Ausgezeichnete Literatin aus Syrien lebt gerne hier
„Dieses Land hat mir so viel gegeben. Die Chance sichtbar zu sein. Als Mensch. Als Frau. Als Schriftstellerin. Als Dichterin.“ Lina Atfah ist dankbar. Und ihre Dankbarkeit zeigt sie gerne und oft. Auch im Gespräch mit inherne, zu dem sie – obwohl schon ziemlich sattelfest in der deutschen Sprache – ihren Mann Osman Yousufi mitgebracht hat.
Der Physiklehrer und Vater der gemeinsamen Zwillinge hilft, wo er kann, auch bei der Übersetzung der inzwischen vielfach preisgekrönten, zumeist lyrischen Texte. Gemeinsam, mit leichtem zeitlichen Versatz, sind die beiden vor gut zehn Jahren aus Syrien nach Deutschland gekommen und geblieben. Die kleine Familie lebt in Wanne-Mitte und fühlt sich hier wohl. „Wir sind nicht so sehr in der Community vernetzt. Unsere Freunde kommen auch eher nicht aus Herne, leben zum Beispiel in Berlin oder Hamburg. Aktuell stehen Arbeit und Familie aber ohnehin im Vordergrund“, erklärt Lina Atfah, die ihr Geld mit der Schriftstellerei verdient.
Chancen nutzen
„Das läuft schon ganz gut, sollte in Zukunft allerdings noch mehr werden. Ich bin aber zuversichtlich und werde die Chancen, die ich in Deutschland bekomme, weiter nutzen.“ Dass dies keine leeren Worthülsen sind, hat Atfah bereits unter Beweis gestellt. Für die Anthologie „Deine Angst – dein Paradies“ erhielt sie 2017 den „Kleinen Hertha Koenig-Preis“. 2019 bekam sie das IKF-Arbeitsstipendium für Autor*innen im Ruhrgebiet. 2023 gewann sie mit ihrem zweisprachigen Lyrikband „Grabtuch aus Schmetterlingen“ zusammen mit dem Übersetzungsteam Brigitte Oleschinski und Osman Yousufi den mit 15.000 Euro dotierten Hauptpreis des Literaturpreises Ruhr. In ihrer Heimat waren die Voraussetzungen ungleich schlechter: „In Syrien konnte ich mit dem Schreiben nichts verdienen, auch nicht nach dem Studium. Die Diktatur dort lässt es nicht zu, eigene Kreativität frei auszuleben. Es gibt dort so gut wie keine freie Kunst und Literatur. Schreiben ist hier bestenfalls ein Hobby, Literatur ist ein Luxus, den man sich leisten können muss. Leben kann dort so gut wie niemand davon. Erst in Deutschland habe ich gelernt, dass es dafür auch eine hohe Wertschätzung geben kann, zumal es sich aus meiner Sicht wirklich um harte Arbeit handelt.“

Sehnsucht als Triebfeder
Kontakte in die Heimat und die Welt hält Lina Atfah indes weiter: „Über Facebook bin ich mit einigen Autoren aus Syrien verbunden. Allein in Deutschland gibt es viele geflüchtete Schriftsteller aus Syrien. Wir sind gut vernetzt, auch dank der Hilfe in Deutschland. Zudem habe ich in Nino Haratischwili bei ,weiterschreiben.jetzt‘, einem Portal für Literatur aus Kriegs- und Krisengebieten, eine Tandempartnerin gefunden, die mich ungemein inspiriert hat und mich unterstützt. Auch die Nominierung für meinen ersten Preis kam von ihr. Daraus entstand dann auch der Kontakt zu meinem Verleger, mit dem ich mein erstes eigenes Buch herausbringen konnte. Aktuell gibt es von mir zwei Bücher, als nächtes folgen ein Roman und ein Gedichtband.“ Sehnsucht, die nicht selten auch eine Triebfeder ihrer literarischen Gedanken ist, treibt sie ebenfalls um: „Natürlich gibt es noch den Wunsch in mir, wieder in das Syrien meiner Kindheit zurückzukehren. Doch das ist unmöglich, meine Familie steht nach wie vor unter ständiger Beobachtung. Schade, denn am meisten vermisse ich an meiner Heimat die Freunde. Aber auch die Sonne und die Natur fehlen mir. Und unser Haus und der Ausblick.“
Freiheit und Selbstbestimmung
An Deutschland gefällt ihr vor allem die Freiheit, selbstbestimmt und individuell leben zu dürfen. „Das ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was in Syrien möglich ist. Hier kann man über alles schreiben und alles sagen, ohne Angst haben zu müssen. Allerdings ist es für Syrer in Deutschland auch schwer, da sie kaum mit einer gemeinsamen Stimme sprechen. Die diktatorischen Strukturen in unserer Heimat haben dafür gesorgt, dass die Menschen genau das verlernt haben, weil es konsequent unterdrückt wurde und wird. Das fängt bei uns schon in der Schule an. Das alles hinterlässt Spuren auf den Seelen der Menschen, der Druck ist beständig und groß. In Deutschland bin ich frei und kann heilen.“