Herne setzt ein Zeichen gegen sexuelle Gewalt

7. Januar 2024 | Ausgabe 2024/1

Hilfe für junge Betroffene und Angehörige

Wenn Kinder ihren Eltern von sexuellen Übergriffen berichten, Lehrkräfte Situationen beobachten, die sie beunruhigen, oder Sorgeberechtige erfahren, dass die Schützlinge sexualisierte Gewalt erlebt haben, sind das stark belastende Situationen – für die Betroffenen, aber auch für die Angehörigen. Bei der Stadt Herne gibt es seit etwas mehr als einem Jahr ein Beratungsangebot bei sexualisierter Gewalt für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis 27 Jahre sowie deren Angehörige.

Döndü Tekin und Christian Koßek haben als Sozialpädagog*in und Sozialarbeiter*in im vergangenen Jahr etwa 200 Beratungsgespräche geführt. Darunter waren auch viele Angehörige. „Angehörige, die nicht Täter sind“, betont Döndü Tekin, die weiß, dass sexualisierte Gewalt auch innerhalb der Familie stattfinden kann.

Anonyme Beratungen

Die Beratungen seien ganz unterschiedlich, wie die beiden berichten. Teilweise würden sich Lehrkräfte melden, die telefonisch nur um eine Einschätzung bitten. Aber auch Jugendliche melden sich, die über einen Übergriff sprechen möchten. Manche Eltern oder Kitapersonal würden um Beratung bitten. „Wir schauen erstmal, welche Anliegen die Personen haben. Wir klären den Auftrag an uns. Gibt es Informationsbedarf? Was ist von uns gewünscht? Wir gehen dann erstmal mit der Vertrauensperson ins Gespräch“, erklärt Christian Koßek. Dabei ist es auch möglich, dass Beratungen anonym bleiben, gar nicht dokumentiert werden. Das Tandem meldet auch nichts dem Jugendamt oder überredet zu einer Anzeige. „Unsere Aufgabe ist die Entlastung. Bei Kindern geht es mehr darum, sozialpädagogisch mit therapeutischen Methoden zu arbeiten, um sie im Alltag zu stärken. Dabei muss auch nicht unbedingt über den sexuellen Übergriff gesprochen werden. Das ist alles freiwillig. Es geht darum, dem Kind und den Jugendlichen zu helfen“, erklärt der städtische Mitarbeiter. Bei der Beratung von Vertrauenspersonen sei es wichtig, in Krisen zu beruhigen, über Möglichkeiten aber auch Fehler zu informieren und die Vertrauensperson in der eigenen Handlungsfähigkeit zu unterstützen.

„Wir haben nicht den Auftrag etwas zu melden. Auch wenn unser Bauchgefühl sagt, dass es eine Anzeige wert wäre. Wir überzeugen unser Gegenüber nicht davon eine Anzeige zu erstatten. Das, was wir machen, ist gemeinsam zu gucken: Welche Vor- und Nachteile hat eine Anzeige? Womit muss man rechnen? Wir wollen da Wissen vermitteln“, berichtet Tekin. Häufig teilt sich das Duo in den Gesprächen auf – jemand übernimmt die Sorgeberechtigten, jemand das betroffene Kind. So gebe es auch die Wahlmöglichkeit, ob Gespräche lieber mit einem Mann oder einer Frau geführt werden. Einen wichtigen Tipp haben die Expert*innen für Eltern: „Geschlechtsorgane sollten benannt werden – auch im frühkindlichen Alter, damit Kinder die Möglichkeiten haben, sich konkret auszudrücken. Häufig können Kindern nicht richtig berichten, was passiert ist, weil ihnen die Sprache fehlt“, so Tekin.

„Unsere Aufgabe ist die Entlastung.“

Döndü Tekin

Christian Koßek

„Wir sind diejenigen, die Betroffenen und Eltern ein gutes Gefühl geben. Sobald sie mit einem Lächeln rausgehen, also Entlastung erfahren haben, sind wir zufrieden.“

Unterschiedlicher Gesprächsbedarf

Viele Erzählungen, die die Beratungsstelle hört, seien in einem Graubereich und dadurch nicht minder belastend. Manche Menschen würden über ein Jahr begleitet, anderen reicht ein erstes Informationsgespräch. Jugendliche können sich auch für ein Erstgespräch melden, ohne dass die Sorgeberechtigten informiert werden würden. „Wir schauen, was braucht das Kind? Vielleicht eine Langzeittherapie? Dann versuchen wir die betroffene Person oder die Sorgeberechtigten bei der Suche nach einem Therapieplatz zu unterstützen, wenn dies gewünscht ist. Wir begleiten und betreuen diese Kinder, bis die Therapie starten kann. Wir unterstützen auch einige Betroffene, die unter Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörungen leiden. Diese Menschen benötigen häufig über einen längeren Zeitraum intensive Unterstützung“, erklärt Döndü Tekin. Aber sie beraten nicht nur Betroffene von sexualisierter Gewalt. Auch übergriffige Kleinkinder und Kinder bis zwölf Jahren, da diese noch nicht strafmündig sind und häufig selbst belastet sind oder sexualisierte Gewalt gesehen oder erlebt haben, sowie deren Angehörige können beraten werden. Und auch, wenn die Erzählungen teilweise sehr hart wären, beide lieben die beratende Tätigkeit: „Wir sind diejenigen, die Betroffenen und Eltern ein gutes Gefühl geben. Sobald sie mit einem Lächeln rausgehen, also Entlastung erfahren haben, sind wir zufrieden“, berichtet Tekin.

Kontakt
Ihren Sitz hat die Beratungsstelle im Gebäude der ehemaligen Königin-Luisen-Schule, Wilhelmstraße 88. Aber es gibt auch die Möglichkeit, sich im Stadtteilzentrum H2Ö, Hölkeskampring 2, zu treffen. In Einzelfällen, damit Kinder im häuslichen Umfeld getroffen werden, sind auch Hausbesuche möglich. Die Beratungsstelle ist telefonisch über das Sekretariat der Familien-und Schulberatung erreichbar unter Telefon 0 23 23 / 16 – 36 40 oder per E-Mail an doendue.tekin@herne.de oder christian.kossek@herne.de.

Text: Anja Gladisch     Fotos: Frank Dieper