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Jugendliche verändern die Welt

inszene

©Sascha Rutzen

Vom 11. bis 17. August breitet sich rund um das Dortmunder Big Tipi, dem größten Indianerzelt der Welt, das riesige Kreativ- und Theatercamp “Pottfiction” statt. Bei der Neuauflage des Gemeinschaftsprojekts aus dem Jahr 2010 waren auch Herner Jugendliche an der Planung beteiligt.

Der Name verrät es schon: Es geht um Fiktion. Um Ideen. Hundert Jugendliche aus fünf verschiedenen Städten kommen in Dortmund zusammen, um gemeinsam eine bessere Welt zu schaffen. So lautet der ideologische Ansatz.

Siehe dazu auch “Wir mussten alle gleich dumm machen”

Denn sieben Tage lang werden junge Kreative und Theatermacher zusammengebracht, um gemeinsam in einer Gemeinschaft zu leben und Ideen zu entwickeln: kochen, arbeiten, Theater spielen, feiern. Es geht um Nachhaltigkeit, um Romantik, um Neuschöpfung und vieles mehr. Ungewöhnlich bei diesem Projekt ist vor allem, dass sich die jungen Kreativen schon im Vorfeld bei der Planung des Camps eingebracht haben: Rund vierzig Jugendliche aus Bochum, Dortmund, Essen, Gelsenkirchen, Hamm und Herne waren seit November letzten Jahres an den Vorbereitungen beteiligt und haben an fünf Planungswochenenden intensiv an ihrer Vision vom Camp gearbeitet. Dabei ging es um so grundlegende Fragen wie Finanzierung der Unterkunft, Workshop-Angebote bis hin zur Abendgestaltung. Es galt nicht nur eine Veranstaltung zu planen, sondern ein ganzes Konzept zu entwickeln, in dem die selbstgewählten Werte der “Pottfictionisten” stecken.

  • Impressionen vom Kreativ- und Theatercamp “Pottfiction” ©Sascha Rutzen

Vierzig Jugendliche, fünf Städte, eine Vision

Ich schaue beim Treffen der Herner Pottfiction-Gruppe in der alten Grundschule im Dannekamp vorbei. Die insgesamt vierzehn Jugendlichen treffen sich hier seit Anfang Mai und kümmern sich um die anstehenden Aufgaben, die noch bis zum Camp erledigt werden müssen. Die Theaterleitung baut Schnittlauch für die Camp-Küche im Garten an, die Teilnehmer feilen an ihrem Beitrag, denn jede Stadt soll etwas im Camp präsentieren. “Uns geht es nicht darum, ein anderthalbstündiges Stück zu machen. Vielleicht sitzen wir auch gar nicht auf der Bühne, sondern auf der Wiese!”, erklärt mir Manuel, der Gruppenleiter. Mehr verrät er nicht. “Beim letzten Mal wurde ein Stück geprobt – dieses Mal geht es um die Frage, was Theater für jeden einzelnen ist und wie er sich einbringen kann.”

Im Dannekamp feilt man an Ideen

Letztes Mal, das war 2009 bis 2010. Denn da wurde Pottfiction ins Leben gerufen – nämlich als Teil der Europäischen Kulturhaupstadt 2010 und wie heute schon gefördert durch die Mercator-Stiftung. Mit einem Eröffnungscamp in Gelsenkirchen und einem Abschlusscamp auf dem Gelände der Flottmannhallen fand damals ein Jahr lang Jugendtheater statt, und es gab einen regen Austausch zwischen den teilnehmenden Städten. Damals schon konnten sich die Jugendlichen ihr Camp zum Teil selbst gestalten und eigene Ideen umsetzen. Gegessen und gearbeitet wurde in großen Zelten oder LKW-Anhängern, das Gelände war übersät von Polstermöbeln. Ein open-air Wohnzimmer voll kreativer Spannung. Es gab ein großes Angebot von verschiedenen Workshops: Streetart, Orchester, Parcour, Film und Fotografie. Sogar eine eigene Camp-Redaktion gab es, die Beiträge für die Tageszeitung erstellte.

Nun, vier Jahre später, will man an den Charakter von früher anknüpfen und hat sich dazu auch einige der Jugendlichen von früher mit ins Boot geholt. Gemeinsam mit Theaterpädagogen und der Berliner Kreativ-Agentur anschlaege.de haben sie das kommende Camp auf die Beine gestellt.

Ein open-air Wohnzimmer als Kreativlabor

Ich schnappe mir vier Jugendliche aus der Herner Gruppe für das weitere Gespräch: Bartek, Lena, Joanna und Gerrit waren von Anfang bei den Planungstreffen seit November dabei und können mir viel erzählen. „Die Leitfragen für die Treffen waren immer anders”, erzählt mir Joanna. „In Herne haben wir Puppen gebastelt, um mit ihnen das Leben im Camp auf der Bühne zu inszenieren.” Gefallen hat das nicht allen: „Aber durch so einen schäbigen theaterpädagogischen Ansatz hat man spannende Sachen herausgefunden”, gibt Bartek zu. Zum Beispiel, was sie überhaupt für Erwartungen haben. “Wir versuchen ja, mit den Sachen, die wir machen, jemanden zu erreichen und zu berühren.”, sagt er. “Und zu schockieren!”, fügt Joanna an.

Man will berührend und schockieren

Schnell erzählen die Jugendlichen munter drauf los und lassen die vergangenen Monate, in denen sie in der großen Gruppe so viel diskutiert und überlegt, sich kennengelernt und auch gestritten haben, Revue passieren. Die Auseinandersetzungen haben sie in den meisten Fällen ihrem Ziel näher gebracht, aber “im Nachhinein ist es frustrierend, wieviel Zeit man vergeudet hat, bis man wusste, was man eigentlich will”, sagt Bartek. “Das ist halt die Natur des Projekts, dass wenn man viel Freiheit gibt und hat, nicht alles sofort auch klappt!”, ergänzt Lena. Den Jugendlichen ist klar geworden, dass Kreativität manchmal auch anstrengend sein kann.

Bei ihrem ersten Treffen in Gelsenkirchen vor acht Monaten ging es darum, sich auf Werte festzulegen, nach denen Pottfiction in Zukunft ausgerichtet wird, denn das Camp soll nun über mehrere Jahre immer wieder stattfinden. Man hat sich dazu auf zehn Begriffe geeinigt. Sie liefern die Basis dafür, was Pottfiction alles sein soll: schöpferisch, neugierig, achtsam, mutig, selbstbestimmt, leidenschaftlich, nachhaltig, verrückt, konfliktbewusst und romantisch.

Viel Freiheit bringt auch viele Diskussionen mit sich

Der Herner Gruppe wurde der Begriff „verrückt” zugeteilt – darum soll es in ihrem Beitrag fürs Camp gehen. “Prinzipiell ist das ein Blankocheck”, sagt Bartek. „Verrückt kann ziemlich vieles sein”, sagt Lena. Es geht um Definitionen, um kritisches Hinterfragen. Bei Pottfiction wird den Jugendlichen nichts aufgetischt, sondern sie sollen es sich selbst erarbeiten. Das Projekt lebt von den vielen Ideen und Meinungen der einzelnen und darum will ich wissen, was das Projekt für sie persönlich bedeutet. Keiner überlegt lange. Es scheint ganz klar zu sein. Bartek: “Hundert Jugendliche gequetscht auf engsten kreativen Raum. Das ist eine explosive Mische!”

Lena: “Pottfiction ist Raum und Möglichkeit, für Jugendliche ihre Ideen zu verwirklichen.”

Gerrit. “… und zu lernen! Es geht um Austausch und Meinungen.”

Alle sind sich einig: Das Camp rund ums Big Tipi in Dortmund wird spannend. Und wahrscheinlich auch verrückt.

Infokästchen: Wer mehr erfahren will, schaut im Internet auf dem Blog des Projekts vorbei (http://pottfiction.wordpress.com/) Es wird auch öffentliche Veranstaltungen geben!