklungen in ganz Deutschland werden.

„In La Paz ist ein richtiges Seilbahnnetz entstanden. Die Menschen dort akzeptieren die Seilbahn als Teil des öffentlichen Nahverkehrs.“

Was sind denn die großen Vorteile einer Seilbahn?

Juchelka: Die Seilbahn hat den Vorteil, dass sie schnell errichtet werden kann, man keine langen Schienenverkehrssysteme braucht. Sie brauchen Ständer, dazwischen wird ein Seil gespannt und Stationen. Aber die Stationen sind punktuell und damit auch übersichtlich. Straßengebundene Verkehre müssen oft Umwege fahren. Sie können nicht durch Häuser fahren zum Beispiel, das kann man mit einem Überflug leicht lösen.Aber über Wohnhäuser ist der Herner Streckenverlauf ohnehin nicht vorgesehen. Außerdem haben Seilbahnen eine enorme Kapazität. Sie können schnell viele Leute transportieren.

Der Hauptbahnhof wäre also das Hindernis, das nicht durchfahrbar ist.

Juchelka: Gerade der Hauptbahnhof und Schienen sind Barrieren für die Stadtentwicklung. Unten drunter herfahren wäre möglich, aber U-Bahnbau ist zu teuer und technisch sehr aufwändig, kaum realistisch. Lange Umfahrungen kosten Fahrzeit und viel Planungsaufwand.

Sie haben gesagt, dass die Seilbahn häufig mit Bergen assoziiert wird. Was sagen Sie diesen Menschen?

Juchelka: Das ist eine typisch deutsche Sichtweise. In den Bergen finden alle die Seilbahn toll. Man denkt, eine Seilbahn muss Hügel überwinden. Aber eine Seilbahn ist ein eigenständiges Verkehrsmittel wie die Straßenbahn. Die Menschen haben oftmals eine gewisse Denkblockade aus Unkenntnis. Kurioserweise gibt es viele urbane Seilbahnen in Entwicklungsländern, zum Beispiel in Bolivien. In La Paz ist ein richtiges Seilbahnnetz entstanden. Die Menschen dort akzeptieren die Seilbahn als Teil des öffentlichen Nahverkehrs. Diese Denkweise ist bei uns noch nicht da. Und da könnte Herne einen Impuls geben, die Denkweise zu verändern.

Sehen Sie denn auch Risiken, die das Großprojekt mit sich bringt?

Juchelka: Man weiß nicht sicher, wie viele Menschen die Seilbahn tatsächlich nutzen werden. Das kann man vorher nicht prognostizieren. Es gibt auch manchmal die Problematik, dass Seilbahnen über Gebiete fliegen, wo Eigentumsrechte bestehen. Aber da bieten die Seilbahnhersteller Milchglasböden und -fenster an, die diese Bereiche abdecken, wenn die Gebiete überflogen werden. Da gibt es gute Lösungen. Aber die Problematik mit den Eigentumsrechten hat Herne schon gelöst. Wichtig ist, dass die Bürger frühzeitig ins Boot geholt werden.

Was muss Herne für die weitere Planung berücksichtigen, damit es auch erfolgreich wird?

Juchelka: Herne hat die Idee, sie wurde von Anfang an gut kommuniziert. Das ist ganz wichtig. In der heutigen Zeit ist die Kommunikation die halbe Miete. Diese muss ergänzt werden durch Partizipation. Damit ist nicht gemeint, dass die Bürger alles entscheiden. Wir haben geordnete Planungsverfahren und Repräsentanten im politischen Raum, die das entscheiden können. Aber es ist wichtig, die Bürger mitzunehmen, die Interessen zu verstehen, wahrzunehmen und sich auch mit den Gegnern auseinanderzusetzen. Darüber hinaus sollte früh Kontakt zu Partnern aufgenommen werden: Seilbahnhersteller, Anbieter des öffentlichen Nahverkehrs. Denn eine Seilbahn muss integriert sein, in ein Netz- und ein Tarifsystem. Das sollte von Anfang an berücksichtigt werden. Das ist in Herne auch der Fall.

Aber eine Seilbahn kostet auch viel Geld.

Juchelka: Ohne Förderprogramme sind solche Projekte kaum realisierbar. Fördermöglichkeiten gibt es schon in der Initialphase. Stadtentwicklung, Mobilitätswende und Wirtschaftsstandortentwicklung – bei diesem Dreiklang kann das Projekt in Herne ein voller Erfolg werden.

Wie werden Sie das Projekt weiterverfolgen?

Juchelka: Wir sind mit der Stadt im Gespräch, wie wir die Effekte für den Innenstadtbereich untersuchen können. Es profitieren nicht nur die Menschen, die dort arbeiten, sondern damit wird der Standort Hauptbahnhof und das Umfeld aufgewertet. Wir möchten durch eine begleitende Praxisstudie diese Effekte schon frühzeitig messen.

Interview: Anja Gladisch     Fotos: Thomas Schmidt